Georg Christoph Lichtenberg

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Auszug aus dem Sudelbuch A

Der große Kunstgriff kleine Abweichungen von der Wahrheit für die Wahrheit selbst zu halten, worauf die ganze Differential- Rechnung gebaut ist, ist auch zugleich der Grund unsrer witzigen Gedanken, wo oft das Ganze hinfallen würde, wenn wir die Abweichungen in einer philosophischen Strenge nehmen würden. [A 1]

Es ist eine Frage ob in den Wissenschaften und Künsten ein Bestes möglich sei, über welches unser Verstand nicht gehen kann. Vielleicht ist dieser Punkt unendlich weit entfernt, ohnerachtet wir bei jeder Näherung weniger vor uns haben. [A 2]

Um eine allgemeine Charakteristik zustande zu bringen, müssen wir erst von der Ordnung in der Sprache abstrahieren, die Ordnung ist eine gewisse Musik, die wir festgesetzt, und die in wenigen Fällen (z. E. femme sage, sage femme) einen sonderbaren Nutzen hat. Eine solche Sprache die den Begriffen folgt müssen wir erst haben, oder wenigstens für besondere Fälle suchen, wenn wir in der Charakteristik fortkommen wollen. Weil aber unsere wichtigsten Entschlüsse, wenn wir sie ohne Worte denken, oft nur Punkte sind, so wird eine solche Sprache ebenso schwer sein zu entwerfen, als die andere, die daraus gefolgert werden soll. [A 3]

Die Gesichter der Menschen sind oft bis zum Ekelhaften häßlich. Warum dieses? Vermutlich konnte die nötige Verschiedenheit der Gemüts-Arten nicht erhalten werden ohne eine solche Einrichtung; man kann dieses als eine Seelen-Charakteristik ansehen, welche zu lesen wir uns vielleicht mehr befleißigen sollten. Um einigen Grund in dieser schweren und weitläufigen Wissenschaft zu legen müßte man, bei verschiednen Nationen, die größten Männer, die Gefängnisse und die Tollhäuser durchsehen, denn diese Fächer sind so zu reden die 3 Hauptfarben, durch deren Mischung gemeiniglich die übrigen entstehen. [A 4]

Da schon Herr Goguet leugnet, daß wir die Geometrie dem Nil zu danken hätten, sondern vielmehr der frühzeitigen guten Einrichtung des ägyptischen Staats, der unmöglich [ohne] eine Geometrie lang hätte bestehen können, so ist die Frage, ob man wirklich durch die Einteilung der Felder auf die Geometrie gekommen sei oder ob man eine schon vorher gefundene Theorie angewendet habe? Diese Einteilung kann freilich nicht ohne Geometrie verrichtet werden, und der dümmste Bauer wird auf geometrische Lehrsätze verfallen, wenn er ein Feld in gleiche Teile teilen wollte. Allein ein Volk kann es hierin sehr weit bringen ohne ohne jemals auf den Satz von der Gleichheit der Dreiecke zu verfallen. Unsere Kunstgärtner sind keine Geometers, allein sie wissen sich aus allen Fällen oft sehr geschickt zu helfen. Es wäre eine Frage, was wohl im gemeinen Leben am geschicktesten die Menschen auf wichtige geometrische Sätze zu führen. Gewiß ist es, daß man nicht von der graden Linie darauf gekommen sei. [A 10]

Die Erfindung der wichtigsten Wahrheiten hängt von einer feinen Abstraktion ab, und unser gemeines Leben ist eine beständige Bestrebung uns zu derselben unfähig zu machen, alle Fertigkeiten, Angewohnheiten, Routine, bei einem mehr, als bei dem andern, und die Beschäftigung der Philosophen ist es, diese kleinen blinden Fertigkeiten, die wir durch Beobachtungen von Kindheit an uns erworben haben, wieder zu verlernen. Ein Philosoph sollte also billig als ein Kind schon besonders erzogen werden. [A 11]

Wenn wir auf einen Gegenstand hinsehen, so sehen wir noch viele andere zugleich mit, aber weniger deutlich. Es ist die Frage, ob dieses Gewohnheit ist, oder ob es eine andere Ursache habe? Im ersten Fall müßten wir uns auch angewöhnen können Dinge deutlich zu sehen, ohnerachtet wir unsere Augen nicht unmittelbar darauf wenden. [A 13]

Der Aberglauben gemeiner Leute rührt von ihrem frühen und allzu eifrigen Unterricht in der Religion her, sie hören von Geheimnissen, Wundern, Wirkungen des Teufels, und halten es für sehr wahrscheinlich daß dergleichen Sachen überall in allen Dingen geschehen könnten. Hingegen wenn man ihnen erst die Natur selbst zeigte, so würden sie leichter das Übernatürliche und Geheimnisvolle der Religion mit Ehrfurcht betrachten, da sie hingegen jetzo dieses für etwas sehr Gemeines halten, so daß sie es für nichts Sonderliches halten, wenn ihnen jemand sagte, es wären heute 6 Engel über die Straße gegangen. Auch die Bilder in den Bibeln taugen nicht für Kinder. [A 29]

Eine Sprache, die allemal die Verwandschaft der Dinge zugleich ausdrückte, wäre für den Staat nützlicher als Leibnitzens Charak- teristik. Ich meine solche wie zum Ex. Seelsorger statt Prediger, Dummkopf statt Stutzer, Wassertrinker statt Anakreontischer Dichter. [A 59]

Ich wünschte mir an jedem Abend die Sekunde des vergangenen Tages zu wissen, da mein Leben den geringsten Wert hatte, das ist, da, wenn Reinigkeit der Absichten, und Sicherheit des Leben Geld wert sind, ich am allermeisten würde gegolten haben. [A 60]

