Nicolas Borns "Die Fälschung":
Inhalt und Aufbau

Nicolas Born veröffentlichte 1979 im Rowohlt Verlag seinen dritten und anerkanntermaßen erfolgreichsten Roman: "Die Fälschung". So bezeichneten berühmte Literaturkritiker "Die Fälschung" als wichtigsten Roman "seit langer Zeit und für lange Zeit" (Eberhard Seybold, Frankfurter Neue Presse 30.11.1979) und einen der bedeutendsten Romane über Ethik im Journalismus überhaupt. In diesem Buch verarbeitete Born seine persönliche Krise und kritisierte gleichzeitig sowohl den sinnlosen Stellvertreter-Krieg im Libanon, als auch die unmoralische Berichterstattung der Journalisten für eine emotional immune Wohlstandsgesellschaft.

Umschlag der Originalausgabe

 

Taschenbuchausgabe

Die Hauptfigur des Romans ist Georg Laschen. Dieser ist einerseits ein Pseudonym für Nicolas Born, unter dem er seine persönlichen Einflüsse in den Roman einbringt, andererseits fließt auch der Charakter Kai Hermanns, der Borns unmittelbarer Nachbar war und mit seiner Damur-Reportage zur Entstehung des Romans beitrug, in die Person Georg Laschen ein. Laschen verkörpert einen typischen Journalisten und Familienvater der 70ger-Jahre, der, während er eine Reportage über den Krieg im Libanon schreibt, zu dem Schluß kommt, sein Leben gefälscht zu haben, und in eine sowohl private als auch berufliche Identitätskrise gerät, aus welcher er sich zu befreien versucht. Die berufliche Krise spiegelt sich in seinem Kollegen Hoffmann, der mit Laschen an der Reportage über den Krieg arbeitet, wieder, den man laut Born als den personifizierten "Schweinejournalisten" betiteln könnte. In Bezug auf Laschens persönliche Krise muss man wiederum seine Ehefrau Greta anführen, die sich wie Laschen sowohl aus einer Figur aus Borns Privatleben, nämlich seiner Frau Irmgard Born, als auch teilweise aus einer Aussenstehenden, Mike Hermann, Kai Hermanns Frau, zusammensetzt. Als Laschen versucht sich von seinem alten Leben und seinem früheren Umfeld abzuwenden, dient ihm Ariane Nassar, eine Angestellte der deutschen Botschaft in Beirut, als Fluchthelferin. Mit ihr will Laschen ein neues Leben beginnen, wird aber schon bald vor die bittere Tatsache gestellt, dass sie ihn in ihre Zukunft nicht einplant.

