Haben Sie, Herr Kessens, eigene „spanische“ Erfahrungen genutzt, um den Flamenco-Roman zu schreiben oder sind Sie wegen des Romans extra noch nach Spanien gefahren?

Spanien ist dort, wo die Palmen blühn, um eine Anspielung aufzugreifen. Tatsächlich war ich schon viele Male in diesem Land der Stiere, der Tänzerinnen, der Toreros, der Gitarrenspieler und der Cantaores, also von Sängern, die singen, was einige Deutsche nur selten hören. Diese Cantaores gehören zum Flamenco. In den Liedern, teilweise schreiend, krächzend, grell gesungen, ist etwas Arabisches drin und etwas von den Zigeunern. Sie singen von Herz und Schmerz und von Leidenschaft, Eifersucht und Liebe. Anna, diese Heldin im Roman, hat so ein Lied gesungen, ehrlich, spontan, sensibel, leise und manchmal vor Angst schreiend, einen Fandango.
Dass ich die Stadt Salamanca kenne? Nun, ich bin einige Male dort gewesen, habe die Kathedrale und die Bars gesehen, und insbesondere habe ich diese wahnsinnig schöne Plaza Mayor, einen der größten Plätze der Welt. Dort zu sitzen, ist ein tolles Gefühl, und im Roman habe ich einige Erinnerungen an diesen Platz niedergeschrieben.


Wie stehen Sie selbst zu Werther? Wann haben Sie das Buch das erste Mal gelesen, wie gefiel es Ihnen damals und inwieweit wurden Sie selbst davon beeinflusst?

Werther - dieser Roman heißt ja eigentlich richtig „Die Leiden des jungen Werthers“, geschrieben von Goethe. Diesen Roman hat Goethe in einzelnen Briefen abgefasst. Der Inhalt ist schnell zu erzählen. Ein junger Mann hat sich in ein wunderschönes Mädchen, in Lotte, verknallt, kann sie aber nicht heiraten, weil diese mit einem Beamten verlobt ist. Das Ergebnis ist bekannt: Werther schießt sich eine Kugel in den Kopf. Auf den ersten Blick ist dies eine banale Geschichte, wie ein Trivialroman, einfach gestrickt. Tatsächlich ist dieser Werther aber außergewöhnlicher Mensch und darüber hinaus ist er das Spiegelbild der Verhältnisse der damaligen Ständegesellschaft. Daran zerbricht er. Diesen Roman habe ich in der Unterprima 1965 kennen gelernt, ein Jahr vor dem Abi. Unser Deutschlehrer hat uns den Werther nähergebracht, und wir haben uns damals mit dem Werther identifiziert. Das war schon beeindruckend.


Wie kamen Sie als Autor auf die Idee?

Mit dem Werther habe ich viel zu tun. Schon als Deutschlehrer habe ich diesen Roman bestimmt 20 oder 30 Male gelesen; immer dann, wenn ich einen Leistungskurs in Deutsch hatte. Dieser Roman ist für mich ein Schlüsselroman der deutschen Literatur. Doch ist aus heutiger Sicht diese Problematik nur schwer zu verstehen. Viele stoßen sich an der alten Sprache, viele halten diese Sprache sogar für Kitsch. Wenn man aber den Text gegen den Strich liest, ist der Roman nicht wegzudenken. Schließlich hat Napoleon diesen Werther einige Male gelesen und Echtermann hatte notiert: Napoleon hat geweint. Ihn hat die pathetische, überschwängliche Sprache nicht gestört. Für ihn war die Sprache authentisch.
Ich wollte den Werther modernisieren, ihn entmotten, ihn frisieren, ihn entstauben. Nicht besser – diesen Anspruch habe ich nicht im Kopf gehabt, aber ich hatte die Idee, diesen Goetheschen Werther über den Maler, diesen Snessek im "Getanzte Liebe Flamenco", an die heutige Jugend heranzubringen.


Wer diente Ihnen, falls Sie so einen überhaupt hatten, als Vorbild für die Hauptpersonen des Buches?

