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Die Einnahme Lingens

Der nachfolgende Bericht stammt von Hans Brinck, einem ehemaligen Schüler der Castellschule. Dieser wurde  Ostern 1931 in die VIII. Klasse( = 1. Schuljahr) eingeschult und war Schüler bis zum Schuljahr 1938/39. 

 

Sein Bericht beruht auf Tatsachen und eigenem Erleben. Deshalb  wurde er von mir nicht verändert, sondern wird hier so vorgestellt, wie er mir als Textoriginal vorliegt.

Wer ihn aufmerksam liest, möge für sich als Ergebnis die Mahnung zur Friedfertigkeit und die Erkenntnis mitnehmen, zu welchen Auswüchsen Fanatismus und Extremismus führen, gleich welcher Art sie auch immer seien.

 

 

Hans Brinck

Kampf um Lingen

Meine Erlebnisse als Zivilist bei den Kämpfen um die "Festung Lingen" im April 1945

Vorwort

Die nachstehenden Aufzeichnungen sind meinen Jugenderinnerungen entnommen, die ich unter dem Titel "Schwedenschanze 36 A" niedergeschrieben habe. Sie entstanden in den Jahren nach meiner Pensionierung (ab 1987).

In dem Vorwort zu diesen Jugenderinnerungen stellte ich die Frage: "Warum diese Aufzeichnungen?" und gab darauf folgende Antwort:

"Der Anlaß dafür ist - neben dem mir selbst verordneten geistigen Training - allein der, daß ich mich im Alter an mein bisheriges Leben erinnern möchte und es vor meinem geistigen Auge Revue passieren lassen will. (...) Beim Schreiben möchte ich mir das in Erinnerung rufen, wovon ich glaube, es schon vergessen zu haben. Viele schöne, aber auch weniger angenehme Geschehnisse sollen hier aufgezeichnet werden und es mir später erlauben - wenn ich noch älter und mein Gedächtnis lückenhaft werden sollte - zu sagen: "Ja, so war es damals. Trotz aller Not und vieler Entbehrungen in meinen Kinder- und Jugendjahren war es eine Zeit, die schön war und an die ich mich gern erinnere."

Der folgende Auszug hingegen schildert einen Zeitraum, an den ich mich nicht gern, aber sehr gut erinnere. Als Zeit- und Augenzeuge der Kämpfe bei Kriegsende 1945 im Raum Lingen sind mir die Erlebnisse dieser Tage in bester Erinnerung. Sie stehen auch heute noch - nach mehr als 50 Jahren - lebhaft vor meinem geistigen Auge.

Bei meinem letzten Besuch in meiner Heimatstadt Lingen im Oktober 1997 kaufte ich in der Buchhandlung R. van Acken das Buch "Das Kriegsende 1945 im Raum Lingen". Beim Lesen des darin von deutscher und alliierter Seite geschilderten militärischen Ablaufs der Kämpfe um Lingen wurden mir erst jetzt die Zusammenhänge klar, die ich bisher nur erahnt hatte. Auch die Schilderungen der zu Wort kommenden Zeitzeugen habe ich mit besonderem Interesse gelesen und sie mit meinen Erlebnissen verglichen.

Mit dem Herausgeber des Buches, Herrn Dr. Remling, habe ich daraufhin Kontakt aufgenommen. Bei diesem Gespräch bat er mich, ihm meinen Augenzeugenbericht zur Verfügung zu stellen, was ich hiermit gern tue. Er ist aus meiner Sicht aber nur ein kleiner Stein im Mosaik der Ereignisse jener Tage, die für viele Angst und Schrecken, für einige auch Verwundung und Tod brachten, die für alle aber das Ende eines langen und entbehrungsreichen Krieges bedeuteten.

Hans Brinck

im Januar 1998

 

 

Das Ende meines Militärdienstes

Rückkehr nach Lingen

Mein Marschbefehl lautete:

Der Vers.Kranke Johannes   B r i n c k   vom Reserve-Lazarett Friedensau befindet sich auf dem Marsch von Pabsdorf-Friedensau über Burg-Magdeburg nach Lingen/Ems, Schwedenschanze 36a und hat Befehl, die Reise ohne Verzögerung, ohne unnötige Umwege und ohne eigenmächtige Unterbrechung auszuführen.

Grund: Rückkehr v. der Kurbehandlung im Res.-Laz. Friedensau.

Rückreise: entfällt.

Ausgefertigt am 12. Januar 1945

Reserve-Lazarett Friedensau

gez. Unterschrift

Hauptmann und Hilfsoffizier

Neben weiteren Verhaltensregeln für mich und der Anweisung an alle Behörden, mich ungehindert reisen zu lassen und mir nötigenfalls Schutz und Hilfe zu gewähren, befand sich auch de Hinweis, daß ich mit Lebensmittelkarten, Raucherkarte und Fein- bzw. Rasierseife bis zum 14.01.45 abgefunden worden sei.

Mit Marschverpflegung versehen trat ich nun am 14. Januar 1945 die Rückreise nach meinem Wohn- und Geburtsort Lingen an. Ein von einem Pferd gezogener und mit Milchkannen beladener Wagen brachte mich mit meinem Koffer vom Reservefeldlazarett Friedensau zur etwa 5 Kilometer entfernten, an einer Nebenstrecke liegenden Bahnstation Pabsdorf.

Obwohl das Feldlazarett in der Einflugschneise der feindlichen Bomber nach Berlin lag, hatte ich dort einige Wochen relativ ruhiger Tage und Nächte verbracht. Selbstverständlich hab es auch hier Fliegeralarm, der jedoch kaum von uns Patienten beachtet wurde. Lediglich bei nächtlichen Angriffen auf Magdeburg haben wir es aus Sicherheitsgründen vorgezogen, aufzustehen und das Abwehrfeier der Flak und den Feuerschein der durch die abgeworfenen Bomben entstehenden Brände zu beobachten. Die Ortschaft Friedensau war von der Glaubensgemeinschaft der "Adventisten vom Siebenten Tag" 1899 gegründet worden. Sie bestand nur aus wenigen Wohnhäusern, drei zu Lazaretten eingerichteten größeren vormaligen Schulungs- und Verwaltungsgebäuden und aus mehreren Handwerksbetrieben. Alle Gebäude waren von den Nazis beschlagnahmt worden. Außer als Lazarett dienten sie nun zur Herstellung von Kriegsmaterial. Soweit wir Kriegsversehrten dazu in der Lage waren, wurden wir zu leichteren Arbeiten herangezogen. Eine mir übertragene Aufgabe war es, in der Sattlerei Patronentaschen zusammenzunähen. Später wurde ich auch in der Schneiderei eingesetzt, wo ich Uniformstücke, die von Geschossen durchlöchert worden waren, instandsetzen und damit wieder tragfähig machen mußte.

