Das Advents-Blasen in Löningen


Wie die Alten es taten - so tuten die Jungen

Ein alter Löninger, den das Schicksal schon in jungen Jahren in das große Reich der Fabriken an der Ruhr verschlagen hatte, wurde eines Abends von seinen kleinen Enkeln bestürmt: „Opa, erzähl uns etwas von Löningen!"
Es war Adventszeit. Der Abend wollte eben niedersinken, und es dämmerte schon in der Stube. Da flogen die Gedanken des Großvaters durch den Abendhimmel fort zu den Fluren seiner Heimat, und er dachte innig an die Adventszeit seiner Jugend. Norbert, den jüngsten der beiden Enkel setzte er auf sein Knie, während Rolf sich einen Stuhl heranrückte und erwartungsvoll den Großvater anblickte.
,,Als ich so klein war, wie du jetzt bist, Rolf, da hatten wir Löninger Jungen in der Adventszeit eine große Aufgabe zu erfüllen, eine heilige Aufgabe. Ich glaube, die hatten die Löninger Jungen eigens vom lieben Gott bekommen. Wir mußten nähmlich während der ganzen Adventszeit ein Horn blasen."
„Ein Horn? Warum?" fragte Rolf. „Wir mußten die Hirten von Bethlehem spielen. Du weißt doch: Den Hirten von Bethlehem verkündeten es die Engel als ersten, daß der Heiland im Stall geboren war."
„Sind euch denn auch die Engel erschienen?" wollte Norbert wissen.
,,Nein". bedauerte der Großvater. „Aber wir mußten ein Horn blasen, so wie die Hirten es früher getan haben, wenn sie die Schafe hüteten. Wir mußten mit unseren Blastönen in den Adventshimmel hineinrufen und Gott bitten, daß er so wie vor zweitausend Jahren den Heiland wieder herunterschicken solle auf die Erde."
„Was für Hörner waren denn das, Opa?" erkundigte sich Rolf.
„Die waren aus Holz. Die Tischler und Holzschumacher fertigten sie uns an. Trichterförmig sahen sie aus. In früheren Zeiten nannte man ein solches Horn .Middewinterhorn' oder auch ,Dewertshorn'. Aber zu unserer Zeit hallen sich diese Namen schon verloren, und wir sagten einfach ,Adventshorn'. Feierlich klangen die Hörner. Solange ich lebe, geht mir der Klang nicht aus den Ohren.
Wir Jungen bliesen unermüdlich, jeden Tag, und in den Straßen mag es den Erwachsenen manchmal zuviel geworden sein. Aber am schönsten war es abends. Dann standen die Jungen in den Gärten und bliesen einander zu, und die an den Rändern des Ortes bliesen den Jungen in den unweiten Dörfern zu. Tuht! Tuht! hallte es dann dumpf und dunkel durch den stillen Abend, und es wurde einem richtig fromm und vorweihnachtlich zumute, und ich glaube, den lieben Gott hat dies Blasen der Löninger Jungen immer sehr gefreut."
„Blasen die Jungen in Löningen heute auch noch im Advent?"
„Ja, auch heute noch. Diese schöne Sitte ist, Gott sei Dank, noch nicht ausgestorben, noch immer, wie seil Jahrhunderlen, blasen in Löningen die Jungen in den Wochen vor Weihnachten ihr Adventshorn.
Paßt auf: ich will mit dem Papa reden! Im nächsten Jahr sollt ihr zur Adventszeit mit mir nach Löningen fahren. Dann sollt ihr ein solches Adventshorn sehen und es selber blasen lernen und hören, wie schön es klingt: Tuht! Tuht!..."

Der Adventsbrunnen