"Vorstellungen sind auch ein Leben und eine Welt." [F 537

Aus diesem Satz herraus leuchtet eine Lebensweisheit, die jedem, der schon einmal intensiv ein Buch gelesen hat, überzeugen müsste: Im "Hinabgleiten" in die Welt eines guten Buches oder Filmes hat wohl schon jeder seine Umgebung vergessen. Diese Erfahrung ist es wohl auch, was Lichtenberg zum Ausdruck bringen möchte. Während wir lesen, sehen oder zuhören, erzeugen wir Bilder im Kopf, die sich ausweiten und die reale Wahrnehmung überlagern können. Diese Vorstellungen können auch zu "Welten" ausgeweitet werden, man denke nur z. B. an die Saga vom "Herrn der Ringe" mit der der Author J. R. R. Tolkien uns eine komplett ausgearbeitete Welt zeigt. Genau dieses Phänomen ist es wohl auch, was das Lesen so beliebt macht. Lichtenberg selber war ein belesener Mann und als Philosoph wurde er auch sicher mit vielen Vorstellungen konfrontiert.
Menschen können sich in solchen Vorstellungswelten verlieren, weltfremd werden. Manchmal mit fatalen Folgen, wie das Massaker in Erfurt gezeigt hat. Auch hier hat sich jemand eine Welt aus Vorstellungen aufgebaut.
Sogar die moderne Hirnforschung würde Lichtenberg recht geben:
Unsere Sinnesorgane können nur sehr selektive Eindrücke überhaupt wahrnehmen und unser Gehirn kann wiederum nur einen Bruchteil dieser Eindrücke verarbeiten und konstruiert dann daraus die wahrgenommene Welt. Vorstellungen sind also insofern ein Leben und eine Welt, als dass die Welt, wie wir sie wahrnehmen, schon aus Vorstellungen besteht; konstruierte Vorstellungen unseres Gehirnes.
Würde man dies auf die Spitze treiben, könnte man sogar sagen: "Das Leben und die Welt, so wie wir sie sehen, sind Vorstellungen".

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