Der "Kuraufenthalt" hatte mir gut getan. Neben der Erholung hatte auch das bessere Essen meine Körperkräfte wieder gestärkt. An eine erneute Kriegsdiensttauglichkeit war jedoch aufgrund meiner Wehrdienstbeschädigung nicht zu denken. So entließen mich die Ärzte mit dem Vermerk im Wehrpaß: "w.u. bis Juni 1948" (w.u. = wehruntauglich). Damit war also mein Soldatenleben beendet, und mein Zivilistendasein begann.

Während des Lazarettaufenthaltes hatten wir außer den Wehrmachtsberichten kaum Informationen von den Frontbereichen erhalten können. Die bei uns eingelieferten Verwundeten waren an der Ostfront eingesetzt gewesen, und das, was wir von ihnen zu hören bekamen, stimmte uns alles andere als siegesgewiß.

Der Ort Friedensau bei Burg (Bezirk Magdeburg)

Von Mutter hatte ich neben ihren Briefen nur Zeitungsausschnitte erhalten, die von Bombenabwürfen und den dabei getöteten Zivilisten berichteten. So war ich sehr gespannt darauf, wie die vergangenen Kriegsmonate in Lingen abgelaufen waren und was mich dort nach meiner Rückkehr sonst noch erwartete. Daß aber schon 2 ½ Monate später die Westfront Lingen erreichen würde, habe ich mir zu diesem Zeitpunkt doch nicht vorstellen können.

Ich begann also am 14.01.1945 mit der Bahn die Rückfahrt nach Lingen. Wegen der ständigen feindlichen Bombenangriffe und der großen Gefahr von Tieffliegerangriffen war an einen geregelten und fahrplanmäßigen Zugverkehr der Reichsbahn nicht zu denken. Aufgrund des an diesem Tag herrschenden schlechten Wetters war die feindliche Lufttätigkeit gering. So gelangte ich ohne größere Verspätung bis nach Osnabrück. Dort aber gab es Fliegeralarm, und man erwartete einen Angriff auf die Stadt. Wir mußten den Zug verlassen und einen Hochbunker im Bahnhofsgelände aufsuchen. Wie ich später erfuhr, galt der Angriff den in der Nähe gelegenen Flugplätzen. Es gab bald Entwarnung und wir konnten den Bunker verlassen. Nach einer Personenkontrolle durch eine Zivilstreife durfte ich dann unseren Zug wieder besteigen. Der setzte sich bald darauf in Richtung Rheine in Bewegung, und nach einem weiteren ungemütlichen Aufenthalt auf dem dortigen Bahnsteig (feuchte Januarkälte) kam dann endlich aus Richtung Münster der Zug, der mich an das Ziel meiner Reise bringen sollte.

So erreichte ich am frühen Abend wieder meine Heimatstadt. Meiner Mutter hatte ich keine Nachricht von meiner Rückkehr geben können. Nach dem Durchschreiten der Bahnsteigsperre staunte ich über die große Anzahl von Menschen, die dichtgedrängt in der Bahnhofshalle standen. Sie musterten jeden Ankömmling in der Hoffnung, daß unter den ankommenden Reisenden auch Familienangehörige oder Bekannte seien, die Heimat- oder Genesungsurlaub bekommen hatten. Unter den Wartenden hatte ich einige bekannte Gesichter entdeckt und wollte die Betreffenden begrüßen. Das scheiterte aber daran, daß ich von der Feldpolizei herausgefischt wurde und mich einer Ausweiskontrolle unterziehen mußte. Als Zivilist im wehrfähigen Alter war ich ihnen wohl verdächtig erschienen. Aber mein Marschbefehl und mein Schwerbeschädigtenausweis machten ihnen rasch klar, daß ich kein Wehrmachtsdeserteur war. So wurde ich also statt von meiner Mutter von der Militärgewalt begrüßt. Auf solche Art der Begrüßung konnte ich gern verzichten!"

 

Nach diesem Intermezzo ging ich nun rasch den seit meiner Schulzeit gewohnten Weg an der Bahnlinie entlang Richtung Schwedenschanze, und erreichte dann mein in Dunkelheit gehülltes Elternhaus. Nach längerem lauten Klopfen gegen das Fenster der Haustür hörte ich Mutters Schritte. Sie schob die Gardine beiseite und meldete sich mit der Frage: "Wer ist da?"  Als sie meine Stimme hörte, tat sie einen Jubelschrei, und wir fielen uns um den Hals. Nach der Frage, wie es mir gehe, wollte sie wissen, ob ich großen Hunger hätte. Sie machte sich sofort daran, mir eine warme Mahlzeit zu machen. Es gab Milchsuppe und danach Bratkartoffeln mit Spiegeleiern.

Nach dieser Stärkung hatten wir uns viel zu erzählen. Mutter merkte aber, daß ich müde wurde, und sie empfahl mir, schlafen zu gehen. So war ich froh, wieder zu Haus in meiner gewohnten Umgebung zu sein und in meinem eigenen gewohnten Bett schlafen zu können. Ich schlief bald ein, und meine Ruhe wurde auch nicht durch Fliegerlärm gestört.

Dieser Zeitungsausschnitt berichtet über einen Angriff feindlicher Bomber auf die Stadt Lingen und die dabei verursachten Schäden und Opfer

 

Karfreitag, 30. März 1945

In den vergangenen Wochen seit meiner Rückkehr vom Lazarett war das Leben überwiegend vom Fliegeralarm bestimmt. Um über die feindlichen Flugbewegungen besser informiert zu sein, hatte ich an der vor unserem Haus vorbeiführenden Telefon-Freileitung einen Antennendraht installiert. Durch die lange Antenne erhielt ich nicht nur einen besseren Rundfunkempfang für die deutschen Sender, sondern hatte auch für die Sendungen der BBC und des Soldatensenders Calais (für beide Feindsender war das Abhören verboten und unter strenge Strafe gestellt) eine gute Empfangsqualität mit meinem kleinen Volksempfänger. Der Drahtfunk lieferte mir dann mit seinen frühzeitigen Luftlagemeldungen die Möglichkeit zu entscheiden, ob für den Raum Lingen erhöhte Luftgefahr bestand und man sich deshalb in Sicherheit bringen mußte.

