Interview mit Frau Vogel vom 31.03.2000, durchgeführt von Matthias Hillmann und Silvia Spille. Verschriftlicht von Daniela Bekermann.


Leben und Arbeit

M. H.:
Frau Vogel, Sie waren eine lange Zeit mit Ihrem Mann verheiratet und kennen ihn mit Sicherheit besser als jeder andere Mensch. Würden Sie uns daher etwas über die Lebensgeschichte ihres Mannes erzählen?
Frau V.:
Ich denke, es ist sinnvoll mit einem einfachen Lebenslauf zu beginnen. Mein Mann wurde am 19. Mai 1908 als Sohn des Friseurmeisters Constanz Vogel in Löningen geboren. Nach dem Besuch der heimatlichen Volksschule und Bürgerschule wurde er Ostern 1927 Schüler des Gymnasiums in Vechta. Am 14.02.29 wurde ihm das Zeugnis der Reife zuerkannt. Auf den Universitäten in Innsbruck, Berlin und Kiel studierte er dann Deutsch, Latein, Griechisch, Geographie, Philosophie und Kunstgeschichte, brach aber im Jahre '33 sein Studium ab und betätigte sich schriftstellerisch und als Verlagsdirektor. Anschließend, von 1941 bis '45, war er Soldat. Am 6. November '45 wurde mein Mann als Aushilfslehrer an der damaligen Oberschule angestellt. Am 27. Juni 1947 bestand er seine Mittelschullehrerprüfung in den Fächern Deutsch, Erdkunde und Latein. Bis hier ist dies der Originaltext seines handgeschriebenen Lebenslaufs vom 27.11.55. Im November '47 heirateten wir, und in den Jahren '53 bis '60 wurden unsere vier Kinder geboren. Bis zur Pensionierung 1973 war mein Mann an der St. Ludgeri-Schule tätig, seit April 1956 als Konrektor. Während des Schuljahres 1974/75 unterrichtete er am Gymnasium in Löningen Deutsch und Latein in einer Klasse 10 . Am 31.07.75 starb er nach kurzer Krankheit.

Literatur und Schaffen

M. H.:
Wissen Sie eigentlich, wie und wann Ihr Mann seine künstlerische Ader entdeckte, und was können Sie uns über die ersten Veröffentlichungen berichten?
Frau V.:
Ich kann über die Anfänge der künstlerischen Arbeit wenig, eigentlich gar nichts sagen, weil ich ihn erst während des Krieges kennengelernt habe und sein erster Gedichtband, "Das Mahnungsmal" bereits 1934 erschienen war.
M. H.:
Welche seiner Schriften haben Ihnen persönlich am besten gefallen?
Frau V.:
Ich denke, dass die landschaftlich-heimatbezogenen Gedichte und Geschichten das Schönste sind. Dazu gibt es noch Verse und Gedanken zu Plastiken von Ernst Barlach, sowie Fabeln und Kurzgeschichten, die im Jahrbuch für das Oldenburger Münsterland oder auch im Feuilleton der Münsterländischen Tageszeitung veröffentlicht wurden.
M. H.:
Können Sie uns sagen, welche Themen er in seinem Schaffen behandelte?
Frau V.:
Seine Arbeiten waren verschieden ausgerichtet. Vom aktuellen Zeitgeschehen inspiriert, war er stark beeinflusst von der antiken und christlichen Mythologie. Vieles resultierte aus der Liebe zur Heimat und zur Natur.
M. H.:
Wissen Sie vielleicht, woher Ihr Mann seine Anregungen nahm, und beeinflusste die Nazidiktatur sein Schaffen?
Frau V.:
Was ich jetzt erzähle, denke ich mir aufgrund von Erzählungen und Verhaltensweisen meines Mannes. Der Abbruch seines Studiums stand in engem Zusammenhang mit der Machtübernahme durch Hitler 1933. Constanz hatte hauptsächlich bei jüdischen Professoren studiert, war deshalb schon im Vorfeld aufgefallen. Nach 1933 emigrierten die meisten seiner Lehrer, und das politische Klima danach belastete ihn derart, dass er sein Studium aufgab. In seinem gesamten späteren Leben hat er das politische Tagesgeschehen intensiv und kritisch verfolgt, und es war ihm auch als Lehrer ein Anliegen, bei seinen Schülern seinen Beitrag zur Entwicklung des Demokratieverständnisses zu leisten.
M. H.:
Welchen Einfluss hatten Sie als seine Lebenspartnerin eigentlich auf sein Schaffen?
Frau V.:
Ob ich Einfluss auf sein Schaffen hatte, müsste man ihn wohl selbst gefragt haben. Ich kann dazu nichts sagen.
M. H.:
Gab oder gibt es ein Gedicht von Constanz Vogel, das Sie ganz besonders mochten oder mögen?
Frau V.:
Was meine Vorlieben an seiner Arbeit angeht, so mag ich sehr seine Deutung in Versen etlicher Barlach-Plastiken, mehr aber noch die schlichten Gedichte über die kleinen, oft unscheinbaren Dinge des Lebens und der Natur. So sagte er gerne selbst.
M. H.:
Wären Sie so freundlich, uns Ihr Lieblingsgedicht vorzutragen?
Frau V.:

