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Eroberung Lingens

Die Einnahme der Stadt Lingen durch alliierte Truppen in der Osterwoche 1945

Der Bericht des Chronisten über die Einnahme der Stadt Lingen entspricht nicht dem eigenen Erlebnis, da dieser sich damals als Angehöriger der Wehrmacht im Raum zwischen Elbe und Oder aufhielt. Er entstammt vielmehr den Aussagen glaubwürdiger Männer und Frauen der Stadt, bei denen Nachforschungen nach den Geschehnissen dieser Tage angestellt wurden. Es seien einige Personen benannt: der Lehrer Möllenbrock, die Frau des Chronisten, Frau Annelies Busche, der Gärtner Lage, der Lehrer Lühle und der Lehrer Barth.

Die alliierten Truppen, Engländer und Kanadier, rückten von Holland kommend, über Nordhorn gegen Lingen vor. 

Lingen war - wohl wegen der strategisch günstigen Lage als Brückenkopf geeignet - zur befestigten Stadt geworden und sollte verteidigt werden. Am Dienstag nach Ostern rückten die alliierten Truppen gegen die Stadt vor, zunächst wohl mit schwachen Panzerkräften. In der Frühe des Morgens wurde die eiserne Konstruktion der Emsbrücke, geziert mit dem Niedersachsenroß, in die Luft gesprengt. Tage vorher fluteten bereits deutschen Truppen auf den Straßen zurück, die dauernd durch englische Flieger, Jagdflieger und Jagdbomber, beunruhigt wurden. Die Stadt Lingen sollte nun von der englischen Artillerie sturmreif gemacht werden. Nachmittags war im Westen der Stadt bereits lebhaftes gegenseitiges Feuer. Abends um 22.°° Uhr begann dann die englische Artillerie, die sich am Nachmittag von ihren Stellungen in Lohne auf die Stadt eingeschossen hatte, eine heftige mehrstündige Kanonade, die gegen 3°° Uhr nachts abflaute, gegen Morgen aber wieder sehr lebhaft wurde. Da der Panzergraben bei Lohne, der mit so großer Mühe und mit großem Kräfteaufwand im Herbst 1944 von deutschen und holländischen Zivilisten ausgehoben wurde, nicht verteidigt wurde, konnten englische Panzer auf der Straße Lingen - Nordhorn vorstoßen. Diese rollten den Panzergraben entlang nach Norden und konnten über die Brücke am Mühlengraben, die nicht gesprengt worden war, über die Ems vordringen und näherten sich der Stadt von Norden her. Die Sprengung der Emsbrücke an Mühlengraben gelang nicht mehr, da der gegnerische Artilleriebeschuß schwere Lücken in das Sprengkommando gerissen und wohl auch die Sprenganlage beschädigte. Jedenfalls hat nach Aussage des deutschen Offiziers die Zündung versagt. Mit der Emsbrücke bei Schepsdorf waren auch die schwere Kanalbrücke in Altenlingen in die Luft gegangen. Dagegen wurde die Kanalbrücke am Friedhof im Verlaufe der Weidestraße nur an der Nordseite leicht beschädigt, so daß sich den Panzern, die den Angriff gegen die Kasernen vorgetragen hatten, Gelegenheit bot, über diese Brücke in die Stadt einzudringen. 

Im Laufe des Mittwochvormittags hatten die englischen Truppen bereits bei Altenlingen eine Pontonbrücke über den Kanal gebaut. Auch aus der Richtung Schepsdorf erfolgte über den Kanal nach Fertigstellung einer Pontonbrücke der Angriff der alliierten Truppen, die am Mittwochnachmittag mit Panzern - zum Teil mit Flammenwerfern ausgerüstet - und Fußtruppen in die Stadt eindrangen. Eine Anzahl Häuser der Lookenstraße (v.d. Brelie, Dr. Brackmann, Dr. Hüer) fielen den Flammenwerfern zum Opfer, ebenfalls das alte Patrizierhaus der Narjes Erben auf der Ecke Marienstraße - Lookenstraße. Der Häuserblock am Marktplatz (Kaufhäuser Tiedemann mit Ankerapotheke, Wünsch und Löning) brannte in der Nacht vom Mittwoch zum Donnerstag nieder. 

Am Donnerstag vormittags hatte sich der Gegner überall in der Stadt festgesetzt. Gleicher Zeit wurde von der deutschen Führung ein ernstlicher Gegenstoß geplant. In Freren wurde eine herangeführte Division entladen. Ein geordneter Einsatz der Division konnte aber nicht mehr erfolgen, da die alliierten Truppen auch über den Schafberg von Hopsten her vorstießen und eine Umklammerung der deutschen Truppen zu erwarten war. 

