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Wirbelsturm

 in Lingen am 1. Juni 27

Am 1. Juni gegen 5 Uhr nachmittags wurde die Stadt Lingen von einer Unwetterkatastrophe heimgesucht. An dem Tage war es drückend warm. Im Südwesten (Richtung Herzford) zog ein Gewitter auf. Bleigrau war die Luft am südwestlichen Horizont. Dunkle Wolkenmassen türmten sich auf, ab und zu grollte der Donner. Aus dem Grau des Himmels hob sich in der Richtung nach Schepsdorf eine gelbgraue Wolkensäule in Trichterform hervor, die zuerst senkrecht stand, sich später nach Nordwesten hin neigte. Aus diesem Trichter schoß für kurze Zeit ein hellgrauer Schlauch heraus, der gleich einem Finger schräg nach oben in die Luft zeigte. Das oberste Ende dieses Schlauches schien über dem Lingener Rathaus zu liegen. Rings um den grau gelben Raum wirbelten Luftmassen in breiter Ausdehnung von etwa 50 - 60 m mit Linksdrehung und wirbelten Papier, Zeug, Bretter, Balken und Steine durch die Luft. Dem Beobachter, der auf dem Markte am Eingang der Gymnasialstraße war vor dem Uhrengeschäft von Hammerle stand, bot sich ein schauerlich schöner Anblick.

Nachdem Form, Fortpflanzungsrichtung und Dehnungsart der Windhose beschrieben ist, soll auch auf das Zerstörungswerk derselben eingegangen werden. Die beigefügten Bilder mögen der Veranschaulichung dienen! Nach den Presseberichten kam die Windhose aus Holland, setzte im Kreise Lingen bei Schepsdorf mit der Verwüstung ein, ging über die Stadt Lingen, den Böhmer- und Brögber Hof und soll dann über den Hümmling in das Oldenburger Land gewandert sein. Bei unserer Schilderung des Zerstörungswerkes des Sturmes beginnen wir bei Schepsdorf, wo sich die furchtbare Wirkung der Naturkraft mit voller Kraft und Macht äußerte.

Vor unseren Augen entwirft sich ein Zerstörungsbild, wie es die Feldgrauen hinter der Front öfters sehen konnten. Häuser sind abgedeckt, Wände eingestürzt.

Dem Wohnhaus der Familien Bruns, Krämer, Frese und Hilmes ist das ganze Dach glatt weggerissen. Die Längswand des Gebäudes nach der Straße hin wurde aus dem Fundament gehoben und zeigt mehrere Risse, die den Zuschauer warnen, dem baufälligen Haus zu nahe zu kommen.