Debitum naturae reddere heißt auf lateinisch gemeiniglich sterben. O es könnte noch mehr heißen! Viele Schwachheiten die wir begehen sind Schulden, die wir der Natur bezahlen. [A 61]

Man muß sich in acht nehmen, daß man um die Möglichkeit mancher Dinge zu erweisen nicht gar zu bald auf die Macht eines höchstvollkommenen Wesens appelliert, denn sobald man z.E. glaubt [daß] Gott die Materie denken mache, so kann man nicht mehr erweisen, daß ein Gott außer der Materie sei. [A 62]

Der dreifache Punkt bei den krummen Linien ist wenigstens ein eben so schickliches Bild der Dreieinigkeit, als die Leibnizsche 1 ein Bild des Heiligen Geistes bei der Schöpfung ist. [A 63]

Shakespear unterscheidet sich in seinen Ausdrücken häufig dadurch von allen übrigen Schriftstellern, daß er nicht so leicht Metaphern wählt, die im Gemeinleben rezipiert sind, als zum Exempel Triebfeder, der G.... sondern lieber statt dessen ein besonderes [Bild,] aus eben dieser Sache hergeholtes, wählt. [A 88]

Ein gewisser Philosoph sagt man müsse [bei] Zeiten den Geist mit nützlichen Wahrheiten [speisen]. Herr N. hatte ihn zuweilen halbe Jahre [hun]gern lassen und auf einmal wieder so gefüttert, daß man auf allen Messen sagte: Mein Gott der Mensch hat sich übernommen (pm). [A 89]

Es gibt eine gewisse Art Menschen, die mit jedem leicht Freundschaft machen, ihn eben so bald wieder hassen und wieder lieben, stellt man sich das menschliche Geschlecht als ein Ganzes vor, wo jeder Teil in seine Stelle paßt, so werden dergleichen Menschen zu solchen Ausfüll-Teilen die man überall hinwerfen kann. Man findet unter dieser Art von Leuten selten große Genies, ohneracht sie am leichtesten dafür gehalten werden. [A 90]

Man kann sich das menschliche Geschlecht als einen Polypen denken, so kommt man schon auf mein System von Seelenwanderung. [A 91]

Um ein Stückgen Fleisch wieder in Erde zu verwandeln, damit es andern Vegetabilien oder Tieren nützen könne, läßt es die Natur nicht bloß durch eine Verwesung auflösen, sondern hat lieber andere kleine Kreaturen hervorgebracht, die es auffressen, sie hätte vielleicht dieses ohne diese Tiere erhalten können, allein es ist dadurch die Summe des Vergnügens in empfindenden Geschöpfen auf der Welt vermehrt worden, und es läßt sich wahrscheinlich mutmaßen, daß allzeit das Vergnügen der empfinden[en ]Substanzen in der Welt ein Größtes ist, so daß, wenn es bei einer Gattung wüchse, es bei den andern abnehmen müßte. [A 92]

Die wahre Bedeutung eines Wortes in unsrer Muttersprache zu verstehen bringen wir gewiß oft viele Jahre hin. Ich verstehe auch zugleich hier mit die Bedeutungen die ihm der Ton geben kann. Der Verstand eines Wortes wird uns um mich mathematisch auszudrücken durch eine Formul gegeben, worin der Ton die veränderliche und das Wort die beständige Größe ist. Hier eröffnet sich ein Weg die Sprachen unendlich zu bereichern ohne die Worte zu vermehren. Ich habe gefunden, daß die Redens-Art: Es ist gut auf fünferlei Art von uns ausgesprochen wird, und allemal mit einer andern Bedeutung, die freilich auch oft noch durch eine dritte veränderliche Größe nämlich die Miene bestimmt wird. [A 93]

Home sagt in der Einleitung zu seinen Elements of Criticism, daß eine gesunde Kritik die Tugend unterstütze, dieses ist sehr richtig, wenn man eine Kritik versteht, die nach den feinen Grundsätzen des Herrn Home agiert, allein es gibt oft eine angeborne Kritik, die ihrem Subjekt das Schöne augenblicklich zeigt, ohne daß es merkt, auf was für Regelmäßige Übereinstimmungen sich diese Empfindungen gründen. So bald dieser feine Geschmack erworben ist, und nicht angeboren, so hat Herr Home recht, und vielleicht versteht er auch nur einen solchen erworbenen. [A 101]

Man hat bisher in der Abhandlung andrer Wahrheiten, als der mathemat[ischen] und physikalischen, die Sätze, die man erweisen, andern erläutern wollte gleich zu verwickelt angenommen, und man geriet notwendigerweise in Verwirrungen. Wenn man den Ursprung der Winde erläutern will, so betrachtet man eine Luftkugel, ohne auf Wasser oder Erde zu sehen und sieht, was die anziehende Kraft des Monds für Veränderungen in derselben hervorbringen kann. Wenn man die Regeln des Geschmacks aussuchen will, sollte man erst überhaupt die Veränderung einer empfinden[den] Substanz betrachten, hernach immer Leidenschaften zusetzen, immer neues Interesse addieren, bis wir endlich den Menschen heraus hätten. [A 102]

Die sonderbare Empfindung, die ich habe, wenn mit einem spitzigen Instrument gegen die Augen zu fahre? [A 107]

Jedermann gesteht, daß schmutzige Historien, die man selbst aufsetzet, lange nicht die gefährliche Wirkung auf uns tun, als die von Fremden. [A 108]

Die animalcula infusoria sind Blasen mit Neigungen. [A 109]