Die Standorte der Handlung dieses Romans wechseln zwischen dem vom Bürgerkrieg zerstörten Beirut, dem Hauptsitz von Laschens Zeitung, Hamburg, und dem hannoverschen Wendland, in dem sich Laschen zusammen mit seiner Ehefrau Greta niedergelassen hat. Während Laschen sich im Libanon aufhält, wird ihm bewußt, dass all das, was er sich in seinem bisherigem Leben aufgebaut hat, sein Fundament verliert. Er registriert, dass er sich mit seiner Ehefrau Greta auseinander gelebt hat und sie nur noch eine Scheinehe führen, die nicht mehr auf beidseitiger Zuneigung basiert, sondern auf der Angst sich voneinander trennen zu müssen. Während Laschen in seinem neuen Zuhause aufblüht und langsam beginnt ein Leben frei von Drogen und gesellschaftlichen Zwängen zu führen, verliert seine Frau Greta schnell das Interesse am Familienleben und an der Idylle des Wendlandes. Statt ein offenes Gespräch zu suchen, betrügen sich Greta und Laschen gegenseitig. So kommt es, dass sie immer weiter auf Distanz gehen und sich eigentlich nur noch gelegentlich sehen, um den Kindern das Gefühl von Beunruhigung zu nehmen. In seiner familiären Situation fühlt sich Laschen schließlich so unwohl, dass er sogar mit dem Gedanken spielt sich selbst umzubringen ("... ohne jeden Gedanken an Rückkehr, ja, er hatte schon auf seine Rückkehr verzichtet, ..., S. 171). Um dieser Situation aus dem Weg zu gehen, stürzt sich Laschen in seine Arbeit und nimmt Aufträge an, die ihn dazu zwingen aus den Krisenherden dieser Welt für seine Zeitung zu berichten. So führt ihn sein Beruf in den Libanon, wo er über den Bürgerkrieg zwischen Maroniten (rechtsextreme Falangisten), Muslimen und Palästinensern berichten soll. Unterstützt wird er dabei von dem professionellen Fotografen Hoffmann, der das Berichten über Kriegsdramen und Schicksale zu seinem Beruf gemacht hat. Unberührt von der Grausamkeit des Krieges geht Laschen zunächst seinem Beruf nach und recherchiert in gewohnter und geübter Manier. Er ist überzeugt von seiner Fähigkeit, den kommerziellen Kern in jeder "Story" zu erkennen und diesen mundgerecht zugeschnitten für die emotionslose Wohlstandsgesellschaft Deutschlands präsentieren zu können. Im Rahmen seiner Arbeit nimmt er in der deutschen Botschaft Kontakt zu Ariane Nassar auf. Mit dieser beginnt er schon bald ein Verhältnis, das zunächst nur oberflächlicher Natur ist, später aber intimen Charakter annimmt. Er ist fasziniert von der "deutschen Araberin" und träumt davon an ihrem Leben teilhaben zu können. In dieser Hoffnung sieht er sich auch bestätigt, als er Ariane hilft ihr langersehntes Kind zu adoptieren, wobei er zum ersten Mal seit langer Zeit wirkliche Vatergefühle verspürt. In dieser Situation entscheiden sich Laschen und Hoffmann, die Belagerung von Damur, welches die schönste Stadt des Libanon genannt wurde, zu dokumentieren. Die Belagerung der Stadt war die Antwort der Palästinenser auf das Massaker der Maroniten an den Lagern von Karantina. Hier trifft Laschen zum ersten Mal die volle Sinnlosigkeit und Grausamkeit des Bürgerkrieges, denn er wird Zeuge der Exekution einer Familie, wodurch die Lage der Menschen Laschen erstmals persönlich trifft. Damit verläuft der Krieg nicht mehr distanziert von Laschen, sondern berührt ihn jetzt bis ins Herz. Als er die volle Auswirkung des Konfliktes auf die Menschen mit ansehen muss, wird seine Lebens- und Berufsauffassung bis auf die Grundfesten erschüttert. Er sieht seine eigene Hilflosigkeit und falsche Teilnahme, als er nicht in der Lage ist die Hinrichtung zu verhindern (".., aber jetzt war wieder dieses starke Vergeblichkeitsgefühl da, das alle Möglichkeiten, etwas zu tun, schon in der Vorstellung lähmte." S.178).In diesem Augenblick der Gewissheit wird ihm bewusst, dass sein ganzes Leben eine "Fälschung" ist. Sowohl seine Ehe als auch die Reaktion auf das Massaker waren nur gefälscht. Nach dieser Einsicht stellt er auch die Auffassung von seinem Beruf von Grund auf in Frage. Er stellt fest, dass er nicht mehr in der Lage ist, über den Krieg in seiner gewohnten und routinierten Art zu schreiben und dass es ein Verbrechen an den Opfern ist über diese Ereignisse zu berichten, da ein Bericht die Geschehnisse nur widerspiegeln und somit im Kern verfälschen würde (Born: "Es ist nicht unter der Würde der Literatur zu informieren, aber unter ihren Möglichkeiten", Rheinische Post 17.11.1979) . Seine neue Weltsicht festigt sich noch, als er in einem Keller unter klaustrophobischer Angst gezwungen ist einen alten Mann zu erstechen. Diese völlig neue Situation zerstört nun endgültig Laschens alte, naive Sicht der Welt. Er steht nun vor dem Scherbenhaufen seiner früheren Maximen, und fühlt sich "hilflos wie ein Kind in der Hölle". Aus dieser Verzweiflung heraus findet er nun endlich den Mut die Fälschung seines Lebens zu beenden und entscheidet sich dafür, den lange aufgeschobenen Abschiedsbrief an Greta zu schreiben und seinen Arbeitgebern zu kündigen, in der Hoffnung endlich seine Identitätskrise zu überwinden. Laschen will sich nicht mehr in seine Rolle fügen und sucht sich in seiner Geliebten, Ariane Nassar, einen "Fluchthelfer". Er will mithelfen ihr Kind aufzuziehen und wünscht sich mit ihr eine neue Familie zu gründen. Für ein Leben gemeinsam mit ihr ist er sogar bereit seine Wunschheimat im Wendland zu verlassen und als freier Schriftsteller in den nahen Osten zu ziehen. Doch wiederum wird Laschen enttäuscht, denn Ariane strebt ebenfalls danach ein neues Leben zu beginnen, in das sie Laschen als Vater ihres Kindes nicht einplant. Als Laschen dies endlich einsieht, bricht er auch die letzte Brücke ab und verabschiedet sich von Ariane ("Etwas wie ein Stolz war da, weil er sich fallenließ, weil er es zuließ, dass er unbrauchbar wurde, weil er nun doch wegging, auch von seinem letzten Anfall von Liebe" S. 290). Damit beendet Laschen alles, durch das er früher sein Leben definiert hat und steht nun vor einer leeren Hülle seines früheren Ichs (" Ich lebe wie einer, der mit dem Leben abgerechnet hat. Aber ich habe nicht abgerechnet." S. 290). Trotz dieser neuen verzweifelten Situation fühlt sich Laschen von der Last der Lügen und Unwahrheiten befreit und blickt wieder in eine neue Zukunft. Beflügelt von seinem neuen Selbstbewußtsein macht sich Laschen nach Hamburg auf, um seine letzte und ehrlichste Reportage abzuliefern und um seinem Beruf, den er nicht mehr ertragen kann, zu kündigen ("Heraus aus dieser kreativen Leblosigkeit in die Betäubung durch Kampfgetöse und Brachialgewalt" S. 304). Losgelöst von den alten Zwängen begibt sich Laschen nach Hause, wo er scheinbar sein neues Leben findet, doch gerade in diesem Moment wird Laschen krank, und wie in einem Teufelskreis ist das neue Leben, das er sich aufbauen will, schon zum Scheitern verurteilt.

In diesem Roman verarbeitete Born seine gesamte Lebenserfahrung und Persönlichkeit, weshalb er mit dem Roman ein Spiegelbild seines Charakters schuf. Er machte es sich zur letzten Aufgabe seines Lebens, das am 7. Dezember 1979 endete, "Die Fälschung" zu vollenden. Nach der äußerst positiven Rezension des Fernsehkritikers Marcel Reich-Ranicki bemerkte Born nun zum Sterben bereit zu sein.

von D.S. und M.P.

Alle Seitenangaben beziehen sich auf "Die Fälschung", Taschenbuchausgabe von 1984