Auch die schöne Lindenallee mußte dem Unhold Wind Tribut zollen. Das Herz schrumpft einem in Weh zusammen, wenn man die große Lücke in der prächtigen Lindenallee anblickt und die starken Baumleichen derselben mit vollem Blätterschmuck am Boden liegen sieht. Als auch die schöne Villa Windhoff heimgesucht war, zog der Wirbelsturm gleich einem Wegelagerer weiter und nahm alles mit, was sich ihm in den Weg stellte. An der Gelgöskenstiege raubte die Wettersäule dem Hause der Familien Lagemann und Kley das Dach und ließ Balken, Sparren, Bretter, Pfannen und Steine mitgehen. Ein Trümmerhaufen kennzeichnet den Weg des Windes. Beim Übergang über den Kanal hob er nach dem Bericht eines Augenzeugen das Wasser bis auf den Grund in die Luft, so daß man den trocken Boden des Kanalbettes hätte sehen können. Nun fiel der Sturm in die Gärten auf dem Bögen ein, entwurzelte Obstbäume und Beerensträucher, knickte oder riß ab Gemüsepflanzen und Blumen. Es kam mir vor, als ob eine schwarze Walze die Gärten eingeebnet hätte. Bei den menschlichen Wohnungen zeigte sich hier so recht, "daß die Elemente hassen das Gebild von Menschenhand." Die Häuser von Wasmuth, Heinen und van Kampen gleichen Trümmerhaufen. Das van Kampen'sche Haus war neu erbaut, und jetzt ist es bis auf die Grundmauer zerstört. Sämtliche Zimmerwände sind eingestürzt. Nur ein Teil der Küche blieb erhalten, in der sich die Hausfrau mit ihrem Kinde aufhält. Balken, Steine, Pfannen prasselten um die beiden vor Furcht und Angst zitternden Hausinsassen hernieder, ohne ihnen ein Leid zuzufügen. Die Windhose zog dann verwüstend weiter an dem Wohnhause Rodewald vorbei über die alte Stövesche Apotheke zur Mitte der Stadt. Überall Zerstörung und Verwüstung. Straßen und Marktplatz sind mit Trümmergestein und Holzteilen übersät. Sämtliche Häuser, über die das Unwetter hinwegfegte, sind abgedeckt. Giebel und Seitenwände fielen ein. Fenster mit ihren Füllungen wurden herausgerissen und machten den Drehtanz der Windhose mit, frei dringt der Blick in Wohn- und Kellerräume, in denen Betten, Bilder, Uhren, Tische und Stühle ein wüstes Durcheinander bilden. Nach der Katastrophe fand mache Hausfrau in ihrem Wohnhause Wäsche- und Kleidungsstücke, die, wer weiß woher, der Sturm als Ersatz für weggeführte Kleider durch die Öffnung im Dach oder in der Wand zubrachte. Dem Beschauer, der auf dem Marktplatz vor dem alten zerstörten Rathause steht, bietet sich ein trostloses Bild der Verwüstung. Das Haus des Uhrmachers Hammerle drückte die Wucht eines Mauersturzes aus dem van der Velde Veldmannschen Hause zusammen und begrub unter sich die Hausfrau, die man aber, zwar verletzt, hervorholen konnte. Eine weitere Verletzung erlitt die Frau des Architekten Lühn, die von einem stürzenden Balken getroffen wurde. Leider haben wir auch einen Toten zu beklagen. Ein Kind unserer Schule, Flerlage, erlitt am Kopfe eine schwere Verwundung, an der er am zwölften Tage starb.

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Bild 1: Haus der Familien Bruns, Krämer, Frese e. Hilmes in Schepsdorf

Gehen wir jetzt auf dem Zerstörungswege des Sturmes weiter! Die Likörfabrik Lambers, ein Neubau aus dem Vorjahr, ist mit ihren Umfassungsmauern zusammengestürzt. ½ bis 1 m dicke Lindenbäume auf dem Schulplatz entwurzelten und liegen kreuz und quer durcheinander. Weiter ging die Windhose durch die Baccumerstraße, durch die Parkstraße zum Böhmerhof, eine Stätte der Verwüstung hinter sich lassend. Grauenhaft ist auf dem Gutshof der herrliche Buchenwald zugerichtet. Dicke Bäume knickten glatt ab und begruben unter sich landwirtschaftliche Maschinen und Wohnhäuser. Aus dem Chaos ragt ein Kruzifix unbeschädigt zum Himmel. Möge er all den Sturmbeschädigten, die Hab und Gut verloren haben, ein Fingerzeig sein, daß sie in ihrem Unglück auf Gott hinschauen, der allein Trost und Liebe bringen kann. Nachdem die Windhose auf dem Brögberhof ihre ganze Kraft und Wut ausgelassen hat, scheint sie sich in die Luft gehoben zu haben, da dort das Zerstörungswerk aufhört.

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Bild 2: Lücke in der Lindenallee an der Emsbrücke bei Schepsdorf

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Bild 3: Haus der Familien Lagemann e Kley, Gelgöskenstiege

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Bild 4: Haus der Familie Wasmuth, (Auf den Bögen)

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Bild 5: Haus der Familie Wasmuth, Vorderansicht, (Auf den Bögen)

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Bild 6: Haus auf den Bögen (Familie van Kampen)

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Bild 7: Haus der Familie Rodewald, Am Wall

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Bild 8: Die alte Stöve'sche Apotheke, Elisabethstr.

