Georg Christoph Lichtenberg

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Garricks Hamlet - Ein Traumspiel
Aus seinen Briefen aus England an Heinrich Christian Boie, 1775
Den 2ten December hatte ich das Glück endlich einen meiner vorzüglichsten Wünsche erfüllt zu sehen an diesem Tage spielte Garrick die Rolle des Hamlet und ich habe ihn mit meinen Augen gesehen. Alle die Scenen wo er und der Geist zusammenkommen sind unbeschreiblich, sie sind von dem Leben unterschieden wie das Leben von dem Tod.

Hamlet erscheint in einem schwartzen Kleide, dem einzigen, das leider! noch am gantzen Hofe für seinen armen Vater, der kaum ein paar Monate todt ist, getragen wird. Horatzio und Marcellus sind bei ihm und haben Uniform; Sie erwarten den Geist; die Arme hat Hamlet hoch untergesteckt und den Hut in die Augen gedrückt, es ist eine kalte Nacht und eben zwölfe; Der Geist erschien sehr gut, er wurde allemal von Herrn Brasby vorgestellt, die Farbe einer Rüstung war nicht sehr von der Farbe der Scene unterschieden, selbst vom Gesicht sieht man nichts als die spitze Nase, und man entdeckte erst an Hamlet daß er da seyn müßte. Wenn Garrick ihn er blickt, so macht er kein Compliment wie Smith einmal machte und deshalb Monsieur Smith genannt wurde, sondern er fährt mit zusammenbrechenden Knien und ausgebreiteten Armen taumelnd plötzlich zurück und bleibt endlich in dieser Stellung in einem grosen Schritt mit gebogenen Knien stehen, ihn unterstützen Horatio und [Marcellus] so spricht er, dieser Ausdruck des mit dem kältesten Grausen verbundenen Schrecken, das nur allein einen Menschen befallen kan, der einen Geist erblickt, von dem er sich jedoch mehr gutes als böses verspricht hat eine erstaunliche Würckung gethan. Die grose Stille der Versammlung erhob alles noch mehr, ich kan nicht läugnen, daß mich ein kalter Schauer etliche Male überlief noch ehe er die Anrede angefangen hatte. Mir ist erzählt worden, Daß ein Mann vor etlichen Jahren auf der Schillings Gallerie glaubte dieses wäre ein würcklicher Geist, sein Nachbar sagte ihm dieses wäre ein Ackteur und der Geist gehörte mit in das Trauerspiel. Aber,sagte der andere, wenn das ist, warum ist dann der Mann im schwartzen Kleide (Garrick) selbst davor erschrocken. Die Art wie er die Worte speak-speak zu dem unbeweglichen Ding sagt, sich endlich von seinen Freunden loßreißt da es diesem winckt, wie er diesem droht Or I make a ghost of him thats let me, endlich dem Geist entschlossen folgt, doch nicht wie ein hertzhafter Mann einem ungestümen schuldigen Gegner zum Duell, sondern immer wie ein Mensch einem Geist folgt, gegen den alle Krafft und Kunst nichts vermag, Mit einer Art von Furchtsamkeit, die hier einem Regulus geziemt, alles dieses macht das die Scene fortlauft, ohne daß man nur ein einziges mal an sich, oder an London Drurylane oder an Garricken erinnerte, dieses geschieht erst bey dem allgemeinen Klatschen, das dieser Scene folgt, und da kan man nicht umhin, sich im Geist zu dem großen Genie zu erheben, das alles so geordnet, und den Mann zu bewundern, der jenes grose Genie so verstanden hat. Garrick und Shakespear haben sich in einem dritten im Menschen einander erkannt.

