[ Lebenslauf | Krankheitsgeschichte ]



"Denn hundertmal gesetzt, daß wir unsern Körper bauen, so bauen wir ihn sicherlich nicht nach einem Riß, den wir selbst gemacht haben."



Diese "Charikatur" ist vermutlich die einzige lebensechte Darstellung Lichtenbergs


Lichtenberg schrieb 1777: „Ich habe schon lange an einer Geschichte meines Geistes so wohl als elenden Körpers geschrieben“. Dabei spielt er mit dem Ausdruck „elender Körper“ auf sein Gebrechen an, das er Zeit seines Lebens ertragen musste. Er hatte einen stark ausgeprägten Buckel und auch eine Auswölbung der Brust, hervorgerufen durch Kyphoskoliose, einer Krankheit, die die Wirbelsäule deformiert.
J.G. Müller, ein Zeitgenosse Lichtenbergs, beschrieb in einem Roman Lichtenbergs Körper folgendermaßen: „Der erste Gelehrte in der Stadt [...], vier Fuß hoch, dessen Brust mit einem Vorgebürge, so wie der Rücken mit einem hohen Gewölbe belastet war. [...] beym Anblick eines Menschenkopfes auf einer wandelnden Masse, die in der That von der äußersten Spitze der Brust bis zur äußersten Exkrescenz zwischen den Schulterblättern eine um drey Fünftheil längere Linie gab, als wenn man sie von Einer Extremität der Schultern bis zur anderen maß, und deren Arme bis zu den Knien hinabhingen. [...] die nur auf allen vieren hätte gehen dürfen, um einer Schildkröte ähnlicher zu sehen, als einem Menschen.“
Diese Beschreibung Lichtenbergs durch den gut ausgebildeten Mediziner kann als Tatsachenbericht angesehen werden, da sie durch mehrere Quellen belegt wird, und nirgends Widerspruch findet und auch Lichtenberg selbst sich ähnlich beschreibt, auch wenn er sich 4 1/2 Fuß groß sieht, allerdings mit hochtoupierter Perücke.
Dieser extreme Kleinwuchs und die Deformierung des Körpers können wie gesagt nur mit der Kyphoskoliose erklärt werden, einer starken Seitausbiegung der Wirbelsäule, die eine gegensinnige Seitausbiegung der benachbarten Wirbelsäulenabschnitte bedingt (siehe Abb. 1). Diese Verkrümmung führt zu Kleinwuchs und damit zu einer relativen Überlänge der Gliedmaßen. Die mit der Seitausbiegung verbundene Drehung der Brustwirbelkörper ist die Ursache eines abnormen Rippenverlaufs mit hinterem und vorderem Buckel. Ein derartig deformierter Brustkorb lässt der Lunge nur wenig Raum (siehe Abb. 2A). Diese Asymmetrie des Brustkorbs (siehe Abb. 2B) ist die Ursache für die Kompression von Lungenabschnitten einerseits und gleichzeitiger Überblähung anderer Lungenabschnitte andererseits. Die einseitige Spreizung der Rippen und ihre gleichzeitige Engstellung auf der Gegenseite (siehe Abb. 2C) schränkt die Atembewegungen stark ein. Solche Gegebenheiten beeinträchtigen die Betroffenen stark, da sie die Entstehung von Atemwegsinfekten und auch Lungen- und Brustfellentzündungen begünstigen und gleichzeitig ihre Ausheilung verzögern. Die Struktur- und