Constanz Vogel -
Nachruf von Clemens Woltermann

In der Mitte der 1930er Jahre hatte sich ein Bekanntenkreis junger Löninger Akademiker zu einer Gesprächsrunde getroffen. Jemand fragte Constanz: "Willst Du nicht bald Examen machen?" Er studierte schon eine erkleckliche Anzahl von Semestern Altphilologie, Latein und Griechisch. Und seine Antwort, die ich nie vergaß: "Was nützen mir Patente!?" Darin kam der ganze Constanz Vogel zum Ausdruck. Hochbegabt, fehlte ihm jegliches Karrieredenken und der Sinn nach Geldverdienen. Für die Schule brauchte er kaum zu arbeiten und erreichte das Klassenziel und das Abitur glänzend, ohne Mühe. So konnte er, schon damals, ganz sich selbst, seine Neigungen, seine Sinne, seine Gedanken leben; und seine Gedankenwelt war die des Dichters Dichter wollte er sein und immer mehr werden.
Ein Klassenkamerad erzählte: "Lateinstunde. Der Lehrer sagt: 'Vogel, den ersten Satz (eine lange lateinische Periode) übersetzen.' Constanz übersetzt so schnell und genau, als ob er den Text in bester deutscher Fassung vor sich hatte. Interpretation. Constanz beteiligt sich nicht er schreibt. So geht es mit dem 2. u. 3. Satz: Constanz übersetzt, dann schreibt er wieder. Als die Stunde zu Ende ist, hat er ein Gedicht fertig: das hatte er zwischendurch erdacht und niedergeschrieben und liest es der erstaunten Klasse in der Pause vor."
Auf der Universität führte er ein freies Studentenleben, bis ihn die Not des Lebens zum Verdienen zwang. Er fand eine seiner intellektuellen Begabung gemäße Beschäftigung, er wurde Lektor in einem angesehenen großen Bremer Verlag.
Der 2. Weltkrieg riß ihn aus seiner Bahn, er mußte Soldat werden. Wie hat er den Militärdienst und den Krieg gehaßt! Einmal wegen der Unsinnigkeit der Vernichtung menschlichen Lebens und menschlicher Werke und Werte, dann aber vor allem wegen der Beschneidung der persönlichen Freiheit, der Einengung, des täglichen, stündlichen, immerwährenden Zwanges. Aber er ertrug den Zustand, wie jeden im Leben, mit stoischer Ruhe und Gelassenheit, die ihm auch eigen waren.
Nach dem Kriege fand er eine Beschäftigung als Lehrer am damaligen Progymnasium in Löningen. Es war für ihn zunächst eine Notlösung, um durch die Zeit zu kommen. Aber das Lehren wurde seine Lebensaufgabe, sie erfaßte und beglückte ihn. Darum erwarb er doch ein Patent, er machte die Realschullehrerprüfung in 3 Fächern: sehr gut. Aber der Beruf blieb für ihn zweitrangig, auch als er Familienvater wurde. Er lebte daneben und in erster Linie sein Dichterdasein. Sein Leben war eigentlich sehr zurückgezogen, er war ein Einzelgänger, der Betriebsamkeit und das Laute mied, aber die Einsamkeit der Natur liebte, der ganze Nachmittage allein in seinem geliebten 'Ehrener Wald' zubrachte, sich ganz seinem Innenleben hingab und es in dichterischer Sprache darstellte.
Seine Sprache war hochkultiviert, hochstilisiert in der Rede und in der schriftlichen Darstellung in Poesie und Prosa, ein Ringen nach besonderem, eigenartigem Ausdruck für das, was ihn beschäftigte und erfüllte anders als die Alltagssprache. Darum seine Wortschöpfungen, das Hochstilisierte im Satzbau, das jederzeit den Kenner der alten Sprache verriet, des wohlklingenden Griechisch und des klaren und logischen Latein im Ausdruck, Stil und Satzbau, aber auch inhaltlich des antiken Lebens, seiner Geschichte und Mythologie. Kürze und Prägnanz zeichnen seine Darstellung aus, schon in der Gymnasialzeit. Ein Konabiturient erzählte: "Nach Stoppelmarkt schrieben wir einen Klassenaufsatz in der Oberprima. Rahmenthema: Stoppelmarkt. Jeder wählte sein Spezialthema und schrieb 5-7 Seiten; so gehörte sich das. Constanz verfaßte eine Kurzgeschichte: Ein schmächtiges, ärmlich gekleidetes Mädchen steht mit großen Augen vor einer Bude mit vielen netten Sachen, die ein Kinderherz erfreuen, und hält krampfhaft ein kleines Geldstück in den verschlungenen Händen. Was geht in ihm vor? Das sagte Constanz' Aufsatz auf l 1/2 Seiten. Der Lehrer las ihn vor. Seine Beurteilung: sehr gut, einmalig; und das empfanden wir alle."
Als die ersten Menschen den Mond betraten, dichtete Constanz Vogel:

IKARUS

Oh Rausch aus Mytheträumen:
Ungeheuer erschreckt,
zu neuer Lust geweckt
vom Kuß der Urkraft,
steigt aus Flammen
Ikarus den Sternen zu
und lenkt sein kühnes Steuer
ins Ziel und schreitet furchtlos
durchs Gemäuer der Schöpfung
und entfacht als Genius
des Erdenbluts
umloht vom Weltraumfeuer,
die Ära sternverzückter
Abenteuer.

Einmal kam Constanz von einer Reise (er verreiste nur notgedrungen) in seinen Heimatort zurück. Wir trafen uns auf dem Bahnhof, und er sagte emphatisch: "Der schönste Bahnhof der Welt ist der Löninger" (wenn man heimkommt). Das Wort offenbart eine andere Seite seines Wesens: Die Liebe zur Heimat, zu ihrer Natur und ihren Menschen. Sie kommt in seinen dichterischen Werken zum Ausdruck: die stille, weite norddeutsche Ebene mit Wald, Heide und Moor, mit einsamen Gehöften und Katen, mit ihren schweigsamen Menschen. Die gründet er aus, ihr innerstes Fühlen und Denken und die Motive ihres Handelns.
Aber wenn er sinnierte und dichtete, so war er doch kein Träumer, sondern dem Leben zugetan als aufmerksamer Beobachter und Beurteiler, der seine eigene Meinung hatte, die er unbestechlich, oft sogar scharf und erregt verteidigte. Nichts Menschliches war ihm fremd, er bejahte und liebte das Leben in seinen Höhen und Tiefen.
Ganz plötzlich und ganz leise ist er von uns gegangen. Wir werden uns seiner noch oft erinnern und seine kleinen und größeren dichterischen Schöpfungen lesen und überdenken. Von ihnen wird noch ausführlich zu schreiben sein.