Die Vechtaer und die Cloppenburger


Versuch einer typologischen Beschreibung

Das Menschliche ist ausgelegt als existentielle Spannung, als ein schöpferisch anregender Austrag von Gegensätzen. Die Leistungskraft des Einzelnen resultiert, meist insgeheim, aus diesem fruchtbaren Anspruch, und Kultur ist nichts anderes als die öffentliche Demonstration dieser Wahrheit.

Auch in engen Regionen offenbart sie sich. Vechta und Cloppenburg, in der Gegenwart die beiden maßgeblichen Formkräfte des Oldenburger Münsterlandes, sind in Gesinnung und Methode Gegensätze auch wenn die Publizistik diese Tatsache beschweigt oder beschwichtigt und erfüllen ihre zeitgerechte Aufgabe, die Befruchtung des Heimatraumes, nur dann, wenn sie ehrlich, in der ernsten Verpflichtung ihrer Eigenart, den Gegensatz dartun und verantworten.

Kommunale Charaktere wachsen vor allem aus historischen, kulturellen und sozialen Vorgegebenheiten. In unserer Zeit, die wie eine Schlange auf ihren Genuß, auf ihr Opfer, die dingliche Üppigkeit, starrt, verflüchtigen sich die Instinkte für geschichtlich vergeistigte Orientierungsw. Aber die Historie bleibt, auch wenn sie verblich, eine latente Formierungsgewalt, und sie formierte die Vechtaer anders als die Cloppenburger. Sie hielt die Vechtaer kritisch beweglich und skeptisch empfindlich, während sie die Cloppenburger ohnehin sehr lange Zeit auch Krapendorfer früh in geschichlslose Alltäglichkeit entließ und erst in diesem Jahrhundert wieder zu eindrucksvoller Kraft erweckte.

Die Vechtaer hegen, wie die Cloppenburger auch. ein eingefleischtes Stadtbewußtsein, den historischen Burgbann. Aber während die Cloppenburger bald ihre abenteuerliche Burg aufgaben, um nur Bürger zu werden und in der späten Manier der Gegenwart als solche zu triumphieren, gruppierten sich die Vechtaer bis heute um den geistigen Begriff der Burg, um das Verpflichtende des Banns, des Betreuungsbanns, um die gedankliche Begründung des Bürgertums. Die Cloppenburger Burg verlor sich in dünner Ereignisfolge. Die Vechtaer Burg erfuhr sich langwährend als aktives Opfer der Geschichte.

Aus geschichtlicher Erfahrung wächst bürgerliche Mentalität, die Unwillkür einer öffentlichen Haltung. Die Vechtaer - es geht bei dieser Darstellung, die natürlich, wie viele gestrichelte Porträtskizzen, an einer gewissen Kraßheit leidet, um eine grundsätzliche, typologische Orientierung, keineswegs um menschlich-individuelle und sachlich-spezifizierte Wertungen und noch viel weniger um eine summarische Aufrechnung der gegenwärtigen Leistungen und Qualitäten beider Städte die Vechtaer haben als Typ deshalb das Bedürfnis, vor Problemen den Horizont zu prüfen und aus weiter Umsicht zu entscheiden, während die Cloppenburger als Typ, von kommunaler Absicht und Methode bewogen, in dem verständlichen Verlangen, sich in einem späten Kraftbewußtsein deutlich zu betonen, angelenheitlicher der. Vordergrund bespähen und, begünstigt vor. geographischen Wirksamkeiten, ihren Ehrgeiz vor allem erfüllen möchten in den drastischen Argumenten wirtschaftlich bemerkenswerter Sachbestände.

Beide Bemühungen hatten augenscheinliche Erfolge. Vechtas Bedeutung als geistige Zentrale des Oldenburger Münsterlandes hat sich in den jüngsten Jahrzehnten eher verstärkt als geschwächt. Neben dem altehrwürdigen münsterländischen Bildungsheim des Vechtaer Antonianums erstanden im Verbund mit Osnabrück die Höchstform kulturellen Strebens, die Universität, und die katholische Fachhochschule Norddeutschland, und das religiöse Schwergewicht des Offizialats vertiefte und erweiterte sich zu bischöflicher Würde und Amtsgewalt.

Auf der andern Seite haben die Cloppenburger in ihrem Bewußtsein unbeirrter, weniger von örtlichen Schwergewichten der traditionellen Kultur genötigt, ihre Nase unmittelbar in die Atmosphäre der Zeit gesteckt, schärfer als die Vechtaer den Gegenwartsgeist erschnuppert und demgemäß Kommunalpolitik mit kühler Vernunft sehr erfolgreich betrieben, derart, daß ihre Bevölkerungszahl in diesem Jahrhundert die von Löningen, Vechta, Lohne und Damme nicht nur einholte, sondern übersprang und daß Cloppenburg als wirtschaftliches Angebot für nicht wenige attraktiver wirkt als Vechta.

