"Zeitungen, besser Sagen der Zeit, so wie man Sagen der Vorzeit hat [...]Zeitungen sind öffentliche Blätter, worin die neusten Begebenheiten so erzählt werden, wie es [sich] für Zeit und Umstände des Orts, wo sie gedruckt werden, am besten schickt.[...]"[J 1212

Dieser Aphorismus spiegelt in vortrefflicher Weise mein Verhältnis zu den heutigen Medien wieder. Auch ich habe immer wieder den Eindruck, dass unsere Zeitungen nicht die objektive Wahrheit wiedergeben, sondern Ereignisse aus der Gegenwart so verändert darstellen, dass sie einen anderen Sinn ergeben. Seine Definition von Zeitungen als Sagen, also als Volksmärchen, die auf mündlicher Überlieferung beruhen und an reale Gegebenheiten anknüpfen und phantasievoll ausmalen, trifft zu. Denn die heutigen Medien kreieren auch so genannte Volksmärchen, indem sie Menschen, die während eines Ereignisses das Richtige getan haben und dadurch etwas verändert oder erreicht haben, zu Helden erklären und es so publizieren. Dabei knüpfen sie an reale Gegebenheiten an und schmücken diese dann aus oder lassen in ihrem Sinne nicht passende Teile weg, so dass die jeweilige Person dann in einer vollkommen anderen Art herüberkommt, als es der Wahrheit entspricht [aber was entspricht schon der Wahrheit, außer einer biegsamen und veränderbaren Aussage]. Dieses erkennt man auch gut an der schrecklichen Tat in Erfurt vor ein paar Wochen, indem ein Lehrer zum Helden erhoben wurde, weil er angeblich den Todesschützen Robert S. geistesgegenwärtig in einem Zimmer eingesperrt haben soll und somit Robert darin gehindert haben soll, noch mehr Menschen umzubringen. Aber stimmt dies auch wirklich? Zuerst wurde jedenfalls dieser Lehrer gefeiert von den Medien und von dessen Lesern und selbst der Bundesinnenminister Schilly ließ sich von den Aussagen aus den Medien blenden und schlug übereilt vor, ihm, den Lehrer, das Bundesverdienstkreuz für seine "große" Tat zu verleihen. Doch was kam ein paar Tage später heraus? Dieser Mann hatte Robert gar nicht eingesperrt, sondern es soll sich ganz anders zu getragen haben. Doch dieses wurde in den Medien gar nicht mehr berichtet. Man hatte bereits neue Titelseiten, die es zu "verarbeiten" galt. Hiermit lässt sich auch der zweite Teil des Aphorismus erklären. Denn zu dem Zeitpunkt, nachdem Robert durch die Erfurter Schule gegangen war und seine Lehrer, Mitschüler und Polizisten umgebracht hatte, brauchte man jemanden, der zeigt, dass nicht alles verloren ist und das die Gesellschaft nicht vollkommen am Boden zerstört ist, jemand an den man sich orientieren kann, einen Helden. Dieser Held fand sich schnell, in Gestalt dieses Lehrers und da dieses sich zu der Zeit "am besten schickt[e]" verbreiteten alle Medien diese Unwahrheit und ein neuer Held unserer Zeit war geboren.



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