Für die Lokalisierung der Standorte der Feindflugzeuge waren das Reichsgebiet und die umgebenden besetzten Länder in Quadrate eingeteilt. Die waagrechten Quadrate erhielten einen Buchstaben, die senkrechten eine Zahl. Wenn die feindlichen Bombergeschwader auf der "G(ustav)-Linie anflogen (darauf lagen z. B. die Städte Amsterdam, Lingen, Hannover, Magdeburg, Berlin) bestand große Gefahr für einen Angriff im Lingener Raum. In einem solchen Fall schnappte ich mein Fahrrad und fuhr in Richtung Kiesberge. Hier war ich genügend weit von möglichen Angriffszielen entfernt; außerdem hatte ich einen Überblick über die Bombengeschwader, die mit ihren gut sichtbaren Kondensstreifen über mich hinwegflogen. Die Nachbarn gingen in den gemauerten Splittergraben, um sich so zu schützen. Mich konnte aber niemand dazu bewegen, ihn ebenfalls zu benutzen. Bei einem Besuch in Münster hatte ich gesehen, was für eine Wirkung ein Bombenvolltreffer auf so einen "Schutzbunker" gehabt hatte. Die darin schutzsuchenden Menschen waren alle getötet und zudem verschüttet worden. Einzelne herumliegende zerrissene Kleidungsstücke und Schuhe erinnerten an deren Schicksal.

Bei Fliegeralarm sah ich deshalb Mutter nur ungern mit ihrem Köfferchen im Splittergraben verschwinden. Sie war aber aus gesundheitlichen Gründen nicht in der Lage, jedesmal bei Alarm in den Wald zu flüchten. Ihr starkes Gottvertrauen half ihr aber, ihre Angst zu überwinden. Die Zeit im Splittergraben nutzte sie mit dem Beten des Rosenkranzes, der ihr ständiger Begleiter war. Zweifel am Endsieg hatte sich schon immer gehabt. Obwohl sie eine völlig unpolitische Frau war, empfand sie zu den "braunen Herren" keine Zuneigung.

Eine erste offene Ablehnung der Nazis spürte ich bei ihr, als in den Klassenzimmern der Schulen das Kreuz entfernt wurde. Als Kind konnte ich das aber nicht verstehen, wurden uns doch in der Schule - besonders vom Rektor Lenz - die Vorzüge des Nationalsozialismus gelehrt. Diese einseitigen Informationen machten aus uns Kindern gläubige Jugendliche, die dann erst später - manche erst nach dem verlorenen Krieg - merkten, wie sie um ihre Jugend betrogen worden waren.

Aber auch jetzt noch, als die feindlichen Truppen schon nahe meiner Heimat waren, wurde uns von der Parteileitung noch immer ein naher Endsieg vorgegaukelt. Die großen Vergeltungswaffen (V2), die man in westlicher Richtung von Lingen aus in Form hoch in den Himmel aufsteigender Kondenzstreifen sah, sollten die Wende des Kriegsglücks bringen. Von Urlaubern aus Norwegen hörte ich dann, daß es eine neue Waffe geben sollte, wozu man "schweres Wasser" benötigte. Ich konnte mir darunter nichts vorstellen, und nähere Einzelheiten konnte man mir auch nicht sagen. So mußte - bei der totalen Luftüberlegenheit der Alliierten - auch ich einsehen, daß der deutsche Zusammenbruch nahe sei. Wir rechneten also nicht mehr mit einem Wunder und sagten uns: Besser ein baldiges Ende mit Schrecken statt weiterhin ein Schrecken ohne Ende.

Dieser Ausweis leistete mir gute Dienste

Kreuzung Schwedenschanze - Brunnenstraße - Thüringer Straße

Auf dem ehemaligen Splittergraben (Bunker) wurde von der 

Familie Pienemann das Wohnhaus (links im Bild) gebaut.

 

"Festung Lingen", ein Phantom?

Ostersamstag, 31. März 1945

Am Ostersamstag bat mich Mutter, mit ihr in die Stadt zu gehen. Für die Feiertage wollte sie noch alle Lebensmittel einkaufen, die für die laufende Kartenperiode aufgerufen waren und die es bei unserem Kaufmann Wichtrup (Schwededenschanze 30) nicht gab. Außerdem sollte es in der Stadt Sonderzuteilungen geben. Wenn auch die Zuteilungen nur gering waren, brauchte sie wegen der geschwächten Kräfte meine Hilfe, um die Waren für uns drei Personen nach Haus zu tragen. Bei unserem Einkaufsbummel trafen wir am Marktplatz auf die zurückflutenden Wehrmachtssoldaten, die mit ihrem Troß aus der Lookenstraße in die Burgstraße einbogen. Ein trauriger Anblick! Was war aus der "stolzen und siegreichen Armee des Führers" geworden! Beim Anblick dieser bedauernswerten Truppenteile meinte Mutter zu mir: "Mit Mann und Roß und Wagen hat sie der Herr geschlagen". Mit dieser Äußerung traf sie den Nagel auf den Kopf. Ich bat sie aber, anderen Leuten gegenüber nicht so leichtfertig ihre Meinung zu sagen. Das hätte ihr sonst gewiß eine Anzeige mit dem Vorwurf der "Wehrkraftzersetzung" einbringen können, obwohl es bei einem solchen Zustand der Truppe kaum noch etwas zu zu zersetzen gab.

Wieder zu Haus angekommen, machte sie sich daran, einen Kuchen zu backen. Das hatte sie auch in den vergangenen schlechten Kriegsjahren beibehalten, am Sonntag mußte stets ein Kuchen auf dem Tisch stehen. Jedoch war statt des "Genießerkuchens" früherer Jahre (mit 8 Eiern) jetzt nur noch eine Art Honigkuchen unter Verwendung von Kunsthonig möglich, der aber trotzdem schmeckte und uns den Sonntags(muckefuck)kaffee verschönte.

Ich machte mich daran, rund um das Haus herum und im Garten Ordnung zu schaffen. Darauf legte Mutter viel Wert: am Wochenende mußte alles geputzt und geharkt werden, damit die vorbeigehenden Kirchgänger mit ihren kontrollierenden Blicken keinen Grund zu einer negativen Kritik hatten. Außerdem hob ich eine Grube aus für den Fall, daß wir darin einige unserer (wenigen) wertvollen Sachen vor den Engländern vergraben konnten.

 

Ostersonntag, 1. April 1945

Der Ostersonntag begann für mich mit einem Kirchgang. Statt an den Bahngeleisen entlang ging ich diesmal über die Lookenstraße zur St.-Bonifatius-Kirche. Dabei bekam ich wieder das Bild einer geschlagenen Armee zu sehen. Das "Rette sich, wer kann", egal wie, stand dabei im Vordergrund. Kein schweres Kriegsmaterial, außer einigen 8,8 cm Flak-Geschützen, befand sich in der langsam an mir vorbeiziehenden Kolonne.

