Ulla K. Meyer

Die Wolke Gottes

Als Gott den Menschen erschaffen hatte, glaubte er.

Er glaubte an das Gute. Er glaubte daran, dass die Menschen sich und die Erde, die sie hervorgebracht hatte, lieben würden. Er glaubte daran, dass die Menschen deren Schönheit erkennen können und er glaubte daran, dass die Menschen das Lied des Meeres verstehen, die Majestät bizarrer Bergrücken achten und sich über das Funkeln der Sterne in den winkenden Wellen der Nachtmeere freuen würde. Er glaubte daran, dass der Mensch seine innere Schönheit und Vollkommenheit erkennen und die Fähigkeit zur Liebe bewahren könne. In diesem Glauben schuf Gott den Menschen, denn zu seinem Bilde schuf er ihn. Mit jener Liebe schuf er ihn, die aus einem unbewohnbaren toten Planeten das Leben und die Schönheit der Kreatur gebar. Und er glaubte, dass es gut sei.

So nahm er an jenem sechsten Tage ein Stück Lehm, formte es und hauchte seinen göttlichen Odem hinein. Und es entstand der Mensch. Er atmete, richtete sich auf, reckte seine Arme empor zu ihm und dankte. Und er konnte lachen und weinen, der Mensch, er empfand Beglückung und Schmerz, Trauer und Freude, Liebe und Hass. Kurze Zeit aber, als Gott ihn aus seinen Händen gelassen und ihn der duftende Erde übergeben hatte, ging der Mensch seine eigenen Wege. Und Gott vertraute immer noch auf ihn. Er vertraute seiner Kraft und Schönheit und darauf, dass die Menschen einander liebten.

Denn er schuf sie als Wesen, die in der Gemeinschaft füreinander bestimmt waren.

Und er ließ die Menschen tun und lassen, was sie wollten, achtete ihre Freiheit und hoffte auf ihre Fähigkeit, verantwortlich zu sein und Achtung zu haben vor dem Leben und vor dem, der es gegeben hatte. Und er nährte sich aus der Zuwendung und jener Liebe, die sie ihm schenkten, wenn sie ihn erkannten. Und Gott glaubte, dass die Kraft der Liebe stärker sei als jene Kraft, die dem Menschen innewohnte - die Kraft der Zerstörung.

So gab er ihnen das Gesetz, dass ihr Leben in der guten Kraft bliebe. Denn sie sollten leben und nicht töten, sollten geben und nicht stehlen, sollten die Wahrheit sagten und nicht lügen, sollten sich und das, was sie besaßen, wertschätzen und nicht neidisch auf den anderen sehen, sollten die Alten ehren im Wissen, dass ihr Alter im Schutz der Jungen stand, sollten den Schwachen helfen in der Gewißheit, dass sie in der eigenen Schwäche sich dem Stärkeren anvertrauen konnten. Und sie sollten ihn achten, den Gott des Lebens:

Sie sollten lieben, denn sie wurden geliebt von ihm..

Und Gott sah, daß die Erschaffung des Menschen und des Lebens gut war und freute sich daran. Hier hätte die Geschichte enden können, wenn - der Mensch sich nicht eines Tages überschätzt und ihn vergessen hätte. Und so standen sie plötzlich allein auf den beiden Seiten der Welt: Der Mensch auf der einen Seite, der Erde, und Gott auf der anderen, dem Himmel. Und die Erdenmenschen glaubten nicht mehr daran, dass dort jemand wohnte, der ihnen die Kraft gab zu leben und zu lieben. Und so vergingen Tage, Wochen, Monate und Jahre. Ja - sogar Jahrhunderte und Jahrtausende zogen ins Land, und der Mensch schuf sich seinen eigenen Glauben an seine Kraft, an seine neue Erde und an seine Macht. Und er glaubte, dass es gut war.

Und er glaubte; dass der Himmel leer sein würde, leer wie sein Herz, das keine Wärme mehr spüre. Und wenn er in den Himmel schaute, in manchen heimlichen Momenten, und die Wolken zählte, dann wußte er, dass sie Regen brachten oder Sturm, Schnee oder Hagel, und wenn sie fort waren, wieder die Sonne.Und eine Wolke war nur eine Wolke.Der Regen war nur der Regen.Und die Sonne war nur die Sonne, Zentralkörper des Sonnensystems.
Eine Wolke war nur die Kondensation der Luftfeuchtigkeit in der Atmosphäre,
und der Regen erklärte sich als die häufigste Form der Niederschläge.Und Gott? Gott wurde gar nicht definiert. Es wurde noch geforscht, aber man hatte die geschichtliche Ausprägung des Gottesgedankens im Griff, die - laut Lexikonartikel - eine große Mannigfaltigkeit zeigte.Darüber war Gott sehr traurig.

"Sie haben mich vergessen", sagte er eines Tages zu der kleine Wolke, die schneeweiß war wie eine Lilie und jeden Abend um ihn herumflog, um ihn etwas aufzumuntern. Betrübt schüttelte er den Kopf. "Sie haben mich doch wirklich vergessen.- wie ein Waisenkind, das seine Eltern niemals kennengelernt hat..."

(Aus: Die Wolke Gottes, in: Seitenblicke, Hannover 1995; gesehen in einer Abendwolke auf Kreta 1989. Der damals auf dem Felsen am Meer geschriebene Text blieb unverändert.)

Copyright Ulla K Meyer

(copyright Aquarell: Gudrun Förster)