Immerhin wurde in Lingen noch ein Gegenangriff mit 7 Sturmgeschützen vorgetragen. Der Panzerangriff erfolgte vom Kleinbahnhof her auf die Parkstraße zu. Die deutschen Sturmgeschütze begegneten dabei den englischen Panzern, die unmittelbar neben dem Wohnhaus des Lehrers Lühle aufgefahren waren. Die deutschen Sturmgeschütze fuhren sich dabei im Sumpfgelände fest und blieben zum Teil liegen. 3 von ihnen lagen noch im Spätsommer 1945 dort. Der Panzerführer, ein junger deutscher Oberleutnant, fiel. Am Freitag wurde der Kampf dann im Osten auf den Ausfallstraßen, der Haselünner- und Georgstraße, aus der Stadt hin ausgetragen. Dabei fielen noch eine Reihe Häuser in Schutt und Asche. 

Auch in Laxten tobte der Kampf noch heftig und eine Reihe Häuser wurden schwer beschädigt oder gingen in Flammen auf, darunter auch das Diensthaus des Chronisten, das Haus 119 an der Straße nach Lengerich. 

In Mundersum fand die Endphase des Kampfes statt. Die deutschen Truppen fluteten über Lengerich nach Nordosten zurück, zumal alliierte Truppen, besonders Kanadier und Polen auch von Meppen über Haselünnne nach Osten vordrangen. Lingen war endgültig in den Händen alliierter Truppen, Engländer und Kanadier. 

Bei der Beschießung fielen auf Lingen ca. 15 000 Granaten, meist leichten Kalibers. Einige krepierten in der Kastellstraße vor der Dienstwohnung des Schulleiters, eine am Fuße der Mauer des Hauptschulgebäudes. Die Schulhofmauer wurde in der Folgezeit nebst dem Torweg an 3 Stellen durch die Fahrzeuge zum Einsturz gebracht. 

In den Straßen der Stadt waren noch lange Zeit die schwersten Schäden durch die Beschießung zu beobachten, meist Dach- und Giebelschäden. Die Bürgersteige wurden durch die Panzer zerdrückt. Deutsche Soldaten mußten die Verteidigung der Stadt mit dem Leben bezahlen, es handelte sich meist um blutjunge Menschen. Auf dem neuen Friedhof wurden sie zur letzten Ruhe gebettet. Gefallen am 4. oder 5.4.45 steht auf den Namensschildern.

Die vielfachen und schweren Schäden dieses Kampfes sind heute - im März 1947 - noch längst nicht beseitigt. Viele Häuser sind notdürftig repariert. Die meisten Fenster sind auch heute noch mit Drahtglas oder Holz vernagelt.

In der Folgezeit wurde die Kastellschule von alliierten Truppen belegt. Vor der Einnahme war die Schule Standquartier des Volkssturmes gewesen, der aber nach Sprengung der Brücken und Schließung der Panzersperren am Dienstagnachmittag durch den damaligen stellv. Kreisleiter Brummerloh auf dem Schulhof angeblich nach Erfüllung seiner Aufgaben (Schließung der Panzersperren), vielleicht auch wegen Mangel an Beteiligung und Waffen aufgelöst wurde. 25 - 30 Mann konnten sich dann die Bestände an Alkohol und Zigaretten teilen. Die Männer der Kreisleitung rückten früh genug ab. - 

Die Belegung der Schule durch englische Truppen dauerte bis Ende Juli 1945. Pfingsten wurde auch die Dienstwohnung des Schulleiters, des damaligen Rektor Lenz, belegt. Rektor Lenz, Kreisschulungsleiter der NSDAP und Leiter des NSL, geriet bei Bremen in englische Kriegsgefangenschaft und wurde in das Riesengefangenenlager bei Brüssel in Belgien transportiert. Hier wurde er, als er sich Steinchen zum Reinigen der Feldflasche suchte und dem Stacheldraht zu nahe kam, von einem Posten angeschossen und durch Bauchschuß tödlich verletzt. Er starb einige Stunden später am 12.7.1945. Es wurde ein Requiem gehalten. Der Tod wird vom Lehrer Diedrich in Lengerich bezeugt.

