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"Wir verbrennen zwar keine Hexen mehr, aber dafür jeden Brief, worin eine derbe Wahrheit gesagt ist."




Georg-Christoph Lichtenberg wird heute nicht nur wegen seiner Aphorismen, sondern auch wegen seiner Briefe geschätzt. Von den 6000-8000 Briefen, die er geschrieben haben mag - an Verwandte, Freunde und Bekannte, seine Geliebte, aber auch an Forschungskollegen, darunter z. B. an Goethe -, sind uns ungefähr 1600 überliefert. Sie wurden mehrfach ediert; eine vollständige, wissenschaftliche geprüfte Ausgabe des gesamten noch auffindbaren Briefwechsels erscheint im Auftrag der Göttinger Akademie der Wissenschaften und wird von Albrecht Schöne und Ulrich Joost herausgegeben. Vier Bände mit den Briefen sind bereits erschienen, auf den fünften, abschließenden, Schlusstein und Krönung der Ausgabe, die den Kommentar zu den Briefen enthalten soll, warten Lichtenbergs Leser seit zehn Jahren, und hoffentlich nicht vergebens. Für gewöhnliche Sterbliche gibt es eine Auswahl seiner schönsten Briefe, die ebenfalls von Ulrich Joost herausgegeben wurde.

In ihr habe ich mich umgetan. Lichtenberg zählt zu den Klassikern des deutschen Briefes, nicht zuletzt, weil er sich durch Ausdruckskraft, Wortwitz, Formulierungsschärfe und einen umfangreichen Wortschatz auszeichnete. Bemerkenswert ist, dass er stets höchst individuell auf seine Korrespondenten, ihre Eigenart und ihre Lebensumstände einging.

Häufig fügte er seinen Briefen noch kleine von ihm angefertigte Zeichnungen zur Ergänzung des Geschrieben hinzu. Er drückte sich also in Wort und Bild aus. Für Ihn hatte der Brief einen besonderen Stellenwert : Er nutzte ihn um Erlebtes mitzuteilen, sich wissenschaftlich auszutauschen und Kontakte zu pflegen, da er ja wegen seiner Krankheit nicht so viel reisen konnte.
Da sich Lichtenbergs Schreibkünste jedoch nur unzureichend in Worten definieren lassen, sollen einige Briefauszüge dazu dienen seine Fähigkeiten zu verdeutlichen:


[An seinen Verleger und Freund Johann Christian Dietrich]
"Osnabrück den 18. November 1772
Lieber Johann Christian.
Hinter einem jungen artigen Frauenzimmer eine sehr helle steile Treppe hinauf zu gehen, das könnte wohl so manchen vom Beten abhalten, mich hat es heute abgehalten, noch zu rechter Zeit einen Brief an Dich zu schreiben."


[An den Mediziner, Chemiker und Schriftsteller Christoph Girtanner]
"An Christoph Girtanner
Ich glaube unser gemeinschafftlicher Freund HE. Prof Fischer wird Ihnen von meinem schleichenden Indolentz Fieber erzählt haben, das die seltsame Würckung äußert,dass es mich zu allen epistolarischen Funcktionen (das Lesen von Briefen ausgenommen) völlig unthätig macht. Heute als am grünen Donnerstag, ich setze mich also sogleich nieder und schreibe Ihnen, werthester Freund."


[15 Januar 1796, nach Erhalt des Romans "Wilhelm Meisters Lehrjahren"]
"An Johann Wolfgang von Goethe
Meinen herzlichsten Danck fur die wahrhafft große Unterhaltung, die Sie mir mit der Fortsetzung Ihres Romanes gewährt haben. Ich habes es mit dem Gefühl von Gegendruck gelese, ohne welches ich in keinem Buch fortfahren kan. [...] Ich lese gar keine Bücher, wo ich noch beim dritten oder vierten Bogen sagen kan: das kan ich auch."


[Anhang eines Briefes an seinen Bruder Friedrich Christian Lichtenberg, 13.8.1773]
"Wegen der Flecken in diesem Brief bitte ich um Vergebung, er ist vor der Stadt in einem Garten und Kämmerchen geschrieben, wo sich Briefe nicht so gut führen lassen."


[An Maria Magdalena Tietermann, Zofe am Englischen Hof und Lichtenbergs Bekannte]
"An Marie Tietermann Stade den 19. May1773
In Celle habe ich die Königin von Dänemarck speisen sehen. (...) Sie aß mit einem besseren Appetit als ich in 10 Jahren nicht gegessen habe."







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