Nach dem Gottesdienst ging ich an der Marienschule vorbei durch die Gärten zur Marienstraße. Ich sah, wie man im Hof des "Braunen Hauses" ein Feuer entzündet hatte und Akten verbrannte. Auf einem Tisch lagen verschiedene Handfeuerwaffen und Handgranaten. Ein mir bekannter HJ-Führer sah mich und forderte mich auf, davon einiges mitzunehmen und damit zur Verteidigung der Stadt beizutragen. Mit der Ausrede: "Ich komme gleich noch einmal vorbei", entzog ich mich dieser Weisung und verschwand rasch hinter dem Kino (Lingener Lichtspiele). Ich hatte doch keine Lust, als Zivilist mit Waffen in der Hand mein Leben aufs Spiel zu setzen.

Am Nachmittag machten wir (Mutter, mein Bruder Hermann und ich) noch den an Feiertagen üblichen Verwandtenbesuch. Am Gasthausdamm 11 traf sich Mutter mit ihren beiden Brüdern, meinem Patenonkel Anton Lage (Gärtner) und Hermann Lage (Milchhändler). Es wurde dabei über die aussichtslose Kriegslage gesprochen und auch darüber, wie wir uns verhalten sollten, wenn der Feind in Lingen Einzug halten würde. Mein Patenonkel gab uns noch wertvolle Tips: Wir sollten alles, was in irgendeiner Form mit der NSDAP in Verbindung gebracht werden könne, vernichten, am besten verbrennen. Was nicht verbrennen könne (z.B. Metallabzeichen, HJ-Koppelschloß usw.) sollten wir in der Jauchegrube versenken. Darin würde man bestimmt nicht stochern! Diesen Rat haben wir befolgt und am nächsten Tag unser Haus genauestens unter die Lupe genommen. Außer meinem und meiner Brüder HJ-Braunhemden, die ich wegen der Textilknappheit nicht vernichten wollte (von denen ich aber die Stoffabzeichen abtrennte) und einiger wichtiger Urkunden mit Hakenkreuzen (die ich im Keller unter Briketts versteckte), wurde alles, was an die braune Zeit erinnern konnte, ausgemerzt. Es war aber nicht viel, was da zusammenkam, weil Mutter sich schon immer "mit diesem Zeug", wie sie die Nazi-Abbildungen und Abzeichen nannte, nicht anfreunden konnte. Auch eine Hakenkreuzfahne befand sich nicht in unserem Besitz, dafür bereiteten wir uns jetzt mit einer anderen Fahne auf das Kriegsende vor.

Einen Kopfkissenbezug, einen Besenstiel und Heftzwecken legten wir uns parat, um zu gegebener Zeit damit unseren Feinden unsere Friedfertigkeit zu signalisieren. Wir wagten es nicht, sie schon völlig herzustellen, weil man sagte, daß Häuser mit weißen Fahnen von den deutschen Truppen in Brand gesteckt würden.

 

Ostermontag, 2. April 1945

Nach dem Kirchgang begab ich mich zum Frühschoppen. Es hatte sich so eingebürgert, daß wir Kriegsinvaliden uns mehrmals in der Woche bei "Henti" (Gaststätte Hans Schmedding in der Großen Straße) trafen, um Neuigkeiten auszutauschen. Auch die Front- und Genesungsurlauber nutzten diesen Treffpunkt, um Bekannte wiederzusehen. "Henti" war ein guter Gastwirt, und wir fühlten uns in seinen Gasträumen sehr wohl. Obwohl er ja nur alkoholfreies Molkebier (ein veredeltes Abfallprodukt von der Käseherstellung) anzubieten hatte, waren wir meist in aufgeräumter Stimmung. Es fanden sich stets einige Skatrunden zusammen, und die "Kiebitze" fehlten auch nicht.

An diesem Morgen ging es aber nur um das eine Thema: Lingen soll in eine Festung verwandelt werden. Unter uns befanden sich einige fronterfahrene Kameraden, die dieses Vorhaben als reine Illusion bezeichneten, denn außer den natürlichen Hindernissen (Ems und Kanal) waren lediglich Panzersperren aus Baumstämmen errichtet worden. Zusätzlich waren französische Kleinpanzer (aus welcher Mottenkiste hatte man die wohl geholt?) mit geringem Verteidigungswert an einigen Stellen der Stadt aufgestellt. Die einhellige Meinung war: In dieser Verfassung sei es unmöglich, über eine längere Zeit die Stadt zu halten. Sollte der Feind an der Ems aufgehalten werden, dann bestände die Gefahr, daß Lingen bombardiert und dem Erdboden gleichgemacht würde. Fazit: Wenn die Front Lingen erreichen sollte, sei es am besten, die Stadt zu verlassen und auf dem Lande Zuflucht zu suchen.

Für den Nachmittag hatte ich mich mit meinem Freund Hansi Gels verabredet. Sein Vater hatte an der Lindenstraße eine Gastwirtschaft. Von dort aus wollten wir weitere Erkundigungen über getroffene Verteidigungsvorbereitungen einziehen. Bei meinem Spaziergang von der Schwedenschanze in Richtung Schepsdorf kam ich an einigen französischen Kleinpanzern vorbei. Einen davon hatte man auf dem Bürgersteig vor der Villa Greis aufgestellt. Es war niemand im oder beim Panzer. Ich stellte mir die Frage, ob er mit Munition für sein Maschinengewehr versehen sei und ob man ihn wohl aufgetankt hatte. Die weiterhin auf dem Rückzug befindlichen Truppenteile machten keine Anstalten, hier eine Verteidigungsstellung aufzubauen. Hans Gels und ich spazierten nach Schepsdorf. Auch hier sahen wir keine Anzeichen eines "Emswalls", von dessen Existenz wir gehört hatten. Lediglich einige Einmannlöcher und kleine Schützengräben hatte man an der Emsbrücke angelegt. Auf unserem Spaziergang kehrten wir dann in der Gaststätte Goldkamp ein. Wir bestellten ein Heißgetränk, und zur Feier des Tages erhielten wir von Mia Goldkamp noch einen selbstgemachten Eierlikör spendiert. Auch sie hatte nichts gesehen und gehört, was auf eine ernsthafte Verteidigung an der Ems hindeuten könnte. Wir machten uns nun unsere Gedanken und traten den Heimweg an.

Nur wenige Stunden später stand der Gasthof Goldkamp in Flammen, und die schöne Brücke über die Ems wurde gesprengt. Schneller, als wir geahnt hatten, war Lingen damit zum Kampfgebiet geworden.

