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Diese oft nur sehr kurzen, witzigen, verblüffenden, nachdenkenswerten Notizen sammelte Lichtenberg schon sehr früh in großen festen Schreibheften, die er mit Buchstaben von A an durchnummerierte. Das Heft F trägt den Titel, nach dem dann alle diese Hefte benannt wurden: Sudelbücher:
„Sudeln“ heißt eigentlich „nachlässig und unsauber schreiben; schmieren“. Aber das betrifft höchstens die äußere Gestalt. Tatsächlich hat Lichtenberg in diese Hefte ‘hineingeschmiert’, was ihm durch den Kopf ging; aber die Gedanken waren alles andere als „nachlässig und unsauber“. Goethe schrieb einmal: „Lichtenbergs Schriften können wir uns als der wunderbarsten Wünschelrute bedienen; wo er einen Spaß macht, liegt ein Problem verborgen.“
Die Sudelbücher enthalten eine kunterbunte Mischung aus wissenschaftlichen Einfällen und Beobachtungen, Notizen aus gelesenen Büchern und allgemeinen Betrachtungen über Gott und die Welt.
Die Sudelbücher sind zusammen mit einer Vielzahl von Briefen der Kern von Lichtenbergs Nachlass, der in der Handschriftenabteilung der Niedersächischen Staat- und Universitätsbibliothek in Göttingen aufbewahrt wird.

Wir haben aus den Tausenden von Gedankensplittern eine ganz persönliche Auswahl getroffen. Hier ist eine Kostprobe der Aphorismen, die uns besonders gut gefallen haben.

Herr Richter: aus Sudelbuch F

"Es wäre der Mühe wert, zu untersuchen, ob es nicht schädlich ist zu sehr an der Kinderzucht zu polieren. Wir kennen den Menschen noch nicht genug um dem Zufall, wenn ich so reden darf, diese Verrichtung ganz abzunehmen. Ich glaube, wenn unsern Pädagogen ihre Absicht gelingt, ich meine, wenn sie es dahin bringen können, daß sich die Kinder ganz unter ihrem Einfluß bilden, so werden wir keinen einzigen recht großen Mann mehr bekommen. Das Brauchbarste in unserm Leben hat uns gemeiniglich niemand gelehrt. Auf öffentlichen Schulen, wo viel Kinder nicht allein zusammen lernen, sondern auch Mutwillen treiben, werden freilich nicht so viel fromme Schlafmützen gezogen, mancher geht ganz verloren, den meisten sieht man aber ihre Überlegenheit an. Bewahre Gott, daß der Mensch, dessen Lehrmeisterin die ganze Natur ist, ein Wachs-klumpen werden soll, worin ein Professor sein erhabnes Bildnis abdruckt."

Herrn Richters Kommentar


"Der Amerikaner, der den Kolumbus zuerst entdeckte, machte eine böse Entdeckung." [G 183]


"Er liebte hauptsächlich die Wörter, die nicht in Wörterbüchern vorzukommen pflegen." [H 90]


Janne:

"Wenn man gar nicht einmal die Geschlechter an den Kleidern erkennen könnte, sondern auch noch sogar das Geschlecht erraten müsste, so würde eine neue Art von Liebe entstehen. Dieses verdient in einem Roman mit Weisheit und Kenntnis der Welt behandelt zu werden."


"Ich denke, wenn man etwas in die Luft bauen will, so sind es immer besser Schlösser als Kartenhäuser."




"Die Wälder werden immer kleiner, das Holz nimmt ab, was wollen wir anfangen ? Oh, zu der Zeit, wenn die Wälder aufhören, können wir sicherlich so lange Bücher brennen, bis wieder neue aufgewachsen sind."

 

Julia:


"Wie sind wohl die Menschen zu dem Begriff von Freiheit gelangt? Es ist ein großer Gedanke gewesen."


Julias Kommentar


"Ich bin überzeugt, man liebt sich nicht bloß in anderen, sondern haßt sich auch in anderen."


"Man sagt noch Seele, wie man sagt Taler, nachdem die geprägten Taler lange aufgehört haben."

 

Katharina:

"Es gibt Leute, die glauben, alles wäre vernünftig, was man mit einem ernsthaften Gesicht tut." [E 283

Katharinas Kommentar


"Frage: Was ist leicht und was ist schwer? Antwort: Solche Fragen zu tun ist leicht; sie zu beantworten ist schwer."[L 718

"Ich bin überzeugt, man liebt sich nicht bloß in andern, sondern haßt sich auch in andern."[F 446

 

Christoph:

"Vorstellungen sind auch ein Leben und eine Welt." [F 537

Christophs Kommentar

"Wenn es der Himmel für nötig und nützlich finden sollte, mich und mein Leben noch einmal neu aufzulegen, so wollte ich ihm einige nicht unnütze Bemerkungen zur neuen Auflage mitteilen, die hauptsächlich die Zeichnung des Porträts und den Plan des Ganzen angehen." [J 639


"Ein Buch ist ein Spiegel, wenn ein Affe hineinguckt, so kann freilich kein Apostel heraussehen. Wir haben keine Worte, mit dem Dummen von Weisheit zu sprechen. Der ist schon weise, der den Weisen versteht." [E 213

 

Michael:

"Ist es nicht sonderbar, dass die Menschen so gerne für die Religion fechten, und so ungern nach ihren Vorschriften leben."

