"Wenn auch mal einer lebendig begraben wird, so bleiben dafür hundert andere über der Erde hängen, die tot sind."

Als ich diesen Satz laß, musste ich an meine beiden Cousins J. und M. denken. J. ist 12 Jahre und M. ist 10 Jahre alt. Die beiden Geschwister verstehen sich sehr gut; sie streiten nur selten, und wenn, dann nur über oberflächliche Kleinigkeiten und vertragen sich sehr schnell wieder. Bei meinem letzten Besuch (Ich sehe sie nur alle paar Monate) musste ich allerdings feststellen, dass ein anderer Konflikt zwischen den beiden besteht. J. hat seit einiger Zeit einen PC und auch einige Spiele und verbringt seit dem bis zu drei Stunden in der Woche und bis zu vier Stunden an Wochenenden vor dem PC. Der Konflikt besteht nun nicht darin, dass M. den PC auch benutzen möchte, sondern vielmehr darin, dass er es sehr bedauert, dass J. keine Zeit oder keine Lust mehr hat mit ihm zu spielen. Der Gegensatz zwischen den beiden ist extrem: während J. auf seinem PC eine Skateboard Simulation spielt, fährt M. im "richtigen Leben" Skateboard. Während J.s "sportliche Betätigung soweit geht, jetzt auf einem Sitzball anstatt auf einem Stuhl zu sitzen, übt der 10jährige M. für die Zirkus AG seiner Schule; er kann bereits mit drei Kegeln jonglieren und dabei noch einige Kunststücke machen. Außerdem tanzt er im Verein und spielt, wie es zu "meinen Zeiten" alle Kinder taten, mit seinen Freunden Fußball. J. hat zu mir gesagt er würde sich nicht mehr mit seinen Freunden treffen, da er "eh immer nicht weiß was man dann machen soll". Computerspielen geht schließlich besser alleine. Die Eltern, aber vor allem auch der kleine Bruder M. wirken sehr besorgt um J.. M. hat sogar schon einen "Bericht" über die Gefährlichkeit von Computerspielen geschrieben und plant einen weiteren über Sucht zu schreiben. Zwei Sachen die eng miteinander verbunden sind. Auch ich habe zeitweise sehr viel Computer gespielt und tue es auch heute noch gerne. Doch kann ich sagen, dass ich nicht um des Computer willen meine sozialen Kontakte aufgegeben habe.
Selbstverständlich sind nicht alle Menschen gleich; es gibt Einzelgängertypen und man könnte mich auch dazuzählen, aber in der Kombination mit Computerspielen erinnert mich diese gesellschaftliche Abschottung sehr an Lichtenbergs Satz. Durch die selbstgewollte Ausgrenzung aus der Gesellschaft und die Flucht in die irreale Medienwelt schließt man sich vom Leben aus.
Ich möchte nicht soweit gehen zu sagen mein Cousin sei tot, aber er ist doch nicht so lebendig wie sein Bruder M...




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