àZuerst einmal habe ich den Maler in "Getanzte Liebe Flamenco" mit dem Goetheschen Werther verglichen, ihn dann beschrieben und charakterisiert, indem ich ihm bestimmte Attribute gegeben habe: die Sensibilität, den Narzissmus, die Egozentrik, die Isolation, diese latenten Frustrationen, besonders in der Liebe; die Flucht in die Innerlichkeit, die Melancholie. Mein Werther ist also der Werther.
Ihm gegenüber steht seine Freundin Birgit aus Münster: ein rationaler Mensch, eine Wissenschaftlerin, die die Ökonomie versteht und beherrscht; steht mit beiden Füßen auf dem Boden, ist dynamisch und hat die Gabe, Probleme zu lösen. Diese beiden Figuren stehen im Vordergrund, und wenn man ein bisschen Talent zum Interpretieren hat, dann wird man schnell wissen, dass diese beiden Personen zu einer einzigen Person verschmelzen. Der eine ist jedenfalls das alter ego des anderen. Was der Maler fühlt, rationalisiert Birgit. Was erklärt Birgit, empfindet der Maler. Er malt, sie schreibt eine Doktorarbeit in Ökonomie. So immer weiter, immer weiter. Und zwischen den beiden ist nicht das nachlassende Gefühl der Liebe, sondern die gefrorenen Eiswände, die durch die Linguistik errichtet werden. Die Linguistik, die Sprache, ist die Hypothek, unter der die Menschen stöhnen. Das will ich aber nicht hier erläutern. Das ist das eigentliche Thema.


Stand am Anfang des Buches, als Sie zu schreiben begannen, schon sein Ende fest?

Ja. Den Tod habe ich fest eingeplant. Aber nicht den Tod des Malers, nicht den Tod Werthers. Den wollte ich weiterleben lassen. Denn er durfte nicht wie der Goethesche Werther sterben. Dieser beging Selbstmord, weil die Feudalgesellschaft ihn zermürbte, ihm diese Freiheit nahm, ihn in die Innerlichkeit drängte, ihn in die Emigration ins Innere stieß. Dadurch ist leicht zu folgern, dass Werther in einer hoffnungslosen Situation war. Über diese „wunderbaren Verhältnisse“ hat er gespottet, aber sie haben ihn niedergerungen.
Heute gibt es demokratische Verhältnisse. Deswegen darf man nicht verzweifeln. Man kann sich wehren, man kann aktiv sein, kann in eine Partei eintreten. Hier hat man die Möglichkeit der positiven Veränderung. Deshalb darf der Maler nicht sterben. Dass aber die Linguistik mit ihrer Manipulation – Genetik und Biologie will ich hier nicht nennen – Werther in der Hand hat und ihm keine Alternativen bietet, schränkt ihn ein. Deswegen sagt er der Gesellschaft Adieu, zieht sich zurück, lebt bei Wein und seiner Frau, aber in einem goldenen Käfig. Und ist man dann froh?


Sehr interessant finde ich die „Intertextualität“, die einem an einigen Stellen auffällt (Bezüge zu Gedichten, Liedern, Zitaten)

Nicht alles ist mir ja nicht selbst eingefallen. Deshalb habe ich bei anderen Autoren Anleihen respektive Gedankensplitter gefunden. Zum Beispiel bei Heine, vergl. diesen Vers „Totes Liebchen schmiegen“, und bei anderen Gedichten, die voll von Melancholie sind.
Er spielt mit seiner Flinte,
Die funkelt im Sonnenrot,
Er präsentiert und schultert -
Ich wollt, er schösse mich tot
Genauso mit dem Lateiner Lukrez, der sich mit der Konsequenz der Melancholie beschäftigt und den Tod als unausweichlich ansieht. Aber er will den Menschen die Angst vor dem Tod und vor den Göttern nehmen, von der er glaubte, sie beeinträchtige das menschliche Glück mehr als alles andere. Aber viele sind in eine Falle getappt. So ähnlich habe ich mir die Sackgasse vorgestellt, in der Werther war und psychisch auch der Maler.


Es ist eigentlich sehr verwunderlich, finde ich, dass nur so weniges der griech. Mythologie in dem Roman vorkam, wobei wenn man mal bei Ihnen Unterricht hatte, allein in einer Stunde mehr darüber gesagt wird als in dem gesamten Buch.

àEs ist nicht ganz richtig. Ich habe auch hier die griechische Mythologie als Schlüssel zum Verständnis des Menschen eingesetzt. Einmal die Sage von Midas, der alles berührte, was dann Gold wurde. Sogar was er essen wollte, wurde Gold, und er würde verhungern, wenn die Götter den Fluch nicht von ihm genommen hätten.
Und zweitens habe ich die Sage des Narcissos eingebaut. Du erinnerst Dich an den jungen Narcissos, der ins Wasser blickte, dort sein eigenes Spiegelbild sah und sich augenblicklich in sich selbst verliebte. Und da er das Bild auf dem Wasser nicht umarmen konnte, legte er sich daneben, unfähig, sich davon loszureißen, bis er starb. Und die Interpretation liegt auf der Hand, man muss aber die Augen aufmachen.