Die Schnecke und die Schwalbe

Mit diesem Text legt Constanz Vogel Wert auf die Erkenntnis, dass man sich selbst immer treu bleiben sollte, unabhängig davon, welche Tätigkeit man gerade ausübt. Man sollte seine Möglichkeiten genau erkennen und seine Grenzen nicht überschreiten. Constanz Vogel ist der festen Überzeugung, dass niemand dem Zwang unterliegen darf, sich selbst oder anderen, die scheinbar oder auch tatsächlich überlegen sein mögen, etwas beweisen zu müssen. Jeder sollte sich selbst so akzeptieren, wie er ist, und nicht versuchen, jemand zu sein, der er nicht ist.


Eine Schnecke und eine Schwalbe stritten sich über Langsamkeit und Eile, genauer gesagt: über den Leistungswert ihm Fortbewegung. Sie vereinbarten eine Erweisprobe. Die Schnecke sollte auf dem Sandweg die kleine Strecke bis zur nahen Birke kriechen, und während derselben Zeit sollte die Schwalbe in entsprechend gleichwertiger Beanspruchung im blauen Sommerhimmel zur fernen weißen Wolkenbank fliegen. An der Zielstelle, dem Birkenstamm, wollten sich beide wieder treffen.
Um ein sachgerechtes Urteil zu gewährleisten, beschlossen sie, Wertung und Entscheidung einem unbeteiligten Dritten zu überlassen. Die Schwalbe schlug als Begutachter den heiligen Ambrosius vor. und die Schnecke war schließlich einverstanden, nicht so sehr wegen seiner Heiligkeit als vielmehr wegen des Vertrauens, das die breitmelodische Lautung seines Namens einflößte.
Sankt Ambrosius waltete gerne dieser ebenso reizvollen wie aufschlußreichen Aufgabe. Er hob als Starter den Arm und kommandiert, scharf taktierend, in seinem wundervollen Latein: „Attendere — intendere — contendere!" Was in profan-moderner Übertragung heißt: Achtung — fertig — los!
Nach einer Viertelstunde war die Schnecke am weißen Stamm der Birke angelangt, und zur selben Zeit landete auf dem untersten Ast auch die Schwalbe. Aber während die Schnecke behaglich unter ihrem Gehäuse ruhte, zitterte die Schwalbe von der Anstrengung des Wettfluges am ganzen Leibe.
Der heilige Ambrosius legte seine beiden Handflächen zu einer Gebetsgebärde zusammen: „Vor Gott gilt jede Bewegung nur danach, ob sie die Regungen der Seele sammelt oder verstreut." Und dann zückte er vor der Schwalbe seinen langen Zeigefinger und sagte: „Du warst bei deinem erstaunlichen Eilflug völlig außer dir, gehörtest mehr dem fremden Räume als deinem eigenen Dasein, und ich sehe, du hast noch jetzt viel Mühe wieder zu dir selbst zu kommen."
Dann bückte er sich zu der Schnecke hinab, breitete wie segnend seine Rechte über ihr aus und sagte: „Du warst sehr langsam, aber in jeder Sekunde deiner Fortbewegung warst du mit der Bürde deines Daseins bei dir selber. Der Preis des Wettbewerbs gebührt deswegen dir!"