Ulla K. Meyer

Dr. Esberg seufzte erneut, als er unbewußt seine Hände zu falten begann, um ein gedachtes Stoßgebet in den verregneten Himmel zu schicken, bevor er seine Finger wieder rühren würde, um an ihnen die letzten Tage der Menschheit abzuzählen. Auch die anderen taten ihm nach, als hofften sie, daß vor Wiederaufnahme der Sitzung noch etwas Weltumwälzendes geschehen würde. So verharrten alle in dem schmuddeligen Saal für einen Augenblick in Stille mit geschlossenen Augenlidern.

Daher entging es den so inbrünstig Hockenden, daß leise die ungeputzte Sitzungstür geöffnet wurde und eine Gestalt hereintrat. Dr. Esberg, dessen unbewußtes Wahrnehmungsvermögen sich in den letzten sechs Jahren angesichts des erlittenen Leides verschärft hatte, spürte zuerst, daß eine fremde Person im Raume war. Geistesgegenwärtig öffnete er die Augen und rieb dieselben sich zweimal, um ihnen zu trauen, denn auch sein Ernährungszustand wies körperliche Mängel auch.

 

Als er eben erkannte, daß es sich bei der hereingetretenen Person um eben dieselbe weibliche Delegierte handelte, die erstmalig vor sechs, zum zweiten Male vor fünf Jahren aufgrund des Abstimmungsergebnisses von damals mit erhobenen noch kräftigen Männerhänden abgewiesen worden war, zeigte sich in seinen stumpf gewordenen Augen ein Leuchten.

Auch die anderen Herren, die nun ihre Augenlider wider aufgeschlagen hatten, erhoben ungeachtet ihrer Entkräftung einen erstaunlichen Applaus und schämten sich ihres Unglaubens angesichts ihrer verzweifelten Anstrengungen zur Sicherung ihrer Existenz, daß sie je wiederkommen würde.
Und nun war sie da!

Als sich die Anwesenden von ihrer Freude erholt hatten und wieder Stille eingekehrt war, schwieg die Frau entsetzt, als sie in die Gesichter der Übriggebliebenen der Menschheit sah. Das also war ohne sie geschehen.

Schweigend reichte Dr. Esberg dem Weltvorsitzenden ein weißes Blatt Papier, auf dem dieser mit zittrigen Buchstaben schrieb: "Die halbe Macht, die halben Positionen, die halbe Welt - und unsere Unterstützung.! Und ersetzte hinzu: "...und unsere Wertschätzung für das schweigsam erduldete Geschenk eurer Kraft in all den Jahrtausenden, die euch nicht erwähnt haben. Kommt zurück, Ihr Frauen, wir brauche Euch - und verzeiht! Eure Männer der Welt."

Dr. Esberg war es, der mit hoffendem Gesicht, in dem ein Lächeln wartete, als er an Verena dachte, das Stück Papier reichte. Die Delegierte nahm das Dokument der Welt, las es ohne ein Wort zu sagen und lächelte traurig.

"Ihr kommt doch zurück?" fragte Dr. Esberg unsicher.

Die Frau nickte stumm.

"Und - ihr fordert nicht mehr?" wollte der Weltvorsitzende wissen, zögernd, aber ehrlich, setzte er hinzu: "Ihr könnt es jetzt! Wir sind am Ende!"

Da ging die Frau einen Schritt auf ihn und die anderen Männer zu und sprach, und ihre Worte wurden auch von dem letzten in der stillen Halle vernommen.

"Nein, wir fordern nicht mehr als das, was uns gehört. Wir sind anders als ihr. Deshalb kommen wir zurück. Deshalb und weil wir euch und diese Erde lieben." Und mit einer diebischen Freude fügte sie hinzu: "Wir gehören doch zusammen, oder?"

Die Männer schwiegen und schämten sich.

"Wo wart ihr?" fragte Dr. Esberg eher um die Stille zu durchbrechen, als aus Neugier. Ihm war es gleich, wo die Frauen waren, Hauptsache, sie kamen zurück.

"Wir?" schmunzelte die Delegierte und lachte plötzlich. "Wir waren bei der Göttin. Heute vor sechs Jahren und einem Monat hat sie uns gerufen, weil sie es leid war, eurem Tun und eurer Selbstherrlichkeit zuzuschauen. Sie hat zu uns gesagt: `Keine Worte helfen ihnen, keine Forderungen und kein Bitten. Ihnen hilft nur noch die Erfahrung! Und nun kommt! Kommt, meine Töchter, kommt - bis ich euch wieder zurückschicke!`." Die Stimme der Deligierten hatte plötzlich einen seltsam fremden Klang angenommen, einen Klang, der aus weiter Ferne zu sprechen schien. Dann rückte sie sich wieder ins Neonlicht. "Ja", fuhrt sie erhobenen Hauptes fort, nicht ohne ein leises Schmunzeln zu unterdrücken, "dann sind wir gegangen. Alle Frauen dieser Erde. Und" - noch einmal sah sie in die ausgezehrten Gesichter der Männer, "nur sechs Jahre waren wir fort - eine Ewigkeit für euch...."

(aus: Verena - eine Satire aus rückblickender männlicher Sicht über die Wirkungen des Weiblichen. Für Männer und Frauen. ASKI Hannover. 2000)

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(copyright Aquarell: Gudrun Förster)