 

Hansi Gels    Theo Kastein    Hans Brinck

bei einem Spaziergang im Frühjahr 1945

Der am rechten Arm amputierte Theo Kastein war nach 1945 beim Postamt Lingen trotz seiner Behinderung und auf seinen Wunsch hin als Landbriefträger eingesetzt

 

Kampf um die "Festung Lingen"

Osterdienstag, 3. April 1945

In der Nacht werde ich von Mutter geweckt. "Hans, hör mal, was ist das für ein Geräusch?" fragt sie mich. Ich bin sofort hellwach, denn das gut zu vernehmende Geräusch ist das Rasseln von Panzerketten. Ich kleide mich ruckzuck an (eingeübt durch das häufige Fliegeralarm-Training) und gehe mit Mutter vor die Haustür. Es ist dunkle Nacht, und es fällt ein leichter Nieselregen. Aus Richtung Schepsdorf, aus der wir sonst bei Westwind die Schepsdorfer Kirchenglocken läuten hören, ist nun das Mahlen der Panzerketten zu vernehmen. Weil kein weiterer Kriegslärm zu vernehmen ist, wissen wir nun nicht, ob es sich dabei um auf dem Rückzug befindliche deutsche oder bereits um feindliche Fahrzeuge handelt. Das Letztere wäre uns zu diesem Zeitpunkt aber unerklärlich gewesen, denn nach den gestrigen Rundfunknachrichten standen die feindlichen Truppen noch etwa 40 Kilometer von Lingen entfernt.

Von weiteren Überlegungen werden wir aber befreit, denn nach dem gegen 3.00 Uhr erfolgten Alarm durch die Sirenen und der zu hörenden Sprengung der Emsbrücke wußten wir, daß der Ernstfall eingetreten war.

Wir (Mutter, mein Bruder Hermann und ich) hatten uns für diesen Fall mit meiner Tante Maria Bormes und ihren beiden Kindern verabredet, unser Haus zu verlassen und uns nach Baccum abzusetzen. Dort hatte Mutter sich vorausschauend beim Bauer Tieke für den Evakuierungsfall angemeldet.

Jetzt wurde unser Handwagen mit den Utensilien beladen, die wir für einen längeren Aufenthalt auf dem Bauernhof vorgesehen hatten. Sie beschränkten sich in erster Linie auf Decken und Kissen, damit wir in der Scheune einigermaßen gut auf Heu und Stroh kampieren könnten. Einige Lebensmittel gehörten auch noch dazu und der Koffer, den Mutter stets bei Fliegeralarm mit sich führte und in dem sich ihre Wertsachen nebst Urkunden (Sparbücher usw.) befanden. In der von mir vorbereiteten Grube versenkte ich den Einkochkessel mit weiteren uns wertvoll erscheinenden Dingen. Wir stärkten uns mit einem guten Frühstück und machten uns dann um 8.00 Uhr auf den Weg, von dem wir nicht wußten, ob wir ihn auch noch einmal würden zurückgehen können. Ohne weitere Schwierigkeiten erreichten wir unser Ziel in Baccum. Auf unserem Fluchtweg hatten wir keinen einzigen deutschen Soldaten gesehen und auch keine größeren Verteidigungsanlagen, die nun einmal zu einer befestigten Stadt gehörten. So reifte in mir der Gedanke, zur Schwedenschanze zurückzukehren, um dort das Kriegsende zu erleben. Ich verabschiedete mich von Mutter und Hermann, die mich nur ungern gehen ließen. Auch mir fiel es nicht leicht, sie zu verlassen; ich fand aber bei ihnen Verständnis dafür, daß ich auf unser Haus aufpassen wollte.

Gegen Mittag langte ich wieder an der Schwedenschanze an. Wiederum hatte ich keine deutschen Soldaten gesehen. Von unseren Nachbarn hörte ich, daß das Lebensmitteldepot in den Kasernen zur Plünderung freigegeben worden sei. Diese Möglichkeit wollte ich mir nicht entgehen lassen. Ich überlegte, welchen Weg ich nehmen sollte und entschied mich, durch die Stadt und über den Langschmidtsweg in die Kasernen zu gelangen. Ich nahm mein Fahrrad und fuhr zuerst zu meinem Patenonkel Anton Lage (Gärtnerei am Gasthausdamm), um dort weitere Informationen zu erhalten. Ich traf aber niemanden an und so mußte ich auf eigenes Risiko weiterfahren. Entgegenkommende Leute bestätigten mir, daß es auf dem Kasernengelände noch ruhig sei, und ich erreichte auch ungehindert das Lebensmitteldepot. Was man dort noch plündern konnte, war aber nicht viel. Eine große Auswahl hatte ich also nicht, und ich entschied mich für einen 2-Zentnersack mit Roggenmehl. Ich hatte große Mühe, ihn bis zu meinem Fahrrad zu schleppen. Auf dem Wege dahin sah ich noch zwei Paar Reitstiefel, die ich ebenfalls an mich nahm. Leider habe ich dabei übersehen, daß beide die Größe 47(!) hatten. Ich habe sie deshalb später selbst nicht tragen können, und es ist mir auch nicht gelungen, sie auf dem Schwarzmarkt zu verkaufen bzw. zu tauschen. Meine Entscheidung für den Sack mit Roggenmehl war aber ein Volltreffer. Von seinem Inhalt hat Mutter noch lange Brot backen und uns damit in den folgenden schlechten Monaten unseren Hunger stillen können.

Ich verließ das Kasernengelände und schob mein Fahrrad mit der wertvollen Fracht nach Hause. Unterwegs fragte mich niemand nach meinem Woher und Wohin. Jeder der mir begegnenden Menschen hatte wohl mit sich selbst zu tun. Von der deutschen Wehrmacht habe ich nur wenige Soldaten zu Gesicht bekommen, die auf mich einen müden und wenig kämpferischen Eindruck machten.

Wohlbehalten kam ich an der Schwedenschanze an und versteckte den Mehlsack unter meinem Bett. Dort hat er dann unbeschädigt das Kriegsende überstanden.

 

Mittwoch, 4. April 1945

Die vergangene Nacht habe ich gemeinsam mit den Nachbarn in unserem Splittergraben (Behelfsbunker, nachfolgend nur noch Bunker genannt) verbracht.

Wir waren alle sehr übermüdet. Trotzdem hatten wir Männer eine Art Wachposten aufgestellt, der die Umgebung des Bunkers überwachen sollte. Gegen Morgen hatte ein starkes Trommelfeuer eingesetzt. Besonders in der näheren Nachbarschaft lagen die Einschläge von leichteren Artilleriegeschossen. Unser Wachposten stellte daraufhin seine Beobachtertätigkeit ein und brachte sich im Bunker in Sicherheit.

