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Hochwasser

Der Winter zeigte sich von verhältnismäßig guter Seite. Er brachte wenig Kälte und Schnee, dafür aber Ende Januar und Anfang Februar viel Regen. Nachdem in der 1. Februarwoche ein Dauerregen - fast ohne längere Unterbrechung niedergegangen war - erreichte das Grundwasser einen übersättigten Hochstand. Wie überall in Westeuropa trat Hochwasser ein. Die Ems schwoll in beängstigendem Maße an und hatte den Pegelstand längst überschritten. Mit großer Sorge wurde das weitere Steigen beobachtet. Am Sonntag morgens 9 Uhr ertönte die Sirene, die so oft schon im Kriege die Gemüter in Aufregung versetzt hatte. Von der Kanzel wurden die Männer aufgefordert, sich mit Schaufeln und Spaten zu bewaffnen und sich zur Emsbrücke nach Schepsdorf zu begeben, da ein Dammbruch zu befürchten sei. Und das Wasser stieg weiter. Die "Mühlenbecke" und der Stadtgraben überschwemmten durch einen bedenklichen Rückstau bereits mittags und nachmittags die niedrig gelegenen Gärten und Hauskeller der Stadt, so daß eine große Anzahl Häuser bereits abgeschnitten wurden. Zur Kathastrophe kam es am späteren Nachmittag, als die Dammbrüche an der Ems erfolgten. Dieser Sonntag, der 10.2.1946, sollte sich als einer der denkwürdigsten Tage, ähnlich dem der Wirbelsturmkathastrophe, in der Erinnerung der Bürger Lingens festsetzen. Wehe, wenn sie losgelassen, die Wasserfluten! Unterhalb Hanekenfährs durchbrach die Ems das Ufer und ein tosender Strom brach quer durchs Gelände in den Dortmund-Ems-Kanal ein. Der Kanal verwandelte sich in einen brausenden Strom, der seine Wassermassen nordwärts der Stadt Lingen zutrug. Am neuen und alten Hafen überstieg das brandende Wasser die niedrigen Ufer und drang von diesen Stellen aus in die Stadt ein. Das Wasser war ungeheuer schnell. Innerhalb weniger Stunden war der größte Teil der Stadt überflutet. Der Marktplatz wurde zu einem See, 70 bis 80 cm tief. In der Castellstraße stand das Wasser bis an die Fenstersimse. Die Keller füllten sich rauschend mit Wasser. Die meisten Leute konnten nur daraus das Notwendigste retten. Die Wohnungen überfluteten. In der Dienstwohnung des Schulleiters stand das Wasser 52 cm hoch. Wohnungen auf der tiefer gelegenen Westseite der Stadt - Hafenstraße, Mühlentor, Elisabethstraße, In den Bögen - wurden besonders schwer betroffen. In einigen Wohnungen erreichte der Wasserstand eine Höhe von 1 ½ m und mehr. Fieberhaft wurde von den Rettungsmannschaften und alliierten Truppen gearbeitet. 250 m nördlich der Brücke am Friedhof wurde die linke Kanalböschung durchstochen. Wild ergossen sich die Fluten durch die geschaffene Öffnung in das Gelände, das den Flurnamen "In der Horst" führt, hinunter nach Beversundern, die Öffnung auf einen Durchbruch von ca. 40 m Breite vergrößernd. Der Grund des darunter liegenden Geländes wurde aufgestrudelt, Felder und Wiesen bedeckten sich mit Sanddünen bis 1 ½ m Höhe. So weit das Auge blickte - Wasser. Vor dem alten Fährhaus an der Emsbrücke (die alte Emsbrücke war gesprengt und durch eine der engl. Pionierbrücken (Paulleybrücken) ersetzt) war der Emsdamm ebenfalls durchbrochen, und die Wasser rauschten über Felder und Wiesen den Fahrdamm "Unter den Linden" überquerend dem neuen Möddelhof und den Kasernen zu. Oberhalb Schepsdorf bahnte sich die Ems einen Weg durch einen Ablaß eines alten Emsbettes, der sogenannten Lake und durchströmte die Ortschaft Schepsdorf, die besonders stark in Mitleidenschaft gezogen wurde. Eine Ecke der Lehrerdienstwohnung und eine andere der Bäckerei de Boer wurden fortgerissen. Es entstanden Strudellöcher von einigen Meter Tiefe. Mutterboden wurde fortgeschwemmt, Gärten und Saatäcker übersandeten. Auch in der Stadt Lingen entstanden arge Schäden. Besonders litten die Möbeln in den Wohnungen. Zwar sackte das Wasser, das in der Nacht vom 10. zum 11.2. bis gegen 23 Uhr gestiegen war, noch in der Nacht bis 3 Uhr infolge der Dammöffnung am Kanal "In der Horst" wieder um ca. 40 cm ab, blieb aber dann fast 28 Stunden - im Westen der Stadt noch länger - stehen. Als die Leute an folgenden oder nächstfolgenden Tage ihre Wohnungen wieder betraten, lagen die Möbel aufgelöst im eingeschwemmten Morast, den herauszuwaschen viel Mühe kostete. Manche schöne Furnierarbeit war durch das Auf- und Abquellen im Wasser zerstört worden. Auch viele Lebensmittel, besonders Kartoffeln, die an sich schon knapp waren, verdarben, weil sie lange im Wasser liegen mußten. Zwar trafen auf Anforderung aus den Städten der weiteren Umgebung die Motorspritzen der Feuerwehren ein, um der einheimischen Feuerwehr beispringen zu können, die es allein nicht schaffen konnte, zwar schafften sie mit vereinten Kräften, die vielen Keller leer zu pumpen, aber das Hochwasser hatte den Grundwassserstand so erhöht, daß die Keller zum Teil wieder durch den Wasserdruck, wenn auch nicht in gleicher Höhe, mit Wasser gefüllt wurden. Im Keller der Schulleiterdienstwohnung sackte das Wasser mit dem Fallen des Grundwassers nach ca. 10 Tagen erst vollständig ab. Viel Arbeit kostete es, die Keller der Kastellschule restlos vom Wasser zu befreien, da die Motorspritzen einen Keller nicht bis auf den Grund auspumpen können. Der Hausmeister mußte aus dem Gebäude II mit Hilfe einer Anzahl Jungen ca. 3 000 Eimer Wasser schleppen. Die Schule mußte 8 Tage geschlossen bleiben, da die Schule nicht beheizbar war und zu Hause alle Hände gebraucht werden konnten. Viele Jungen hatten an dem Hochwasser, unbekümmert um die Sorgen und den Verdruß der Geschädigten, ihr helles Vergnügen an den Naturgewalten. Erfinderisch wie die Jugend ist, waren aus Benzintanks und einigen Brettern mit Hilfe von Draht bald eine große Anzahl Flöße gebaut, auf denen die Jungen dann durch die Straßen der Stadt gondelten. Glückliche Jugend, die des Lebens Ernst und Tiefe noch nicht kennt.

Bild 1: Blick in die Lange Straße hinab zum Marktplatz

Bild 2: Mühlentorstraße

Bild 3: Kirchstraße

Bild 4: Mühlentorstraße gegen Westen

Bild 5: Mühlentorstraße gegen Westen

Bild 6: Ecke Kirchstraße

Bild 7: Nochmals die Große Straße

Bild 8: (Hochwasserlandschaft)

Das gab nach den unfreiwilligen Ferien des Hochwassers natürlich viel Gesprächsstoff im Unterricht. Doch bald mußte er in das alte zielbewußte Gleise zurück, denn es ging auf Ostern.

 

 

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