Die erdabgewandte Seite der Geschichte

Nach "Der zweite Tag", dem ersten erfolglosen Roman von Nicolas Born konnte der Autor mit "Die erdabgewandte Seite der Geschichte" seinen ersten großen literarischen Erfolg feiern.

Der Roman erschien 1976 im Rowohlt-Verlag in Reinbek bei Hamburg. Auf den ersten Seiten beschreibt der Ich-Erzähler den Beginn seiner Liebe zu Maria, der Schallplattenagentin, im Berlin der späten sechziger und frühen siebziger Jahre. Am Ende des Romans erkennt der Erzähler stumpf und zufrieden, wie Maria mit einem andern Mann aus seinem Leben verschwindet. Dazwischen liegen die Stationen einer unspektakulär beginnenden und einer unspektakulär endenden Beziehung. Es geht vor allem aber um die Erfahrung der Liebe und die des Scheiterns. Im Gegenteil zu Maria, die beruflich sehr engagiert ist, verbringt der Erzähler seine Tage lieber in ihrem Bett und schlägt sich mit Schreiben so durchs Leben. Abwechslung bringen die Treffen mit seinem Freund und Schriftstellerkollegen Lasski, aber seine emotionale Zuneigung, zumindest Fürsorglichkeit, gilt einzig und allein seiner Tochter Ursel aus gescheiterter Ehe, die im Laufe des Romans ins jugendliche Alter kommt.

Neben der komplizierten und toten Liebe zu Maria geht der Autor auch auf andere Ereignisse, wie die Berliner Anti-Schah-Demonstration des Jahres 1967, Wohngemeinschaftsfeste in Verbindung mit Alkohol und Haschisch, Reisen ins Ruhrgebiet und nach Frankfurt ein. Während eines Ferienaufenthalts im Fichtelgebirge erfährt der Erzähler vom Tod seines Freundes Lasski. Eine Welt bricht zusammen, denn mit Lasski konnte er sich in seine eigene Welt, jenseits der Verlogenheit der neuen Solidarität des intellektuellen Klimas der Siebziger Jahre, in einen unbenennbaren Freiraum flüchten. Die Besinnung auf das Hier und Jetzt und immer wieder neue Anläufe in der Selbstbetrachtung scheinen dem Erzähler eine Hilfe zu sein mit der Situation umzugehen. Tasten im Dunkeln, Verstricktsein in Beziehungen, Nichtloskommen von Zwängen, Wahrnehmungen, Vorstellungen und Wünschen, ohne das es gelingt sie als Geschichte zu begreifen. Wenn Born etwas in diesem Roman vermeiden wollte, dann ist es weder, dass es dumpf zu Ende geht, noch, dass sich ein Notausgang in ein neues Leben öffnet.

"Die erdabgewandte Seite der Geschichte" bezieht sich vor allen Dingen auf Zwänge, Wünsche, Hoffnungen und Verstrickungen der Gefühle jedes einzelnen, der unangepasst zur Realität seinen Weg durch das innere Labyrinth zu finden versucht. Die Ausweglosigkeit birgt den Kampf um die eigenen Träume, der das positive Motiv in der doch eher gedrückten Grundstimmung des Romans ist.

Die autobiographischen Elemente in Borns Buch geben einer solchen Deutung in Grenzen Recht. Der Autor war ebenfalls an der Anti-Schah-Demonstration beteiligt, nicht zuletzt zeigt die Biographie des Ich-Erzählers zahlreiche Parallelen zum Lebensweg Born auf, der ebenfalls im Ruhrgebiet aufgewachsen ist und nach der Scheidung eine Schriftstellerexistenz in Berlin aufbaut. Hinter der Figur des Lasski ist der mit Nicolas Born befreundete Dieter Brinkmann zu erkennen.

 

Die erdabgewandte Seite des Intellektuellen

Roman Ritter (Deutsche Volkszeitung, 19.02.1977)

" Dieses Buch habe ich mit einer seltsamen Mischung aus Neugierde, ja Faszination, und Widerwillen bis hin zur gelangweilten Abneigung gelesen. Bei manchen Passagen, Wendungen, Sätzen überkommt einen die naive Begeisterung zu sagen: Stimmt! So ist es! Gut gesagt! Aber dann, wenn alles zu einer langweiligen Geschwätzigkeit flachgeschlagen ist, ein zäher Teig, drängt sich das Gefühl auf: Alles nur Schreibe, ein Lügengespinst, nach der neuesten Mode gewoben, ganze Abschnitte, die ein peinliches Mitleid erwecken, wie ein Erwachsner, der Daumen lutscht, Worte, zu nichts da, als damit die eigenen Wunden zu salben."

 

Ein Roman der unangepassten Subjektivität

Franz Norbert Mennemeier (Neues Rheinland, 13 (1976) Nr. 12)

"Man wird schon jetzt nicht zögern dürfen, Borns Roman als ein wesentliches Dokument der gesellschaftlich-geschichtlich geprägten seelischen und geistigen Beschaffenheit eines wesentlichen Teils der Intellektuellen- und Schriftsteller-Subjektivität zu Anfang der 70er Jahre zu bezeichnen. Die "erdabgewandte Seite der Geschichte" ist partiell eben doch durchaus der "Erde" zugewandt."

 

Quellenangaben:

*Kritisches Lexikon zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, hg. Von Heinz Ludwig Arnold, 1978ff, München

*In memoriam N.B., hg. Von Walter Brockmann, Privatdruck im Verlag Willy Gorzny, 1999

 

 

Ich kann mich den Meinungen Franz Joseph Mennemeiers und vor allem Roman Ritters nur anschließen. Der Roman ("Die erdabgewandte Seite") liest sich an manchen Stellen, wie eine scharfe Momentaufnahme, mitten aus dem Leben gegriffen, ausgeschmückt mit schlichten Worten, zum Teil umhüllt von einer seltsam schönen Melancholie, doch ganze Abschnitte sind unnötig und langweilig und scheinen nie zu enden. Ingesamt erscheint mir der Roman doch sehr empfehlenswert.