Glossar, das einen stichwortartigen Zugang zur vorläufigen Interpretation des Romans bietet:

Melancholie:
Melancholische oder depressive Verstimmungen entstehen nach Freud immer dann, wenn in einer Person das Bedürfnis nach Liebe und Achtung übertrieben stark ausgebildet ist. Vor einem solch hohen Ideal von Geliebtwerden muss die Realität selbst in ihren positiven Erscheinungen Grund genug für den Melancholiker, sich weiterhin den depressiven Stimmungen hinzugeben. Nach Freud handelt es sich bei der melancholischen Depression um eine Regression in die orale Kindheitsphase. Dies erscheint sehr plausibel, wenn man bedenkt, dass in der Regel in dieser Phase der Kindheitsentwicklung die körperliche Bedürfnisbefriedigung - vermittelt über die Mundzone beim Saugen noch optimal und ungetrübt war. Der Melancholiker sehnt sich also während seiner Trauerarbeit zu dem ozeanischen Glücksgefühl der ersten Kindheitserlebnisse zurück.
Nach Freud ist die Todessehnsucht bei Melancholikern die Wendung aggressiver Strebungen gegen das Ich. Wenn die Abfuhr der aggressiven Triebenergien, die durch Frustration durch die Umwelt ihre Nahrung erhalten, nach außen nicht gelingt (so oft bei Menschen mit starken Schuldgefühlen), kann sich der Aggressionstrieb gegen die eigene Person richten. Die extreme Form der Selbstzerstörung ist der Selbstmord; Annäherungsformen sind Krankheiten oder Selbstschädigungen durch Suchtmittel.
Aber nicht nur die Frustration aggressiver Bestrebungen durch die Umwelt kann zu Selbstdestruktion führen, sondern auch die ständige Versagung sexuell-erotischer Bedürfnisse. Freuds Trieblehre aus dem Jahre 1920 geht davon aus, dass es zwischen den beiden Haupttrieben, dem Aggressions- und dem Sexualtrieb - zu Vermischungen kommen kann, zu sog. ambivalenten Strebungen. Die Triebenergie beider Triebformen ist konstant, man kann sich dies bildhaft in Form eines Wasserreservoirs vorstellen, aus dem sich beide Triebe speisen. Bei Frustration eines der Triebe kann es zu Umbiegungen kommen, durch die die Triebabfuhr über den jeweils anderen Trieb erfolgt.
(Rainer Werner, Psychologie und Literatur, Klett 1983)


Narzissmus:
Als Narzissmus bezeichnet der Psychotherapeut Alexander Lowen sowohl einen psychischen als auch einen kulturellen Zustand: „Auf der individuellen Ebene ist er eine Persönlichkeitsstörung, die gekennzeichnet ist durch eine übertriebene Pflege des eigenen Image auf Kosten des Selbst. Narzisstische Menschen sind mehr daran interessiert, wie sie anderen erscheinen, als an dem, was sie fühlen. Tatsächlich leugnen sie Gefühle, die dem von ihnen angestrebten Image widersprechen. Da sie ohne Gefühl handeln, neigen sie zu verführerischem und manipulativem Verhalten und streben nach Macht und Herrschaft. Sie sind Egoisten, auf ihre eigenen Interessen ausgerichtet, aber ihnen fehlen die wahren Werte des Selbst  nämlich Selbstausdruck, Gelassenheit, Würde und Integrität. Auf der kulturellen Ebene kann man den Narzissmus an einem Verlust menschlicher Werte erkennen  an einem Fehlen des Interesses an der Umwelt, an der Lebensqualität, an den Mitmenschen. Eine Gesellschaft, die die natürliche Umwelt dem Profit und der Macht opfert, verrät, dass sie für menschliche Bedürfnisse unempfindlich ist. Wenn Reichtum einen höheren Rang einnimmt als Weisheit, wenn Bekanntheit mehr bewundert wird als Würde, wenn Erfolg wichtiger ist als Selbstachtung, überbewertet die Kultur selber das >Image<, und man muss sie als narzisstisch ansehen.“

Es, Ich, Über-Ich
Gleichgewicht und Ungleichgewicht im Kräftespiel des psychischen Apparats
Freud: „Das Ich kämpft an zwei Fronten.“


