Hengstgeflüster

Sex und Langstrafenknast

 

 

"Ganz sicher hat jeder seine eigenen Vorstellungen von Sexualität - von seiner Sexualität - hierbei gibt es sicherlich vielfältige Phantasien. Die Wunschvorstellungen sind so unterschiedlich wie die Liebespraktiken. Eine von vielen abrubten Änderungen der Sexualgewohnheiten ist die Langzeitinhaftierung. Dieses trifft u.a. auch hier in der JVA Celle zu. Diese Gedanken sollen keinesfalls Aufzeichnungen pornographischer Art sein, sie sollen versuchen die Ängste und Nöte von Langzeitinhaftierten deutlich zu machen. Nun bedeutet Sexualität nicht nur einen Druckausgleich. Der Umgang mit dem Partner, sei es nun der echte, der nötige, oder der bezahlte, beeinflußt  im wesentlichen die physische Verfassung. Der Verlust über einen langen Zeitraum kann unabsehbare Folgen haben. Es ist ja nicht nur der genital sexuelle Kontakt, der vermißt wird, sondern die Zärtlichkeit, die Erotik, die vom anderen Geschlecht ausgeht.

Erotische Signale, die in der Öffentlichkeit gang und gebe sind, fallen weg. Die Stimme einer Verkäuferin, die Frisur einer Bardame, der Duft einer Prostituierten, die Tangas am Badesee, alles ist nicht mehr sichtbar. Persönliche Gespräche mit dem Partner beschränken sich auf den Besuch. Andernfalls noch übers Telefon. Für den Partner draußen kann die Trennung von einer intensiven Beziehung auch verhängnisvolle Folgen haben. Die fehlende Zärtlichkeit läßt mit der Zeit an Ausweichmöglichkeiten denken. Ob diese nun tatsächlich praktiziert werden oder nicht, ist eigentlich nicht so wichtig. Man sollte dem Partner jedoch einen gewissen Bewegungsraum lassen, da ansonsten die große Gefahr besteht, daß durch den 'Treuseinzwang', über viele Jahre hinaus, die Beziehung in die Brüche geht. Es ist auch kein Vorteil für den Gefangenen, wenn er sich Tag für Tag die quälende Frage stellt, geht sie nun fremd oder nicht. Auf der anderen Seite  sollte der Partner in Freiheit daran denken, das er oft das einzige ist, was dem Gefangenen geblieben ist.

Auch für die vollzugliche Zukunft in Form von Lockerungen jeglicher Art sind soziale Kontakte sehr wichtig. Es sollte für den Zeitpunkt der Entlassung eine ehrliche Chance gegeben werden. Ansehen und materielle Werte sind in der Regel wieder zu erlangen. Hauptaugenmerk sollte auf der funktionierenden Partnerschaft beruhen.

Wenn man sich eine JVA, wie die von Celle ansieht, fallen jedem die Mädels mit den riesigen 'Ohren' in bestimmten Stellungen und gespreizten 'Fingern' auf, die an jeder freien Stelle der Zelle kleben. Auch der florierende Pornohandel hat seinen Marktanteil. Das alles läßt darauf schließen, daß die holde Weiblichkeit enorm vermißt wird. Eigentlich ziemlich widersinnig, hört man doch immer wieder Stimmen wie 'Schlampe'. Wenn eine nicht sofort in die Horizontale gebracht wurde, ist sie eine Zicke, wenn es geschafft wurde, wird sie als Nutte betitelt. Gefühle jeglicher Art werden nicht nur von Gefangenen als Schwäche ausgelegt und amüsiert belächelt. Aus diesem Grund gibt es nur wenige, die eingestehen, daß sie tatsächlich an der Einsamkeit und fehlenden Zärtlichkeit leiden. Hinzu kommt noch, daß viele Delikte direkt mit dem Partner in Verbindung stehen. Von daher versteht es sich ja von selbst, daß man als 'harter Knacki' nicht auf Weiber angewiesen ist.

In jedem Fall stellt eine Langzeitinhaftierung, ob nun vorsätzlich und selbst verschuldet oder nicht, einen Verlust lebensnotwendiger Bedürfnisse dar, der sich in Vereinsamung bemerkbar macht. Mitbestraft ist auch die Partnerin und sie verdient Hochachtung, wenn die Beziehung am Strafende noch besteht. Das kann nicht oft genug erwähnt werden.

Ich glaube ein jeder sollte versuchen Verständnis aufzubringen. Fangen wir bei uns selbst an.

Quelle: Gefangenenzeitung "Das trifft" Nr. 2/96