Eine Zeitzeugin berichtet - Interview mit Marianne Fritzen

Plakat mit Marianne Fritzen, Vorsitzende der Bürgerinitiative Lüchow- Dannenberg

14.40 Uhr- wir sind zu spät. Aber trotzdem haben wir das kleine weiße Haus, mitten im Wald gelegen, gefunden, denn die Wendlandsonne an der Tür lachte uns schon von weitem entgegen. Wir klingeln, eine Stimme von drinnen: "Wer ist denn da?" "Ääääh, Ronja, Lea und Esther?!"

"Ach, da hab' ich gar nicht mehr in meinen Terminkalender geguckt...".

Doch dann ist die erste Hürde geschafft und wir sitzen in ihrem Wohnzimmer, von Büchern und chinesischen Drachen umgeben.

Einen Anfang zu finden ist schwer- wie beginnt man ein Interview??? O.K. ruhig bleiben.

Erst mal was zu ihrer Person. Nach anfänglichem Zögern plaudert die ältere Dame munter über ihre Vergangenheit.

1924 geboren, ist sie im Elsas mit der französischen Sprache aufgewachsen. Durch ihren Mann, dem in Lüchow eine Stelle als Musiklehrer angeboten wurde, kam sie 1956 aus Berlin mit ihren 5 Kindern ins Wendland. Es gefiel Frau Fritzen auf Anhieb. Doch als sie hörte, dass man die schöne Idylle durch ein Atomkraftwerk zerstören wollte, war sie sofort aktiv im Widerstand dabei, und ist es noch bis heute.

Das war 1973 als bei Langendorf die Bohrungen beginnen sollten. Die "jungen" Widerständler schlossen sich zusammen: Dabei waren Uwe Bremer, Kai Hermann und weitere andere aus der Künstlertruppe, die hier ihren Platz zum Schreiben und Leben gefunden hatten.

So auch Nicolas Born.

Man teilte die Ansichten und stand für die selbe Sache ein. Das verband Born und Frau Fritzen.

Auch wenn Born kein Mitglied der BI (Bürger Initiative Lüchow- Dannenberg) war, Marianne war inzwischen Vorsitzende, nahm er doch an Vorstandssitzungen und Ähnlichem teil. Nach den Sitzungen saß man dann oft noch zusammen. Es wurden gemeinsam Demonstrationen organisiert und Pläne geschmiedet, dabei wurde schon mal das ein oder andere Bier geleert und geklönt.

Sie waren sich sympathisch, doch eine echte Freundschaft entstand nie. So unterhielten sie sich auch nicht über Literatur. Es lassen sich jedoch alle Werke Borns in ihrer Wohnung finden: "Die erdabgewandte Seite der Geschichte", "Die Fälschung" und zahlreiche Gedichte. Auf die Frage hin, ob ihr die Bücher den auch persönlich gefallen haben, fängt sie an zu schwärmen. Sie schätzt ihn sehr als Schriftsteller und kann M. Reich-Ranicki nur zustimmen, wenn er sagt, dass Born einer der bedeutendsten Schriftsteller seiner Zeit war.

Nein, negatives kann sie nicht über ihn sagen -eine rundum angenehme Person halt. Und dabei ist Marianne Fritzen wahrlich keine von denen, die zu allem "ja und amen" sagt. Wenn ihr etwas nicht passt, sagt sie es frei heraus. So stellten wir auch gleich eine leichte Abneigung gegen Hans-Christoph Buch fest, der oft im Schatten Borns stand.

Das letzte Gespräch mit Nicolas Born hatte Fr. Fritzen auf einem Parkplatz, 1979. Er kam gerade vom Krankenhaus, denn Anfang des Jahres hatte er von seinem Krebsleiden erfahren. Er zeigte ihr noch seine Untersuchungsnarben am Hals, wie wenn es nichts gewöhnlicheres gäbe.

Im Dezember des gleichen Jahres starb er.

Natürlich nahm auch seine lange Mitstreiterin an der Beerdigung in Damnatz teil.

 

à siehe Borns Rede in Gorleben (Text)