Nach einigen Stunden stellten die Engländer das Feuer ein, und wir wagten uns nach draußen. Dann sahen wir die Bescherung: Als wenn die Artillerie sich unser Doppelhaus Schwedenschanze 36/36a als Ziel ausgesucht hatte, war eine Vielzahl von Geschossen rundherum eingeschlagen. Das Haus selbst hatte vier Volltreffer im Dach abbekommen. Neben diesen Schäden waren durch die Splitter viele Möbel und die darin enthaltenden Haushaltsgegenstände beschädigt worden. Außerdem waren wohl durch die sich zurückziehenden deutschen Soldaten unsere wenigen Lebensmittelvorräte geplündert und gegessen worden, besonders die in Einmachgläsern aufbewahrten Teile von unserer letzten Schwein-Hausschlachtung. Aber auch die Inhalte der Schränke hatte man in Augenschein genommen, aber weil nichts Wertvolles darin enthalten war, fehlte kaum etwas davon. Neben den durch die Splitter verursachten Zerstörungen, Staub und Dreck waren die in den Zimmern hinterlassenen Verschmutzungen durch menschliche Exkremente besonders unangenehm.

Das Schlafzimmer unseres Nachbarn Bormes (Schwedenschanze 36) hatte einen Volltreffer erhalten. Diese Tatsache war für mich besonders beeindruckend, weil ich mich als Lebensretter fühlen konnte. Es hatte mich nämlich besondere Überredungskünste gekostet, Herrn Bormes am gestrigen Abend zu überzeugen, wegen des besseren Schutzes den Bunker aufzusuchen. Er war aber der Meinung, noch eine Nacht ohne Gefahr durch Bombenangriffe in seinem Bett verbringen zu können. Jetzt sah er ein, daß er ohne meine Überredungskünste wohl ein toter Mann wäre, und feierte mich als seinen Lebensretter.

Weil keine weiteren deutschen Soldaten zu sehen waren, brachten wir am Eingang zu unserem Bunker eine weiße Fahne an. Auch aus einem Fenster unseres Hauses hatte ich die schon vorbereitete weiße Fahne ausgehängt, und so warteten wir auf die Dinge, die da kommen sollten.

Von einer Kampftätigkeit in der näheren Umgebung war noch nichts zu spüren. Trotzdem wagten wir uns nicht mehr aus unserer Deckung heraus, weil wir annahmen, daß wir vom Wasserturm aus eingesehen und mit deutschen  Verteidigern verwechselt und beschossen werden konnten. Die umstehenden hohen Eichbäume boten aber unserem Bunkereingang Sichtschutz.

Der Tag ging zu Ende. Aus Richtung Stadtmitte war nur noch geringer Gefechtslärm zu hören. Nachdem wir Männer uns über die Nachtwache am Bunkereingang verständigt hatten, begaben auch wir uns zur Ruhe. Ich fiel sofort in einen tiefen Schlaf, aus dem ich erst gegen Morgen zur Übernahme meines Wachdienstes gerissen wurde.

 

Donnerstag, 5. April 1945

Die vergangene Nacht war in unserer näheren Umgebung relativ ruhig verlaufen Es hatte hier keine weitern Granateinschläge gegeben, und auch das Gewehrfeuer war gering gewesen. Erst gegen Mittag flammte es dann wieder stärker aus Richtung Wagen-Ausbesserungswerk auf. Das war für uns ein Zeichen, daß nun die Front auf uns zu kam. Wobei von einer Front keine Rede sein konnte. Wir haben an der Schwedenschanze keinen einzigen Soldaten gesehen, eine Verteidigungslinie gab es hier also nicht.

Gegen 14.00 Uhr sah ich dann vom Bunkereingang aus einen englischen Spähtrupp aus der Gerhardstraße auf uns zukommen. Die Soldaten durchkämmten flüchtig die umstehenden Häuser, und weil kein Schuß fiel, standen sie dann mit schußbereiter  Maschinenpistole im Anschlag bald vor uns. Es war schon ein unangenehmes Gefühl, jetzt hilf- und wehrlos einem Gegner gegenüberzustehen, dem wir Deutschen jahrelang schweren Schaden zugefügt hatten und der nun sicher Rache üben wollte.

Die Frage, ob sich in unserem Bunker Soldaten befänden, konnten wir verneinen. Sie schickten uns in den Bunker zurück, und wir konnten das weitere Geschehen in unserer Nachbarschaft leider nicht mehr verfolgen. Am späten Nachmittag gegen 16.00 Uhr (seit unserer Gefangennahme waren etwa 2 Stunden vergangen) wurden wir aufgefordert, den Bunker zu verlassen. Uns wurde gesagt, daß man mit einem Gegenangriff der Deutschen rechne und wir deshalb in Sicherheit gebracht werden sollten. Ohne Gepäck und ohne Verpflegung traten wir den Marsch in Richtung Stadtmitte an, ohne zu wissen, was unser Ziel sein sollte.

Ein Soldat übernahm unsere Gruppe (wir waren etwa 15 Personen). Am Fuße des Wasserturms war der erste Halt. Wir wurden dort einer genauen Kontrolle unterzogen. Besonders eingehend beschäftigte man sich mit mir. Aufgrund meines Schwerbehindertenausweises konnte ich die Annahme, ich sei ein deutscher Soldat in Zivilkleidern, rasch zerstreuen.

Wir setzten unseren Marsch in Richtung Lookenstraße fort, vorbei an einer großen Zahl von riesigen Panzern, die im Schutz der Mauer des Viehmarktes und der Hüttenplatzschule in Bereitstellung standen. Überall waren die Spuren von Kämpfen zu sehen. Besonders groß waren die Zerstörungen in der Innenstadt. Ausgebrannte Häuser zeugten vom (vergeblichen) Widerstand der deutschen Soldaten.

Beeindruckend für mich war der Umfang des Kriegsmaterials, der schon am 2. Tag der Kämpfe um Lingen als Nachschub der Engländer in den Straßen der Stadt bereitstand. Bei einer solchen Übermacht war mir klar, daß die deutschen Truppen  für eine Verteidigung der Stadt weder die Kräfte noch das Material gehabt hätten.

Der uns begleitende Soldat lieferte uns beim Kolpinghaus an der Baccumer Straße ab. Es war als Lazarett neben dem Bonifatius-Hospital mit dem Roten Kreuz gekennzeichnet. Im Keller dieses Hauses sollten wir nun die nächste Nacht verbringen. Es war dort schon eine große Zahl von Zivilisten untergebracht.

Wir waren eng zusammengepfercht, hungrig und durstig, und die Stunden unserer "Gefangenschaft" vergingen nur sehr langsam. Alle waren wegen des ungewissen Ausgangs der Kämpfe ängstlich, und an Schlaf war schon gar nicht zu denken.