Michaels Kommentar


"Das ist eine traurige Liebe, wo man zum ersten Mal im Grab miteinander zu Bett geht"


"Das Melancholische, Dichterische in der Liebe ist eiegndlich eine eigene Form von Anschauung des Genusses; der Mensch hat mehere Formen als eine für seine innere Empfindung"

 

Lars:

"Zeitungen, besser Sagen der Zeit, so wie man Sagen der Vorzeit hat [...]Zeitungen sind öffentliche Blätter, worin die neusten Begebenheiten so erzählt werden, wie es [sich] für Zeit und Umstände des Orts, wo sie gedruckt werden, am besten schickt.[...]"[J 1212

Lars' Kommentar

"Es ist ein großer Unterschied zwischen etwas noch glauben und es wieder glauben. Noch glauben, dass der Mond auf die Pflanzen würke, verrät Dummheit und Aberglaube, aber es wieder glauben zeigt von Philosophie und Nachdenken."[E 52


"Die beiden Begriffe von Sein und Nichtsein sind bloß undurchdringlich in unsern Geistesanlagen. Denn eigentlich wissen wir nicht einmal, was Sein ist, und sobald wir uns ins Definieren einlassen, so müssen wir zugeben, dass etwas existieren kann, was nirgends ist. Kant sagt auch so was irgendwo."[J920

 

Simon:

"Als im Oktober, es war der 8te, 1796 die Stadt Andreasberg auf dem Harze durch den Blitz größtenteils abbrannte, wollten die Leute dem Manne, in dessen Haus der Blitz eingeschlagen hatte, kein Obdach geben, weil er ein Bösewicht sein müsse, indem Gott seinen Zorn zuerst über ihn ausgelassen habe."

Simons Kommentar

"Ich kann freilich nicht sagen, ob es besser werden wird, wenn es anders wird; aber soviel kann ich sagen: Es muss anders werden, wenn es gut werden soll."


"Die große Regel: Wenn dein Bisschen an sich nichts Sonderbares ist, so sage es wenigstens ein bisschen sonderbar."


Moritz:


"Wenn auch mal einer lebendig begraben wird, so bleiben dafür hundert andere über der Erde hängen, die tot sind."

Moritz' Kommentar


"In älteren Jahren nichts mehr lernen können, hängt mit dem in älteren Jahren Sich-nicht-mehr-befehlen-lassen Wollen zusammen, und zwar sehr genau."


"Die Esel haben die traurige Situation, worin sie jetzt in der Welt leben, vielleicht bloß dem witzigen Einfall eines losen Menschen zu danken; dieser ist Schuld, dass sie zum verächtlichsten Tier auf immer geworden sind und es auch bleiben werden, denn viele Eseltreiber gehen deswegen mit ihren Eleven so fürchterlich um, weil es Esel, nicht weil es träge und langsame Tiere sind."

Erik:

"Es gibt Leute, die glauben, alles wäre vernünftig, was man mit einem ernsthaften Gesicht tut."


"Der Mann hatte soviel Verstand, dass er fast zu nichts mehr in der Welt zu gebrauchen war."

Eriks Kommentar


"Der Mensch kann sich Fertigkeiten erwerben und kann ein Tier werden wo er will. Gott macht die Tiere, der Mensch macht sich selber."

Patrik:

"Ihre körperlichen Reize befanden sich gerade in dem sonderbaren Zeitpunkt, wo sie anfangen, ihre anziehende Kraft mit der abstossenden zu vertauschen."


"Der vollkommenste Affe kann keinen Affen zeichnen; auch das kann nur der Mensch, aber auch nur der Mensch hält dieses zu können für einen Vorzug."
"Die Natur hat die Menschen durch die Brust verbunden, und die Professores hätten sie gerne mit dem Kopf zusammen."

Konrad:

"Dass der Mensch das edelste Geschöpf sei, lässt sich auch schon daraus abnehmen, dass ihm noch kein anderes Geschöpf widersprochen hat."


"Mann soll öfters dasjenige untesuchen, was von den Menschen meist vergessen wird, wo sie nicht hinsehen, und was so sehr als bekannt angenommen wird, daß es keiner Untersuchung mehr wert geachtet wird."
"Nichts kann mehr zu Seelenruhe beitragen, als wenn man gar keine Meinung hat."

Philipp:

"Die Religion eine Sonntags-Affäre."


"Ihr Unterrock war rot und blau sehr weit gestreift, und sah aus, als wenn er aus einem Theatervorhang gemacht wäre. Ich hätte viel für den ersten Platz gegeben, aber es wurde nicht gespielt."
"(Vom Nutzen der französischen Wörter im Deutschen.) Sie sind unterschieden wie promesse und Versprechung, die letztere wird gehalten und die erstere nicht. Ich wundere mich, dass man das nicht gemerkt hat. Das französische Wort gibt die deutsche Idee mit einem Zusatz von Wind, oder in der Hofbedeuteung. Ist denn promesse so viel anders als Versprechen? Eine Erfindung ist etwas Neues und eine découverte etwas Altes mit einem meuen Namen. Columbus hat Amerika entdeckt und Americus Versputius hat es découvriert (ja goût und Geschmack stehen einander fast entgegen, und Leute von goût haben selten viel Geschmack). Ehmals erfanden die Deutschen, jetzt, da man mit Recht Schreiben zum Maßstab von Verdienst gemacht hat und man die kritischen Bibliotheken, Kalender und Lotterielisten und Musterkarten mit unter die Bücher rechnet, so legen sich die Deutschen mehr auf das Découvrieren. Ehmals hat man in Frankreich öffentlich über die Frage diskutiert, si un Allemand peut avoir de l'esprit. Non, messieurs, würde ich gesagt haben, denn versteht ihr unter esprit, was wir darunter verstehen, so habt ihr Recht, versteht ihr aber unter esprit, was wir und die Engländer unter Witz und wit verstehen, so sollen euch die schwarzen Husaren holen, ihr Schelmen. [...]"


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