Nach der Einnahme Lingens wurde die Verwaltung der Stadt durch einen englischen Stadtkommandanten übernommen, die des Kreises durch einen Kreiskommandanten. Die Schulangelegenheiten oblagen dem noch jungen englischen Offizier Major Austes. Sofort wurde durch die Militärregierung der Kaufmann Clemens Brackmann aus der Lookenstraße als Bürgermeister eingesetzt, der dieses Amt bis zur Neuwahl durch ein auf demokratischem Wege durch die Bürgerschaft Lingens gewähltes Stadtparlament Ende November 1946 verwaltete. Er hatte eine schwere Aufgabe übernommen, denn kaum hat es wohl in der Geschichte der Stadt seit dem Dreißigjährigen Kriege Zeiten mit solch ungeheuren Schwierigkeiten gegeben. Als besonderes Verdienst des Bürgermeisters ist anzuerkennen, daß nach baldiger Instandsetzung des Gas- und Wasserwerkes und der Gas- und Wasserleitungen bereits im ... die Stadt wieder mit Gas und Wasser versorgt werden konnte.

Für den Kreis Lingen wurde von der Militärregierung Graf von Galen von Beversundern, ein Vetter des Bischofs Clemens-August Graf von Galen, als Landrat des Kreises Lingen eingesetzt, das dieser ebenfalls bis zur demokratischen Neuwahl des neuen Landrates im Dezember 1946 in vorbildlicher Weise versah.

Major Austes, dem Schuloffizier der Militärregierung, ist zu verdanken, daß dank seiner Initiative in der Stadt und im Kreise das Schulwesen anerkennenswerte Förderung erfuhr. Ihm ist zuzuschreiben, daß die Schulgebäude der Stadt von den Besetzungstruppen geräumt wurden und Ende Juli 1946 die Handwerker innen und außen einer Instandsetzung unterziehen konnten. 

Die Hindenburgschule hatte durch Volltreffer in der Frontseite schwere Schäden in der Mansarde und dem oberen Stockwerke, die Schule an der Marienstraße weist starke Splitterwirkung und Volltrefferschäden am rechten neuen Flügel auf. Die Kastellschule hatte außer einem Treffer im Dach des II. Gebäudes (Marienschule) nur geringe Außenschäden. Sämtliche Schulen hatten fast restlos zertrümmerte Fensterscheiben.

Mehr als in den anderen Volksschulen hatte die Inneneinrichtung der Kastellschule gelitten, hervorgerufen durch die häufig wechselnde Belegung mit Besatzungstruppen. Viel Inventar wurde vernichtet, viel beschädigt. Fast sämtliche Bilder - auch unpolitische - wurden zerschlagen. Sämtliches physikalisches, chemikalisches, zoologisches und technologisches Anschauungsmaterial wurde verschleppt oder hoffnungslos zertrümmert. Das ist besonders schmerzlich, weil die Kastellschule in dieser Hinsicht reich ausgestattet war. Viele Anschauungsbilder wurden zerrissen oder beschädigt. Immerhin blieb noch ein Bestand von [...] in gebrauchsfähigem Zustand erhalten. Erhalten blieb auch die Lehrerbücherei, die selbst nach einer Bereinigung von nationalsozialistischem Gedankengut noch eine stattliche Anzahl Bände aufweist. Leider ist die Fachliteratur etwas veraltet, da während der nationalsozialistischen Regierung - außer in rassepolitischer und rassehygienischer Beziehung - nichts Nennenswertes hervorgebracht worden ist. 

Auch die von Rektor Stevens hinterlassene Bibliothek blieb erhalten. 

Die Kruzifixe waren sämtlich - Gott sei es geklagt - mehr oder weniger zerschlagen. Ein schöner, holzgeschnitzter Korpus konnte durch Herrn Parent, Schwiegersohn des Lehrers Möllenbrock, nachdem dieser einen Arm schnitzte, wieder in einen guten, ehrwürdigen Zustand gebracht werden.

Innerhalb drei Wochen gaben die Maler der Schule ein neues Gewand. Leider konnten die Sockel der Klassen nicht mit Ölfarbe gestrichen werden, da es an Leinöl mangelte. Die Verglasung machte ebenfalls gute Fortschritte. Ungefähr 50 Bänke wurden im Verlaufe der Herbstmonate 1945 durch die städtischen Tischler repariert. Die Malerarbeiten waren noch nicht vollends zum Abschluß gebracht, als am 23. August 1945 auf Anordnung der Militärregierung zunächst die Grundschule eröffnet werden konnte.

 

 

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