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Bild 9: Städtisches Rathaus am Markt

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Bild 10: Rathaussaal (Marktplatz)

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Bild 11: Hammerle e van der Velde Veldmann

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Bild 12: Blick in die Große Straße

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Bild 13: Likörfabrik Lambers, Clubstraße

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Bild 14: Schulplatz an der Clubstraße

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Bild 15: Am Schulplatz an der Clubstraße

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Bild 16: Zimmer im Finanzgebäude am Schulplatz

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Bild 17: Blick in die Gymnasialstraße vom Marktplatz aus

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Bild 18: Haus der Familie Ottens, Gymnasialstraße

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Bild 19: Haus Wagner, Baccumerstraße - Am Wall

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Bild 20: Blick in die Baccumerstraße (umgestürzter Giebel des Hauses Wellmann)

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Bild 21: Haus Rollmann e Theising, Baccumerstr. (vom Wall aus gesehen)

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Bild 22: Wohnhaus Vogt, Parkstraße

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Bild 23: Wohnhaus Appelhans, Parkstraße

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Bild 24: Wassermühle, Böhmerhof

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Bild 25: Mietshäuser auf  dem Böhmerhof

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Bild 26: Waldbestand auf dem Böhmerhof

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Bild 27: Böhmerhof

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Bild 28: Haus der Familie Kampschulte (Böhmer Hof)

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Bild 29: Brögber Hof (Laxten)

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Bild 30: Mietshaus auf dem Brögber Hof

Ein Augenblick hatte genügt, um all das zu zerstören, was Menschenfleiß mit Müh und Not in Arbeit langer Jahre errichtet hatte. Doch unverzagt gings wieder an die aufbauende Arbeit. Kaum war das Unwetter verzogen, da sah man überall rege Hände, die die Habe bargen oder schadhafte Stellen an den Häusern ausbesserten. Der Gemeinschaftsgeist der Lingener Bevölkerung zeigte sich in seinem schönsten Lichte. Die Eisenbahnerwerkstätte stellte fachkundige Arbeiter für die Aufräumungsarbeiten in großer Anzahl zur Verfügung. Auf den Dächern der beschädigten Häuser wimmelte es schon am Abend des Unglückstages von tätigen Menschen. Galt es doch, möglichst schnell wieder ein Dach über den Kopf zu bekommen, denn es drohte zu regnen. Es war zu befürchten, daß die Feuchtigkeit, die der Regen brachte, ungehindert in die Wohn- und Schlafräume dringen konnte und das verdarb, was der Sturm verschont hatte. Leider setzte bald Regenwetter ein und vergrößerte den Sachschaden. Zum Schutze des Eigentums der Bürger übernahmen die Kivelinger und die Schützenbrüder die Nachtwache in der Stadt. Zu dieser Selbsthilfe gesellte sich Hilfe von außen. Der Kommission Bürgermeister Gilles, Landrat Dr. Pantenburg und Studienrat Schwenne, gelang es unter Führung des Regierungspräsidenten Dr. Sonnenschein große Geldbeträge von den Regierungsstellen für die notleidende Bevölkerung zu bekommen. Im ganzen kamen etwa 600.000 M zur Linderung der ersten Not zusammen. Kreis und Stadtsparkasse stellten 150.000 M zu 4 % zur Verfügung. Von nah und fern liefen Beileidskundgebungen ein. Schon in der ersten Nacht nach dem Unglück rollten Eisenbahnen Ziegelsteine herbei, und am anderen Tage war der Wiederaufbau der Stadt in vollem Betrieb. Die Straßen Lingens zeigten in den Tagen nach der Katastrophe ein reges Leben. Von überall waren Schaulustige herbeigeeilt zur Besichtigung der Verwüstungsstätte. Mancher Besucher opferte sein Scherflein für die Sturmgeschädigten, was die Ergebnisse der Büchsensammlungen in den Wirtschaften (823,70 M) und in den Straßen Lingens (654 M) zeigten.

Möge Lingen für die Zukunft von einem ähnlichen Unglück verschont bleiben!

 

 

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