So wolte es Shakespear haben, und dieses konte Garrick nur aus der glücklichen Beobachtung des Menschen verbunden mit dem Lesen der Wercke des Dichters wissen. (Die Stellung in welche Garrick bey Erblickung des Gespenstes fällt, fehlt nicht[s] als das aufgehobene Haupt um einen Mahler zum Muster bey seinem Saul, Saul was verfolgst du mich zu dienen. Hier kommt das Schrecken nicht vom Himmel, sondern der Ort von dem es kommt ist nicht höher als Hamlet,es ist kein Engel und kein Gott sondern ein Gespenst. Wir haben einige noch lebende Schauspieler, die gewiß nicht so weit ab von Garrick sind, wie mancher Kaufmann oder Baron der aus London zurückkommt in Gesellschaft behauptet, wo keine gereißte Leute gegenwärtig sind, aber die meisten verunglücken in den Monologen, zumal in den speculativen, wo es fast Sünde wäre die Zuschauer anzusehen. Hierin hat grade Garrick seine Stärcke. Sein niedlicher Körper, in dem, so zu reden, seine Seele allgegenwärtig ist, kommt ihm darinn sehr zustatten, er weiß was schön ist und da er sich in jedem Muskel zu fühlen scheint so trifft er es immer auf ein Haar. Die Art seinen Hut zu setzen, dann wieder in die Augen zu drücken, und dann einmal gantz hinter die Stirne zu schieben, mit der leichten Bewegung der Glieder, als wenn jedes seine rechte Hand wäre, ist eine Erquickung anzusehen. Er kennt ausserdem das Volck vor welchem er spielt völlig und wenn bey einem neuen Versuch das Klatschen oder die todte Stille ausbleiben zu wollen scheint, so weiß er sicherlich vor dem Schluß der Handlung es noch so zu wenden, daß sie erfolgen müssen. Ein langer Mann, ich nenne nemlich einen solchen Mann so, der nicht nach allen Dimensionen größer ist, als ein wohlgebauter Mann von mittlerer Statur sondern blos länger, ist dieses nicht fähig Garrick sagt in dem Monologe To be or not to be, or to take arms against a sea of troubles und nicht assailing troubles. Um einen steifen alten Mann auf dem Theater gut vorzustellen muß man kein steifer alter Mann seyn. Es müssen noch immer Kräfte und Biegsamkeit daseyn um die Form des Ideals anzunehmen.

Von Garrick. Sein Entsetzen, wenn er den Geist seines Vaters erblickt hat hat in mir ein Grausen erregt, dessen ich mich fast nicht mehr fähig glaubte. Dieses kan nur das höchste Schauspieler Genie verbunden mit einem schönen Körper dessen Muskeln genau die Stellung zutreffen wissen, die sich eine Seele im Enthusiasmus denckt, ausrichten. Und so sagt er I'm follow thee. 4000 Menschen, alle so still als wenn sie an die Wände des Hauses gemahlt wären.

Am 12ten December sah ich Herrn Garrick zum zweytenmal als Hamlet, ich habe hierbey auf manches genauer geachtet. Es ist sehr rührend, den jungen Hamlet in einer kalten Nacht auf ein Gespenst warten zu sehen, blos weil ihm gesagt worden ist, es sähe seinem verstorbenen Vater ähnlich, von dem er gantz voll ist, während als man die Paucken und Trompeten hört unter deren Schall sein Onkel der Mörder seines Vaters, seinen Hochheimer noch um Mitternacht hinunter gießt. Er geht in Erwartung des Gespenstes auf und nieder und sagt Horatio Look, Mylord, it comes. Hamlet fährt zurück, sein Hut fällt auf die Erde. Er wird von Horatio und Marcellus, denen die Erscheinung nicht mehr neu ist, unterstützt, und bleibt mit etwas gebogenen Knien in einem ziemlich grosen Schritt, den er rückwärts thut wie begeistert stehen. Die Lincke hand ist um etwas höher als das Gesicht aufgehoben fast offen, die Finger ausgebreitet, und so steht er einige Augenblicke mit einer Miene die das Entsetzen so ausdrückt, daß jeder Zuschauer einen Anfall von Schauer mitfühlen muß,und alsdann spricht er: Angels and ministers of grace defend us! Worte, die alles vollenden, was dieser grosen und schrecklichen Situation noch an Nachdruck fehlt.