Funktionsveränderungen der Atmungsorgane und die hinzukommenden chronisch-entzündlichen Vorgänge, z.B. die asthmaartige Bronchitis, führen zur Überlastung und schließlich zum Versagen des rechten Herzteils. Das Hauptsymptom ist eine stetig zunehmende Kurzluftigkeit mit entsprechender Einschränkung des Aktionsradius beim Gehen und Steigen. Nur wenige der Kranken werden älter als 60 Jahre. Der Tod tritt oft im Verlauf einer Lungenentzündung ein.
Alle Merkmale des spezifischen Krankheitsbildes eines Kyphoskoliose-Kranken finden sich auch in der Biografie Lichtenbergs wieder. So verzeichnet schon der 28jährige alljährliche „Katarrhal Fieber“. Er leidet in den Jahren 1772-1782 immer wieder unter langwierigen Krankheitsschüben mit Husten, auch Bluthusten, Fieber und Abmagerung und Brustfellentzündungen 1766 und 1782. Ab 1782 berichten Zeitgenossen Lichtenbergs über „engbrüstiges“ Keuchen.
Auch die „große Krankheit“ im Oktober 1789, das „konvulsive“, „krampfigte“ Asthma, gehört in dieses Bild. Lichtenbergs Arzt A.G. Richter beschreibt das von ihm bei Lichtenberg diagnostizierte Asthma spasmodicum („krampfigt“) convulsivum wie folgt und macht damit Lichtenbergs Zustand im Oktober 1789 für uns anschaulich: „Der erste Anfall kommt gemeiniglich zur Nachtzeit. Beim plötzlichen Erwachen wird eine bedeutende Beklemmung in der Brust, das Gefühl von Zusammenschnüren empfunden. Der Kranke keicht, schnappt ängstlich nach Luft, empfindet große Angst, kann nicht in der horizontalen Lage bleiben, sucht sehnsüchtig Erleichterung durch das Einathmen einer kühlen, frischen Luft, und nimmt um sich zu helfen starke Muskelbewegungen vor.“ Zur akuten Form: „Der Zustand einer halben Ohnmacht ist damit verbunden; kalte Schweiße brechen aus; die Extremitäten sind kalt; das anfangs freie Bewustsein wir bald verdunkelt. Das Gesicht ist [...] blaß und eingefallen, [...] weit aufstehendes, gläsernes, gebrochenes Auge mit erweiterter Pupille, weit offen stehende Augenlieder, kleiner zitternder oft kaum fühlbarer Aderschlag. [...] Die Dauer des Anfalls [...] von wenigen Minuten bis zu mehreren Stunden selbst Tagen [...]. Nicht selten erfolgt der Tod schon im ersten Anfall.“ – Was hier beschrieben wird, ist der heutigen Ansicht nach ein internistischer Notfall, der auf die Notaufnahme gehört. Im Falle Lichtenbergs spricht alles für eine akute Komplikation von Kyphoskolioselunge und –herz als Ursache dieses Notfalls.
Zunehmende Kurzluftigkeit kennzeichnet Lichtenbergs Leidenszustand in dem nun folgenden Lebensjahrzehnt. Immer öfter klagt er in seinen Tagebüchern über „kurzen Odem“ (Kurzatmigkeit). Lungen- und Brustfellentzündungen treten in diesen Jahren mehrfach auf, und eine solche „Brust-Entzündung“, „seine alte Kranckheit mit Seitten Stechen, husten und Bluth auß werffen“, führt am 24. Februar 1799 zum Tode.

