Die Gedichte des Nicolas Born

Nach Borns erstem Roman "Der zweite Tag" (1965) wurde über zehn Jahre hinweg keine weitere Prosa-Arbeit mehr veröffentlicht, vor allem die poetische Auseinandersetzung hat also viel Zeit gekostet. Borns lyrische Sprache ist eigenwillig. "Marktlage" (1967), der erste Gedichtband Borns, wurde von der Kritik, wie schon sein erstes Buch "Der zweite Tag", als ein Versuch bezeichnet und doch ernstgenommen. Die Gedichte dieses Bands lassen sich ihrer Reihenfolge nach in thematische Gruppen einteilen. Die erste Gruppe greift Klischees der Politik, Zeitungen und "Meinungen" auf, andere erinnern an eine scharf belichtete Momentaufnahme aus dem Alltag (Krolow): "Es hat aufgehört zu regnen./ Die Markisen des Cafés tropfen./ Decken und Klappstühle sind eingeholt./ Wir können ja hineingehen."

Eine dritte Gruppe befasst sich mit Erinnerungen an vergangene Situationen und verstorbene Bekannte, und doch sind Borns Gedichte meist unaufdringlich und zurückhaltend.

Nebensächlichkeiten, aus dem Leben gegriffene Situationen und Biertischweisheiten werden hingestellt, höchstens umhüllt und verwirrt von unerwarteten Wortkombinationen, nie aber werden die Welt und das Leben zu erklären versucht. Seine Gedichte erscheinen "roh", und doch werden die vorgefunden Gegenstände selbst zur Poesie. In dieser Weise lässt sich auch der zweite Gedichtband Borns "Wo mir der Kopf steht" (1970) beschreiben. Wieder existieren thematische Gruppen, persönliche Erlebnisse und der Konflikt von durch Medien und Meinungen vermittelten Klischees, umschrieben mit Borns bekannter Sparsamkeit an Worten. Allerdings sind in diesem Gedichtband stärker die Auseinandersetzungen des Autors mit der politischen Situation nach 1968 vertreten, trotz alledem war Born nicht einfach zu den Schriftstellern dieser Zeit zu rechnen. Im Nachwort zu "Wo mir der Kopf steht" beschrieb sich Born als "Nachdenker von Vorgedachtem, als Nachsprecher von Vorgesprochenem, als Nachschreiber von Vorgeschriebenem, mithin von Vorschriften".

Den ästhetischen Wert der Poesie schien Born in seinem dritten Gedichtband "Das Auge des Entdeckers"(1972) zu "entdecken". Am Ende des Nachworts bestätigte er dies durch die Aussage, dass er schöne Gedichte schreiben wollte und einige wären zu seiner großen Überraschung auch schön geworden. Es ist nicht zu leugnen, dass ihm diese Schönheit auch gelungen ist. Ein Auszug aus dem kritischen Lexikon deutschsprachiger Gegenwartsliteratur trifft den Kern Borns Gedichte sehr passend:

" Die Gedichte umspielen verschiedene Momente der Erfahrung: was alltäglich ist und festlegend, einengend, zukunftslos, und determinierend, verlangt Widerstand in der Suche nach dem Gegenteil und sei es nur die ganz persönliche Befreiung. Born sprach deshalb vom Glück, von Wünschen, von Märchen, von Zukunft, von unscheinbar einfachen Momenten, vom Erwachen und Einschlafen."

 

Vergiss nicht, dir eine Wunde Offenzuhalten

Günter Kunert (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.03.1983)

"Liest man heute aufs neue seine in den Jahren 1967 bis 1978 verfassten und veröffentlichten Gedichte, fallen in ihnen zwei Dinge auf: ihre zeitresistente Vitalität und die in ihnen deutliche Latenz des Todes: Lebenssucht und Sterbensnähe in einer der Art engen Wirkgemeinschaft gemahnen an eine andere Epoche (...): das Barock.

Keiner für sich, alle für niemand

Günter Kunert (Frankfurter Rundschau, 15.07.1978)

"Von Anfang an, sobald sie überhaupt entstehen, seit etwa 1965, sind diese Gedichte überschattet von der Erfahrung des Auseinandergehens, der unausweichlichen Trennung, von Verlassen, Verlassenwerden und Verlassenheit, von Aufbruch und Abschied."

Jedes Wort eine zärtlich Berührung

Rudolph Langer (Süddeutsche Zeitung, 11.04.1978)

"Was von Anfang an auffällt: Für ihn gibt es keine Tabus, er sagt alles sehr persönlich und unmittelbar, jede banale Begebenheit ist gut für ein Gedicht (...). Das Ich muss fortan hinter dem Wort stehen. Seine sprachlichen Gesten werden genauer: Er wird groß im Rühmen und Verwerfen, wo er die Präzision eines Technikers zeigt, der mit leuchtenden Farben in der Sprach umgeht."

 

Quellenangaben:

*Kritisches Lexikon zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, hg. von Heinz Ludwig Arnold, 1978ff,München

*In memoriam N.B. (Rezensionen und Nachrufe), hg. von Walter Brockmann, 1999, Privatdruck im Verlag Willi Gorzny