Was ist mir von der ersten Begegnung mit den feindlichen Truppen in Erinnerung geblieben? Zuerst denke ich mit Freude daran, daß man uns Zivilisten sehr korrekt behandelt hat und sich daher bei uns keine Furcht oder sogar Panik eingestellt hat. Daß man uns nichts zu essen und zu trinken gab, war unter den gegebenen Umständen zu entschuldigen und brachte nur unsere Mägen zum Knurren. Sehr beeindruckend war für mich auch die riesige Menge an Kriegsmaterial und die gute Ausrüstung der Soldaten (z.B. mit Lederzeug). Meine Nase nahm die mir bisher unbekannten Gerüche des Zigarettenrauchs und des verwendeten Benzins auf. Das also waren die ersten Eindrücke, die mir von unseren Feinden in bester Erinnerung geblieben sind. Der erwartete deutsche Gegenangriff hat dann auch tatsächlich stattgefunden. Wir Zivilisten im Kolpinghaus haben aber davon nichts gemerkt.

 

Freitag, 6. April 1945

Nach den erlebten Strapazen der vergangenen Nacht (keine Schlafgelegenheit, kein Essen und keine Getränke) waren wir doch froh, daß die Engländer die Gefahr eines weiteren deutschen Gegenangriffs als nicht mehr gegeben sahen. So konnten wir gegen 10 Uhr die Kellerräume des Kolpinghauses verlassen und unseren "Rückmarsch" zur Schwedenschanze antreten, diesmal ohne Begleitung durch englische Soldaten.

Wir wollten auf dem Weg, den wir zum Kolpinghaus gegangen waren, auch zurückgehen, kamen aber nicht sehr weit. In der engen Lookenstraße bei Hinze herrschte ein totales Verkehrschaos, hervorgerufen durch bereitgestellte Panzer und Nachschubfahrzeuge. Man schickte uns Zivilisten zurück, und wir nahmen dann den Weg über die Marienstraße zum Bahnhof. Hier stellte sich uns wieder ein Hindernis entgegen. Das "Braune Haus" stand im Vollbrand, und durch die Hitze des Feuers waren wir zuerst nicht in der Lage, daran vorbeizukommen. Erst als nach einer Weile der Wind drehte, haben wir es entschlossen und schnellen Schrittes passieren können.

Über die Ursache des Brandes besteht keine Gewißheit. Ausschließen möchte ich aber die Annahme, es sei von den Deutschen angezündet worden. Zum Zeitpunkt des Brandes waren in der Innenstadt keine Kämpfe mehr. Diese hatten sich schon nach Laxten verlagert. Auch eine Entstehung des Feuers durch Brandmunition der deutschen Artillerie ist nicht anzunehmen. Wegen fehlender Beobachtung der Einschläge wäre es reiner Zufall gewesen, ein bestimmtes Ziel zu treffen. Ich bin der festen Überzeugung, daß die Engländer das "Braune Haus" angezündet haben, nachdem sie an Hand der vorgefundenen NS-Sachen festgestellt hatten, welchem Zweck es gedient hatte. Leider ist dann auch das danebenliegende Kino (Lingener Lichtspiele) ein Opfer der Flammen geworden.

Nach diesem kurzen Aufenthalt sind wir an den Bahngeleisen entlanggehend und ohne von den Engländern aufgehalten worden zu sein, wieder bei unseren Häusern angelangt.

Hier erwartete uns dann eine weitere Überraschung. Was die deutschen Truppen in ihrer schnellen Absatzbewegung nicht mehr konnten, machten dann die englischen Truppen umso gründlicher. Auf der Suche nach Wertgegenständen hatten sie alle Schränke und Schubladen unserer Wohnung umgekrempelt, es herrschte ein heilloses Durcheinander. Weil bei uns aber nichts wertvolles gefunden wurde, hatte ich nur den Diebstahl meiner Ziehharmonika zu verschmerzen.

Der Tag verlief schon fast wieder normal. Jemand hatte uns Kaffee (Muckefuck) gekocht, und dazu wurden einige Butterbrote verteilt. Weil ich davon nicht satt wurde, aß ich dazu noch den Rest von Mutters Osterkuchen.

Die Nachbarn fingen an, in ihren Häusern die Spuren der Plünderungen zu beseitigen. Gegen Mittag suchten wir aber wieder Schutz im Splittergraben. In der näheren Umgebung waren einige Granaten explodiert, die uns Angst machten. Diese Angst war berechtigt, wie sich kurze Zeit später zeigen sollte.

Herr Wilhelm Fastabend war ebenfalls unter den Schutzsuchenden. Die Einschläge der von den deutschen Truppen abgefeuerten Granaten hatten ihn beim Rasieren überrascht, uns so erschien er mit Rasierschaum im Gesicht. Wir waren natürlich neugierig, warum er gerade jetzt sich die Bartstoppeln abnehmen wollte. Er erzählte uns voller Freude, daß er von der neuen Stadtverwaltung ausgewählt worden sei, als Kammerjäger seine Arbeit in den von den Engländern beschlagnahmten Häusern aufzunehmen. Am Nachmittag solle er sich beim Rathaus melden, aus diesem Grund die Rasur. Wir waren sehr erstaunt, daß sich das Leben in der Stadt so schnell wieder normalisieren konnte. Nachdem wir einige Zeit auf weitere Granatexplosionen gewartet hatten, es aber ruhig blieb, ging Herr Fastabend in sein Haus zurück, um die Rasur zu vollenden. Es waren nur wenige Minuten vergangen, als wir das Rauschen einer herannahenden Granate vernehmen konnten. Wir stürzten die Treppe des Bunkers herunter, als auch schon in unmittelbarer Nähe die Explosion zu hören war. Ich wartete noch einen kurzen Moment, um mich dann aus der Deckung herauszuwagen und nachzuschauen, was die deutsche Granate getroffen hatte. Zuerst erblickte ich nur eine Staubwolke aus der Richtung Gerhardstraße heranziehen. Als sich der Staub verzogen hatte, sah ich voller Schrecken, daß das Haus von Herrn Fastabend einen Volltreffer bekommen hatte. Ich eilte sofort dorthin um nachzusehen, ob Herr Fastabend bei der Explosion verletzt worden war. Ich fand ihn, mit Staub und Trümmern bedeckt, regungslos im Hauseingang liegend. Äußerlich waren keine Verletzungen zu erkennen, jedoch war er nicht ansprechbar, und ich konnte auch keinen Puls fühlen. Ich bemühte mich um fachkundige Hilfe. In der Brunnenstraße hatte eine englische Nachschubeinheit Rast gemacht. Dort versuchte ich mich mit meinen wenigen Englischkenntnissen verständlich zu machen. Es gelang mir, einen Sanitäter zu bewegen, mit mir zu kommen und sich den Verletzten anzuschauen. Nach kurzer Untersuchung sagte er nur ein Wort: "Dead".

