"Es wäre der Mühe wert, zu untersuchen, ob es nicht schädlich ist zu sehr an der Kinderzucht zu polieren. Wir kennen den Menschen noch nicht genug um dem Zufall, wenn ich so reden darf, diese Verrichtung ganz abzunehmen. Ich glaube, wenn unsern Pädagogen ihre Absicht gelingt, ich meine, wenn sie es dahin bringen können, daß sich die Kinder ganz unter ihrem Einfluß bilden, so werden wir keinen einzigen recht großen Mann mehr bekommen. Das Brauchbarste in unserm Leben hat uns gemeiniglich niemand gelehrt. Auf öffentlichen Schulen, wo viel Kinder nicht allein zusammen lernen, sondern auch Mutwillen treiben, werden freilich nicht so viel fromme Schlafmützen gezogen, mancher geht ganz verloren, den meisten sieht man aber ihre Überlegenheit an. Bewahre Gott, daß der Mensch, dessen Lehrmeisterin die ganze Natur ist, ein Wachs-klumpen werden soll, worin ein Professor sein erhabnes Bildnis abdruckt."

Das 18. Jahrhundert gilt auch als das Jahrhundert der Erziehung. Unter dem Einfluss der Aufklärung besaß die Idee, man könne die Menschen durch Erziehung fast beliebig leiten, eine ungeheure Anziehungskraft. Wenn man sie nur das Richtige auf die richtige Weise lehrte, würde man alle Menschen zu gebildeten, friedlichen, selbstbestimmten Individuen formen können. Das ist der Traum vieler Lehrmeister und Bildungspolitiker geblieben. Lichtenberg teilt ihn nicht. Obwohl er selbst dreißig Jahre lang Hochschullehrer war. Charakteristisch für ihn ist, dass er die Wirksamkeit der Erziehung nicht einfach leugnet. Er formuliert einen hypothetischen Gedanken und beruft sich auf seine unverstellte Beobachtung, die er zu überprüfen auffordert. Lichtenberg ist Skeptiker und Erfahrungswissenschaftler. Jeder Lehrende, der diese Notiz aus dem Abstand von 200 Jahren liest, wird Lichtenberg zustimmen müssen - wenn er über den begrenzten Einfluss der Erziehung spricht ebenso wie mit Blick auf den letzten Satz: Wäre es nicht wirklich schrecklich, wenn die Lehrer die jungen Menschen wie Wachs formen könnten? Lichtenberg denkt nur daran, welche armseligen Gestalten dabei entstünden, wenn man die Professoren als Modell der zu Erziehenden vor augen hat. Was aber, wenn es einem totalitären Regime gelänge, die Erziehung des Einzelnen vollständig zu kontrollieren? Bei allem Klagen darüber, dass die Jugendlichen oft nicht wollen, wie die Älteren es sich wünschen, sollte man doch auch dankbar dafür sein, dass sie sich eben nicht wie Wachs formen lassen.

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