Der Geist winckt: Hamlet will ihm folgen Horatzio und Marcellus wolen ihn nicht lassen, die Art wie er unter den Hefftigsten Bemühungen sich loszureißen die Worte spricht my fate cries out and makes each pretty art'ry in this body as hardy as the Nemian lions nerve: still am I calles unhand me, Gentlemen, reißt den Zuschauer immer mehr hin. Endlich da er sich loßreißt und in dem selben Augenblick den Degen gegen Horatzio und Marcellus zieht: By heaven, I'll make a ghost of him [that] lets me.-I say away- bringt die Illussion aufs höchste. Hierauf hält er den Degen dem Geist vor (Es könnte ein Betrüger seyn) gantz aus dem Odem und zerstört go on - I'll follow thee, und so gehen sie langsam ab. Hamlet hält zu weilen ein.In welchem Tr[i]umph und unter welchem Beyfall dieser Abzug geschieht, können Sie sich leicht dencken. Kein Zuschauer wird ihm leicht dieses Zeichen von Danckbarkeit und Beyfall versagen. Es nimmt mich wunder, daß dieser Beyfall vielleicht auf dem ersten Theater der Welt, und vor dem gefühlvollsten Publicum der Welt noch nicht wieder einen Garrick oder Shakespear aus Paterre und Logen oder aus den Gallerien erweckt hat. Herr Lee in Coventgarden und Smith in Druryläne werden sehr gerühmt, den letzten hab ich noch nicht gesehn aber den ersteren, wie ich oben erwähnt habe, ich weiß nicht ob er Garricks Geist hat und ohne den ahmt man leichter nach anstatt nach zu ahmen. Bey der ersten Vorstellung sprach Garrick die Worte that one may smile and smile and be a villain mit einer Hohen nachspöttelnden, Stimme aus, welche fast wider die Würde des Trauerspiels, und die Lage Hamlets war, bey der zwoten Vorstellung unterließ er es.

Bey dem zurückfahren des Hamlet ist kein affecktirtes trippeln, nichts krauses und primanermäßiges.

Während als der Geist spricht steht Garrick mit bloßem Degen dessen Spitze bey gantz gestrecktem Arm grade seitwärts die Erde berührt unbeweglich da, die lincke Hand wieder halb ausgestreckt die Hand fast flach mit ausgestreckten Fingern. Ich brauche Worte von deren Bedeutung im strengsten Verstand der denckende Leser selbst wieder abnehmen muß um, dem Bild ideelle Schönheit zuzugeben. Die Mine drückt Erstaunen und Entsetzen aus, der Mund ist etwas geöffnet und die Augen verhältnißmäßig mehr.

In dem vortrefflichen Monolog O that this too, too solid flesh would melt etc., bringt es, um mich astronomischer Kunstwörter zu bedienen, wieder eine Menge von den Gleichungen an, womit er die Handlungen zur Wahrheit und Bestimmtheit des Individuums verbessert. Die Tränen des gerechtesten Schmerzes für einen tugendhaften Vater, um den eine leichtsinnige Mutter, nicht allein keine Trauer, sondern kein Leid mehr trägt, zu einer Zeit, da die Schmarotzer noch schwarz tragen sollten, die unaufhaltsam unter allen Tränen, vielleicht, da sie bei einem solchen Kampf von Pflicht mit Pflicht die einzige Erleichterung sind, die sich ein rechtschaffenes Herz verschaffen kann, überwältigen Garricken völlig. Von den Worten So excellent a King geht das letzte ganz verloren, man sieht es nur an der Bewegung des Mundes, der sich darauf fest und zitternd schließt, um den allzudeutlichen Ausdruck des Schmerzes durch die Lippen, die sich ins Unmännliche wenden können, zu hemmen. Die Art Tränen fallen zu lassen,die mit der Last des ganzen inneren Schmerzes auch zugleich die männliche Seele zeigt, die unter ihr leidet, teilt sich unaufhaltsam mit. Ist man aber erst einmal Shakespearn in der Reihe, so wird jedes Wort ein Schlag, wenn es Garrick spricht. Am Ende des Monologs mischt sich gerechter Unwille mit seinem Schmerz, und einmal, als sein Arm heftig, wie in einem Streich, herunterfällt, um einem Unwillen Ausdruck zu geben, bleibt dieses Wort, unerwartet für die Zuhörer, von Tränen aufgehalten aus, und kömmt erst nach einigen Augenblicken mit den Tränen zugleich nach. Ich und mein Nachbar, mit dem ich noch kein Wort gesprochen habe, sahen uns hier einander an und sagten irgendetwas. Es war unwiderstehlich.