Alle im Bunker untergebrachten Nachbarn waren tief erschüttert, daß bei uns nun doch ein Kriegsopfer zu beklagen war. Nicht eine feindliche Granate hatte das Leben von Herrn Fastabend beendet, sondern die letzte auf unser Wohngebiet abgeschossene deutsche Granate hatte sich ihn als Opfer gesucht. Als Todeszeit ist in der Sterbeurkunde der 6. April 1945, 14.10 Uhr festgehalten.

Es stand bei uns Nachbarn fest, daß wir Herrn Fastabend ein würdiges Begräbnis machen wollten. Wir mochten ihn aber auch nicht ohne Sarg der Erde übergeben. Weil es uns aber nicht möglich war, einen zu bekommen, machte sich Herr Bormes daran, aus Fußbodenbrettern einen einfachen Sarg anzufertigen. In diesen legten wir unseren gefallenen Nachbarn und beerdigten ihn neben seinem Haus. Ein einfaches Holzkreuz kennzeichnete seine Ruhestätte. Erst etliche Wochen später wurde er exhumiert und auf dem Neuen Friedhof zur endgültigen Ruhe beigesetzt.

Weil wir nicht sicher waren, ob die deutschen Truppen nicht doch noch einen Gegenstoß machen würden, verbrachten wir auch diese Nacht noch im Bunker. Mir war es auch wohler, in Gemeinschaft mit den Nachbarn eventuelle Gefahren zu meistern. Außerdem verspürte ich keine Lust, in meinem durch Staub und Schutt verunreinigten Bett zu übernachten.

 

Festung Lingen gefallen

Samstag, 7. April 1945

Wir hatten eine weitere ruhige, wenn auch wegen der für einen längeren Aufenthalt ungeeigneten Schlafmöglichkeiten im Bunker keine erholsame Nacht verbracht. Aber es war kein Gefechtslärm mehr zu hören. So konnten wir - ohne Furcht vor weiteren Granateinschlägen haben zu müssen - damit beginnen, die Kriegsspuren an und in unseren Häusern zu beseitigen.

Ich hatte mir vorgenommen, als erstes das Dach unseres Hauses notdürftig instandzusetzen. Mit Hilfe von Herrn Bormes wurden mit Bohlen aus seinem Holzlager drei von Granaten zerfetzte Dachbalken repariert. Auch für die notwendigen Dachlatten konnte ich mich aus seinem Vorrat bedienen. Ersatz für die zerstörten Dachpfannen fand ich schließlich auf einem beim letzten Bombenangriff auf Lingen unbewohnbar gewordenen Haus an der Schwedenschanze. Trotz meiner schwachen Konstitution hatte ich es mit Hilfe der Nachbarn bis zum späten Nachmittag geschafft, die Löcher im Dach notdürftig zu schließen und somit weitere Regenwasserschäden zu verhindern.

Bei meiner Arbeit wurde ich kurz unterbrochen, als am frühen Nachmittag meine Mutter und mein Bruder mit weiteren geflüchteten Nachbarn zurückkamen. Alle hatten die vergangenen Kriegstage gesund und wohlbehalten überstanden. Die Wiedersehensfreude war natürlich riesengroß. Nach dem ersten Schreck über die Zerstörungen am und im Haus machte Mutter sich gleich daran, uns etwas zu essen zu kochen. Auch da waren erst einmal Schwierigkeiten zu überwinden: kein Strom (auf den wir noch mehrere Wochen wegen der zerschossenen Hauszuleitung warten mußten), kein Gas, und auch aus der Wasserleitung tropfte kein Wasser. Das holte sich Mutter aus der Pumpe unseres Nachbarn. Nachdem dann der Kohleherd in Betrieb gesetzt worden war, konnte die Zubereitung des Essens beginnen.

Weil ich doch ziemlich ausgehungert war, schmeckte mir der Erbseneintopf wie ein Festmahl. Zur Feier unseres glücklichen Wiedersehens backte Mutter dann noch meinen Lieblingskuchen: einen Tortenboden, belegt mit Sauerkirschen aus unserem Garten.

 

Sonntag, 8. April 1945

Fast läuft das Leben schon wieder friedensmäßig. Nur habe ich Mühe, mich vom "Deutschen Gruß" zu trennen. Als Jugendlicher habe ich nur das Grüßen mit erhobenem Arm zu den Worten "Heil Hitler" kennengelernt. Das war ein Automatismus, der (nicht nur) mir in Fleisch und Blut übergegangen war. Diese Art des Grüßens muß ich nun ablegen und bei Begegnungen mit Bekannten das vor der Nazizeit übliche und zivile "Guten Tag" benutzen. Das ist bei mir die erste Umerziehungsmaßnahme, um aus einem mit Naziparolen geimpften, autoritätsgläubigen Menschen zu einem Demokraten zu werden.

Wegen der Ausgangsbeschränkungen kann Mutter heute noch nicht zum Gottesdienst gehen, was sie besonders bedauert. Möchte sie doch in der Kirche dem lieben Gott danken, daß wir ohne körperliche Schäden die Kämpfe um Lingen überstanden und auch unser Heim behalten haben. So nutzen wir die Zeit und beseitigen die Spuren des Krieges in unserem Haus. Mutter wischt und putzt, Hermann und ich ersetzen die zerbrochenen Fensterscheiben mit Drahtglas und dichten sie provisorisch ab. Wir sind den ganzen Tag damit voll beschäftigt.

Fast hätten wir es wegen der Kriegsereignisse total vergessen: Mutter feiert heute ihren 56. Geburtstag! Geschenke haben wir Kinder nicht für sie. Wie holen deshalb aus dem Garten einige Forsythienzweige und dekorieren damit den Geburtstagstisch, auf dem dann die gestern von Mutter vorbereitete Kirschtorte steht.

Zur Feier des Tages gibt es noch eine Rarität: von der vom Bauern Tieke mitgebrachten Milch hat Mutter den Rahm abgeschöpft und davon etwas Sahne zubereitet. Es ist für uns (besonders für mich) ein lang entbehrter Genuß: Kirschtorte mit Schlagsahne! Für Mutter fehlt dazu nur noch ein echter Bohnenkaffee, wie sie sagt. Es ist aber dennoch ein Festtag für uns alle. Trotz der uns umgebenden Beschädigungen haben wir ein Glücksgefühl, nun endlich die jahrelange Angst und den Schrecken des Krieges überwunden zu haben. Während wir es uns so gemütlich machen, fliegen über uns in niedriger Höhe zweimotorige Kampfflugzeuge nach Norden. Wo werden sie wohl ihre Bombenlast abwerfen? Wie lange müssen noch unschuldige Menschen in diesem Krieg sterben?

Wann werden wir in Deutschland wieder Frieden haben?

Wann....?

 

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