Marienkäfer

Gott segnete dies kleine Kerpgetier
Mit sieben Siegeln wider alle Gier.
Wir lächeln, wenn es uns ins Auge fällt
Und fühlen Zärtlichkeit für diese Welt.
Es dünkt uns dann mitnichten zu Geringen,
Behütlich spürsam dies geliebte Ding
von einer Rispe, einem Blütenrand
Heraufzulisten auf die eigene Hand.
Wir seh'n es zierlich hasten her und hin,
Und plötzlich hängt es rührend uns im Sinn,
Dass von der Kuppe unserer Kinderhand,
Der rote Käfer flog ins Märchenland.
Beflissen forschen wir nach Wort und Sang,
Der solchen Flug beschwörte und beschwang.
Doch wir erinnern uns nur ungefähr,
Und das Geheimnis heiligt uns nicht mehr.

Privates

S. S.:
Frau Vogel, würden Sie uns ein wenig aus dem Leben Ihres Mannes erzählen? Gab es in der Familie Ihres Mannes weitere Schriftsteller oder zumindest literarisch interessierte Personen, und übertrug sich sein Talent auch auf seine Kinder?
Frau V.:
Mein Mann war das dritte von sieben Kindern. Seine Jugendzeit wurde durch den ersten Weltkrieg mitbestimmt und war sicherlich bescheiden. Ich kann nicht sagen, ob es künstlerisch begabte Vorfahren gegeben hat. Von unseren Kindern betätigt sich keines schriftstellerisch. Sie haben aber alle Freude am Formulieren und ein starkes Gefühl für sprachliche Präzision, ganz bestimmt ein Erbteil vom Vater.
S. S.:
Hat Ihr Mann sein ganzes Leben lang in Löningen gewohnt?
Frau V.:
Abgesehen von Studienzeit, Verlagsarbeit und Kriegszeit, das heißt von 1929 bis 1945, hat Constanz immer in Löningen gelebt und wollte auch nie etwas anderes. Auch auf Urlaubsreisen zog es ihn nicht in die Ferne, sondern an die nahe Nordsee auf die Inseln.
S. S.:
Welche Erlebnisse haben sein Leben einschneidend geprägt?
Frau V.:
Die Diskriminierung und Vernichtung der Juden in der Nazizeit und der Krieg als, wie er es nannte, Vernichtungsmaschinerie und Menschenverachtung machten ihn zum Pazifisten, der sich auch öffentlich dazu äußerte: Eine Ansprache zum Volkstrauertag Anfang der 50er Jahre und ein Artikel in der Münsterländischen Tageszeitung mit dem Titel "Muss es immer Kriege geben?"
S. S.:
Pflegte er einen großen Bekannten- oder Freundeskreis?
Frau V.:
Mein Mann lebte gern für sich und pflegte nur mit wenigen Menschen näheren Umgang. Er liebte seine Heimat und die Natur, brauchte seine täglichen Spaziergänge und Radtouren in Wald und Flur und unterhielt sich unterwegs gern mit den Leuten, die ihm begegneten oder auf dem Feld oder in den Gärten an seinem Weg arbeiteten. Zudem war er ein engagierter Lehrer, der gern und mit Freude seinen Unterricht durchführte und stets ein offenes Ohr für seine Kinder hatte.

Auswirkungen

S. S.:
Inwieweit hatte das künstlerische Schaffen Ihres Mannes Einfluss auf seine Arbeit und/oder auf Ihr Familienleben?
Frau V.:
Das vorher Erzählte nahm zwar viel Zeit in Anspruch, und dafür brauchte er als Rückhalt seine Familie, die ihm Heimat und Ruhe bot. Gemeinsame Unternehmungen mochten wir alle sehr: Spiele, Radtouren und Spaziergänge. Er erzählte und erklärte den Kindern, und wohl auch mir, vieles über die Tier- und Pflanzenwelt und weckte so das Interesse für die Erhaltung und Pflege unserer Umwelt.
S. S.:
Frau Vogel, seien Sie so nett und beschreiben uns einmal Ihre Gefühle, als Sie zum ersten Mal erfuhren, dass wir, die Klasse 11c des Copernicus-Gymnasiums Löningen, uns im Rahmen eines Wettbewerbs um das Leben und das Werk Ihres Mannes beschäftigen werden.
Frau V.:
Ich kann schwer beschreiben was ich empfand, als ich von diesem Projekt hörte. Ich will ehrlich sein. Zuerst war ich befremdet und überrascht. Und jetzt freue ich mich, dass das Werk meines Mannes so gewürdigt werden soll.
M. H.: Vielen Dank!
S. S.: Vielen Dank!