Für uns erscheint es merkwürdig, dass Lichtenberg trotz seiner offensichtlichen lebenslangen schweren und oft lebensbedrohenden Leiden in die Geschichte eingegangen ist; ein nach der heutigen Definition von Krankheitsfurcht Besessener. Diese Definition der Hypochondrie deckt sich aber nicht mit der zu Lichtenbergs Zeiten populären „Modekrankheit“ Hypochondrie. Bei einem Hypochondristen des 18. Jahrhunderts muss man sich immer in Bezug auf diese bestimmte Person damit befassen, worin ihre Hypochondrie eigentlich besteht. Auf diese Frage antwortet Lichtenberg in Sudelbucheinträgen selbst: „Ich habe, seit meiner Krankheit 1789, die erbarmungswürdige Fertigkeit erlangt, aus allem, was ich sehe und höre, Gift für mich selbst, nicht für andere zu saugen.“ (SB 2, K 43) und: „Meine Hypochondrie ist eigentlich eine Fertigkeit aus jedem Vorfalle des Lebens, er mag Namen haben wie er will, die größtmögliche Quantität Gift zu eigenem Gebrauch auszusaugen.“ (SB 2, K 23) In beiden Eintragungen gibt es Parallelen, die darauf hindeuten, dass Lichtenbergs Krankheit ab 1789 datiert werden kann, denn vorher hat er sich nie als Hypochonder bezeichnet.
Den tiefen Einschnitt in sein Leben, der sich hier abzeichnet, hat Lichtenberg am 16. Juli 1794 J.G. Müller bildhaft und drastisch beschrieben: „Nach jenem Anfall [vom Oktober 1789] wurde ich bettlägerig, lag im strengsten Verstand ein geschlagenes Calender halbes Jahr von 365/2 Tagen [...]. Wahrlich unser verklärter Leib, am Tage der Auferstehung, kann von dem eingescharrten Madensack nicht so verschieden seyn, als es der sich herausmachende Hofrath von dem vor 365/2 Tagen zu Bett gebrachten war, nur mit dem mächtigen Unterschied, daß der verklärte im Bette blieb und er Madensack aufstund. Meine Munterkeit, meine Furchtlosigkeit, meine Sorgenlosigkeit, meine Liebe zum lesen und zu schreiben wenigstens für mich selbst, Thätigkeit überhaupt, alles das blieb im Bette, und ist nun fort.“ (Bw 4, Nr. 2411, S. 307) Alles, was man von und über Lichtenberg erfährt, bestätigt die tiefe Zäsur, die er hier beklagt: Furchtlosigkeit, Sorglosigkeit, Munterkeit und Tätigkeitsdrang bis 1789, danach Angst, Sorgen, Reizbarkeit und Mangel an Energie, das alles wurde zu Lichtenbergs Zeiten noch unter einem schwammigen Hypochondriebegriff geführt. Nach heutigem medizinischem Wissen ist dies jedoch charakteristisch für die seelische Verfassung des Kyphoskoliotikers in seinen späten Jahren. Sie ist die Folge einer Störung der Gehirndurchblutung und der Blutzusammensetzung, also von „materiellen Einwirkungen auf das somatische Korrelat der Psyche“. Es ist diese Übermacht des Somatischen (des Körperlichen), gegen die sich Lichtenberg zu wehren hat, „der mit Heldenmuth bloß verhindert, das er nicht – zum alten Weibe wird“ (Bw 3, Nr. 1893) – und Heldenmut kann man ihm angesichts einer solchen Übermacht wohl nicht absprechen. Denn er versucht seine Krankheit durch Krankheitsleugnung zu bewältigen: „meine besten und hellsten Augenblicke sind die, da ich Kraft habe zu denken, daß es Einbildung seyn könnte“ (Bw 2, Nr. 1227) – das hatte bereits am 1. Januar 1784 der schon zu dieser Zeit „engbrüstig keuchende“ Lichtenberg an J.G. Müller geschrieben. In seinem letzten Lebensjahrzehnt stößt man immer wieder auf Äußerungen dieser Denkweise, die sich zur grimmigen Selbstsatire steigern konnte und auch den Zeitgenossen nicht verborgen blieb: Wies man auf „seinen schwächlichen Körper“ als Grund seiner Beschwerden hin, dann wollte er das „nie zugestehen“, „dann nannte er es Hypochondrie, die ihr Spiel auf tausend Arten treibe.“
„Er hat rühmlich ausgekämpft“, schreibt J.G.L. Blumhoff drei Monate nach Lichtenbergs Tod. Lichtenbergs „elender Körper“, den Blumhoff noch vor Augen hatte, ist den Nachlebenden aus dem Blick gekommen und es sind vor allem drei „populäre Irrtümer“, die ihnen den Blick verstellt und dadurch auch ein schiefes Bild von der „Geschichte seines Geistes“ vermittelt haben: die Rückprojektion „meiner Hypochondrie [...] seit meiner Krankheit 1789“ auf die Zeit vor 1789, womit man Lichtenberg zum geborenen Hypochonder gemacht hat, die Verkennung der Identität von „meiner Hypochondrie“ mit den unmittelbar körperlichen Auswirkungen schwer gestörter Lungen- und Herzfunktion und daher auch die Verkennung der mannhaften Krankheitsbewältigung durch Krankheitsverleugnung.



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