Der berühmte Monolog To be or not to be etc. macht natürlich den großen Eindruck auf den Zuhörer nicht, und kann ihn nicht machen. Und tut doch ungleich mehr als man in einem Räsonnement über Selbstmord und Tod in einem Trauerspiel erwarten sollte, deswegen, weil ihn nicht ein großer Teil der Versammlung wie ein Vaterunser auswendig weiß, sondern auch, möge ich sagen, wie ein Vaterunser sprechen hört, zwar freilich nicht mit den großen begleitenden Ideen unseres geheiligten Gebets, aber doch mit einem Gefühl von Feierlichkeit und Würde, wovon sich jemanden, der England nicht kennt, kein Begriff geben läßt.Shakespear ist auf dieser Insel nicht berühmt sondern heilig; man hört seine Sittensprüche überall; ich selbst habe sie am 7ten Februar an einem wichtigen Tag im Parlament gehört. So verwächst sein Namen mit den ehrwürdigsten Ideen; man singt aus ihm und von ihm; und daher lernt ihn ein großer Teil der englichen Jugend eher kennen als das ABC und den Pontius Pilatus

Eine kleine Sprachanmerkung muß ich hier machen. In der vierten Zeile des Monologs schlagen doch einige vor against assailing troubles anstatt against a sea of troubles zu lesen, weil man gegen ein Meer die Waffen nicht ergreifen könne. Herr Garrick sagt dem ungeachtet against a sea of troubles.

Gleich nach dem Erscheinen des Geistes stellt Hamlet sich verrückt, wie Sie wissen, er erscheint mit dickem aufgelöstem aber nicht verwirrtem Haar, die Hälffte hängt über die lincke Schulter, von den schwartzen Strümpfen ist der lincke heruntergefallen und läßt den stram angezogenen weißen unterstrumpf eine Hand breit sehen, das rothe Strumpfband hängt doppelt wie eine Schlinge über die Mitte der Wade herunter, alles schön und idealisch Eben so mit Anstand verwirrt ist der Anzug der Ophelia, die damals von Mrs. Smith gemacht wurde einer jungen Frau, die in der Entfernung in welcher ich zusah einem Magden von 18 Jahren glich. Sie hält in ihrer lincken Hand etwas Stroh und von ihrem schönen Haar, das nie wieder gepudert werden wird hängt ein Theil über die Schultern herab, Ihr an sehen ist blaß ihr gantzes Thun in der Raserey ist sanfft sowie [die] Leidenschafften die die Ursache davon sind. Die Lieder die sie vortefflich sang, hatten etwas so Klagendes, sanftes und Melancholisches, daß ich sie noch lange in der Nacht, wenn ich allein war, zu hören glaubte. Die gantze Scene ist unbeschreiblich rührend, und läßt eine Wehmuth in der Seele zurück,Shakespear, so gantz fortschmertzen läßt, so daß man wünschen mögte man hätte die unglückliche Ophelia nicht gesehen. Wäre doch Voltaire hiergewesen und hätte Mrs. Smith über Shakespear kommentieren hören! Ich traue es fast dem ungewöhnlichen Mann zu, daß er bereut haben würde, was er wider diese Scenen gesagt hat. Das weiß ich, hätte ich je so was geschrieben, mit voltairischen Witz und Einfluß auf die Schwachen, versteht sich, und hätte nachher gesehen was ich gesehen habe, fürwahr, ich hätte Shakespears Geist in den Zeitungen um Vergebung gebeten. Aber einen Sieg hat doch Voltaire in Drurylane erhalten: die Todesgräberscene bleibt weg, in Coventgarden behält man sie noch bei. Das hätte Garrick nicht tun müssen. Ein so altes, herrliches Stück mit aller seiner charakteristischen,rohen Stärke aufgeführt, hätte doch, in dieser süßen Zeit,wo auch hier die Sprache der Natur konventionell-schönem Gewäsch zu weichen anfängt, den Fall zuweilen wider einmal gebrochen, wenn es ihn auch nicht hätte aufhalten können.

Einige der schönsten Scenen muß ich übergehen, unter andern da wo er die Schauspieler unterrichtet, und dann die, in welcher er seiner Mutter die Vergleichung zwischen seinem Onkel und seinem Vater ans Herz donnert, und der Geist darüber erscheint; ein Schlag auf den anderen ehe man sich noch erholt hat. -Es führt ins Unendliche. Ich beschließe also hier das Traumspiel [...].