"Der Mann hatte soviel Verstand, dass er fast zu nichts mehr in der Welt zu gebrauchen war."

In diesem Aphorismus weist Lichtenberg darauf hin, dass Verstand nicht alles im Leben ist, ja dass zuviel davon sogar schaden kann. Es gibt nämlich noch durchaus andere Qualitäten im Leben als nur der bloße Intellekt, wie zum Beispiel eomtionale und soziale Fähigkeiten, die heutzutage mit dem mordernen Ausdrücken "Emotionale Intelligenz" und "Soziale Intelligenz" umschrieben werden. Bei Menschen Menschen mit hoher "konventioneller Intelligenz" kann ein Ungleichgewicht vorliegen, bei dem die Soziale und die Emotionale Intelligenz den Kürzeren ziehen. Diese Menschen mit ungewöhlich scharfem Verstand neigen dazu, sich in der Welt ihres Geistes zu verstecken, da sie mit ihrer Umgebung nicht so gut zurechtkommen wie mit ihren eigenen Gedanken. Solche Menschen werden teilweise Genies und teilweise Irre genannt - aus einem ganz einfachen Grund: sie werden von ihren Mitmenschen mehr oder weniger nicht verstanden. Solche Menschen sind mir zum Beispiel schon häufiger begegnet als mir bewusst war, sowohl in Büchern als auch im richtigen Leben. Die (fiktive) Person, an die Lichtenbergs Aphorismus mich sofort erinnert hat, ist Beppo Straßenkehrer aus dem Roman "Momo" von Michael Ende.
"Manche Leute waren der Ansicht, Beppo Straßenkehrer sei nicht ganz richtig im Kopf. Das kam daher, dass er auf Fragen nur freundlich lächelte und keine Antwort gab. Er dachte nach. [...] Manchmal dauerte es Stunden, mitunter aber auch einen ganzen Tag, bis er etwas erwiderte. Inzwischen hatte der andere natürlich vergessen, was er gefragt hatte, und Beppos Worte kamen ihm wunderlich vor.
Nur Momo konnte solange warten und verstand, was er sagte. Sie wusste, dass er sich soviel Zeit nahm um niemals etwas Unwahres zu sagen. Denn nach seiner Meinung kam alles Unglück dieser Welt von den Lügen, den absichtlichen, aber auch den unabsichtlichen, die nur aus Eile oder Ungenaugkeit entstehen." (Aus: Michael Ende, "Momo", Thienemann Verlag 18. Auflage 1973, Seiten 35-36)
Dies ist meiner Meinung nach das klassischste Beispiel für Lichtenbergs Aphorismus. Beppo hat einen weisen Schluss aus dem Leben gezogen, nämlich dass alles Unglück der Welt von (un-)absichtlichen Lügen herrührt. Also versucht er nun, diesen Fehler nicht zu begehen, wird aber völlig missverstanden unf gilt dafür in seinem Umfeld halbverrückter Außenseiter, der es nur bis zum Strassenkehrer gebracht hat. Er hat nur zwei Freunde, wobei auch nur Momo ihn versteht, und lebt in einer Hütte aus Ziegelsteinen, Wellblech und Dachpappe.
Michael Ende wird also die gleichen Gedanken in seine Hauptperson einfließen lassen haben wie Lichtenberg in seinen Aphorismus. Der Gedanke Lichtenbergs hat also bis heute überdauert.
Und solche Menschen gibt es tatsächlich auch im wirklichen Leben. Nehmen wir zum Beispiel Robert Schumann. Dieser intelligente Musiker und Komponist der Romantik hat sich so in seine Welt der Musik hineinvertieftEin bekannter von mir ist ein unheimlich helles Köpfchen, aber auch unheimliche stolz. Er hatte in seiner Schulzeit ähnliche Probleme wie Albert Einstein. Es war ihm alles zu langweilig, er wusste alles besser. So war er sowohl bei seinen Klassenkameraden als auch bei den Lehrern nicht sonderlich beliebt. Er bestand das Abi mit irgendetwas zwischen 2 und 3. Dann studierte er Medizin, Psychologie, Theologie, Philosophie, wobei er spätestens im vierten Semester jeweils abbrach. Schließlich schaffte er mit ach und Krach sein BWL-Diplom - im Alter von 39. Da sind seine Berufschancen gleich null. Er hatte bis dahin in seinem Leben bisher mehr als 10 Lebenspartner und hat dreimal beinahe geheiratet - meistens ist er dann in der Nacht vor der Trauung "abgehauen".
Er hat sich selbst, vielleicht aus Trotz vor der Unverstandenheit, die ihm schon seit jeher entgegenschlug, eine eigene Welt in seinen Gedanken erschaffen in der seine eigenen Werte und Normen Gültigkeit haben. In dieser lebt er nun seit jeher, unfähig, unwillig und zu stolz sich daraus zu befreien. Er philosophiert gerne über das Leben, die Blindheit anderer Menschen und die Zwänge (wie z.B. Heirat), in die sich die Menschen freiwillig hineinbegeben wie die Lämmer zur Schlachtbank. Ich glaube, sein Ziel ist die unbegrenzte Freiheit. Dass in dieser Freiheit Bindungen jeglicher Art keinen Platz haben, scheint er bereitwillig zu akzeptieren. Dafür lebt er jetzt auch nicht besser als Beppo Strassenkehrer.
Lichtenberg muss diesen Aphorismus wohl nach der Begenung mit einem ähnlichen Menschen niedergeschrieben haben. Auf jeden Fall ist es beängstigend, was für weitreichende Folgen der Hintergrund seines Aphorismus hat...

vgl. hierzu auch Christophs Kommentar und Julias Kommentar


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