Gewiß, auch die Vechtaer haben sich in den vergangenen zwanzig Jahren als gewitzte Praktiker erwiesen und ihre Stadt architektonisch und ökonomisch in einer Weise vergrößert, bereichert und modernisiert, daß alte Antonianer sich wundern, verstört die ebenso klassischen wie romantischen Maße ihrer Grundsätzlichkeitsgesinnung aufrichten und meinen, die Vechtaer hätten die Musen verraten und gäben sich krampfhaft Mühe, mit Gegenwartsargumenten die mythische Bedeutsamkeit Merkurs nachzuweisen.

Aber das öffentliche Fluidum ist gleichwohl in Cloppenburg anders als in Vechta In Cloppenburg ist es bestimmt von den Anregungen einer ebenso lockeren wie zielstrebigen Geschäftlichkeit. Vechtas Eigenart bleibt der Reiz einer leise wirksamen Spiritualität, die das Bedürfnis wachhält, im bürgerlichen Verhalten die humanistische und personalistische Haltung zu lieben und die Strukturen einer zudringlichen modernen Gesellschaft aus dem Dogma der allgemeinen Menschlichkeit abzudämpfen. Trotz aller wirtschaftlichen Regsamkeit bleibt Vechta im guten Sinne stilisiert und klimatisiert als Beamtenstadt, als neuzeitliche Musenstadt, als Heimstatt kritischer Bürger, die den Ehrgeiz haben, auch vor flotten Mustern der neuen Zivilisation ihren Wohnbereich lebenswert zu erhalten.

Selbstverständlich, auch die Cloppenburger hegen in ihrer Kommunalpolitik humane Feinsinnigkeiten und bürgerliche Sorgsamkeiten. Selbstverständlich, auch Cloppenburg ist zu einem sehr wichtigen Anhalt für Bildungsbedürfnisse geworden. Selbstverständlich, mit dem Museumsdorf hat Cloppenburg ein großartiges kulturelles Zeichen gesetzt und repräsentierend das Oldenburger Münsterland weithin verkündet. Aber die gewachsene Verhaltensweise der Vechtaer, ihr eigenwesiger Bürgerstil, der sich aus einem längeren und dichteren Städterbewußtsein speiste, bleibt unbestreitbar. Und was das Museumsdorf betrifft, so steckt ein plastisch verdeutlichter, die Mentalität der Cloppenburger bestätigender, rechtfertigender Sinn darin, daß dies Freilichtmuseum nicht in Vechta entwickelt wurde, sondern in Cloppenburg, eine Anlage der bäuerlichen Heimatgeschichte, die Geschichte nicht begrifflich lehrt, sondern gegenständlich veranschaulicht und die, wenn auch die schöpferische Leidenschaft des Gründers dabei entscheidend mitwirkte, über alle Erschwernisse hinweg wohl nur in der wachen Realsinnigkeit und Zugreiftüchtgkeit der Cloppenburger gedeihen konnte.

Die Vechtaer und die Cloppenburger, redliche, würdige selbstsichere. ebenbürtige Söhne der gleichen Mutter: des Oldenburger Münsterlandes. Wer ihre im artlichen Kern verwandte, durch Erfahrung und Bestrebung unterschiedlich gewordene Wesensart erwägt, weiß, daß sie einander in der Gegenwart wohltätig ergänzen, aber in fruchtbarer Weise am ehesten aus der freien Unwillkür und aus unverstörter Selbstverantwortlichkeit.

Denn das letzte Heil liegt nicht, wie eine massenhungrige und flächensüchtige Raumordnung weismachen will, in einer zusammenreißenden Verwaltungsmaßnahme. Organisches braucht eigenes Recht und eigenen Raum und sollte höher rangieren als Organisatorisches. Warum muß die in bunter Gliederung tatsächlich vorhandene, wirtschaftlich, kulturell und gesellschaftlich geschmeidig funktionierende Einheit des Oldenburger Münsterlandes in verrohender und peiniger Manier zu einem organisatorischen Formalismus überdehnt und überspannt werden? Wer sich den Blick für historische, ideenproblematische und psychologische Bedeutsamkeiten in der Kultur bewahrt hat, muß es raumgestalterisch plump und heimatpolitisch unerträglich finden, wenn wegen statistisch geringfügiger Unterschreitungen die Vechtaer den Cloppenburgern verwaltungstechnisch unterworfen und die in Jahrhunderten gespeicherten Rechte und Kräfte einer geistigen Metropole den instinktlosen, computerhaften Maßgeblichkeiten einer regionalen Apparatur geopfert würden.