Es: Unbewusster Teil der Seele, Sitz des Trieblebens, repräsentiert die organisch-biologische Vergangenheit. Ich: Bewusste Kontaktstelle zur Außenwelt. Repräsentiert die Persönlichkeit. Über-Ich: Durch Erziehung erworbene Gewissensinstanz (Ich-Ideal), repräsentiert die moralischen Anforderungen der Gesellschaft, also die kulturelle Vergangenheit. Das Über-Ich entsteht durch Identifizierung mit den Eltern (meistens mit dem gleichgeschlechtlichen Elternteil) gegen Ende der phallischen Phase (ödipale Phase, s. u.). Mit den im Über-Ich vorhandenen moralischen Verboten soll das Ich in seiner Wächterfunktion gegen die Triebansprüche des Es gestärkt werden.
Die Überstrenge des Über-Ichs besteht darin, daß es sich nicht an den ganzen Persönlichkeiten der Eltern orientiert, sondern wiederum an deren Über-Ich. Es „ahndet“ dann nicht nur reale Taten, die es für verwerflich hält, sondern im Vorgriff auf die vermeintliche Bestrafungsabsicht der Eltern auch Gedanken und unausgeführte Absichten. (In der Literatur gibt es eine Fülle von Geschichten, in denen ein „Täter“ von seinem Gewissen „überführt“ wird.) Im Über-Ich besteht der Elternwille in verschärfter Form fort.
*Das Ich versucht im Dienste der Anpassung an die Außenwelt die triebhaften Wünsche des Es und die Ge- und Verbote des Über-Ichs mit den tatsächlichen Lebensmöglichkeiten in Einklang zu bringen. Die Art und Weise, wie das Ich diesen Kampf besteht, entscheidet nach Freud über eine normale oder gestörte Persönlichkeitsentwicklung.

Kompensation: Die Ersatzbefriedigung, sprich Kompensation durch Abreagieren am Ersatzobjekt wie z. B. im Sport, oder durch Sublimierung (geistige Veredlung z. B. im Malen) ist der tägliche Ausgleich zwischen Es und Über-Ich. Wenn es aber keinen Ausgleich über die Ersatzbefriedigung gibt, kommt es zu einer Auseinandersetzung zwischen Ich und ES (Triebe), die nur durch Verdrängung vorübergehend zum friedlichen Stillstand kommt. Aber in Folge der langjährigen Verdrängung kommt es zu psychischen Störungen: Alpträume, Angst, Melancholie, Isolation, Einsamkeit
Sprache:
Ein derartiges ....Steuerungssystem findet sich ... beim Menschen. Die Führungsaufgabe der reduzierten und entspezifizierten Instinkte wird weitgehend von traditionell und institutionell festgelegten Verhaltensmustern übernommen, die aber nicht nur in der Sozialstruktur als solcher, sondern zugleich auch implizit in Sprache und Weltauffassung gegeben sind. Dabei wirkt der bereits angedeutete Umstand mit, daß die Sprache gerade in ihren stammesgeschichtlich frühen Ausprägungen einen vorwiegend emotionalen und sozialen Charakter trägt und erst langsam ihre Darstellungs- und Symbolfunktion entwickelt. So kommt es, daß mit der Benennung fast jedes Gegenstandes zugleich eine Werttönung und ein Hinweis verbunden ist, wie man sich ihm gegenüber verhält bzw. verhalten soll. Die werthaft-normativen Elemente, die jeweils den diesbezüglichen Überzeugungen der betreffenden Gruppen entstammen, treten dabei in denselben sprachlichen Formen auf wie die deskriptiven und erwecken so den Eindruck, als wären sie Eigenschaften der Dinge, die von allem menschlichen Dafürhalten unabhängig sind - noch heute besteht zwischen Sätzen wie „Der Rubin ist rot“ und „Der Mord ist verbrecherisch“ rein grammatisch kein Unterschied. Auf diese Weise wird der Mensch in ein Führungssystem eingeordnet, dessen Funktion derjenigen der oben behandelten Auslesemechanismen genau entspricht: Mit Informationen über Umweltobjekte sind jeweils bestimmte Verhaltensimpulse gegenüber diesen Objekten und entsprechende Gefühlstönungen scheinbar unzertrennlich verknüpft. Diese gewissermaßen gebrauchsfertige Orientierung in der Welt enthält eine Fülle von Vorentscheidungen, die den Handelnden von zahlreichen Überlegungen und Unsicherheiten entlasten, welchen er auf sich allein gestellt oft kaum gewachsen wäre. Nicht nur der Druck der Gesellschaft und die suggestive Macht der Sprache, sondern auch diese Lebenserleichterung erklären die außerordentliche Wirksamkeit und Zählebigkeit jener Führungssysteme.

ERNST TOPITSCH: Sprachlogische Probleme der sozialwissenschaftlichen Theoriebildung. In: DERS. (Hrsg.): Logik der Sozialwissenschaften. Köln, Berlin: Kiepenheuer und Witsch 61970 (= Neue wissenschaftliche Bibliothek - Soziologie), S. 17-36. Auswahl S. 17f.