Unser Gespräch mit Ulla K. Meyer:

Schreiben Sie nur von den Göttern?  
Mich wundert die Frage als erste Frage! ....Als ich auf Haiti war, habe ich Religion ganz anders erlebt. Den Text habt ihr gelesen! Aber ich beschäftige mich auch mit anderen Themen......In dem jetzigen Buch setze ich mich mit noch einmal mit unserer Religion auseinander....Gott ist wichtig, aber es sind auch andere Themen wichtig.
   
Macht es Ihnen Spaß zu schreiben?
Ja, unbedingt!! Als Schreibende fühlt man sich wie ein Trichter.....man bekommt Ideen, Phantasie und das fließt irgendwie durch..ich mache dann die Augen zu, lege die Finger auf die Tastatur und es fließt, ...das sind unheimlich schöne Momente.
   
Wie kamen Sie darauf, Bücher zu schreiben?

Ich habe im Grunde schon vor ganz, ganz langer Zeit angefangen, ich habe etwas beobachtet und habe gemerkt, dass ich das erzählen möchte.

Ich bin mit 17 Jahren nach Hamburg gegangen und war fürchterlich verliebt, das war das Erste: jeden Tag Tagebuch. Ich habe mich an das Schreiben gewöhnt. Auf meinen Reisen nach Haiti, Mexiko. Nord-Süd-Amerika, Indien , Israel,, Sri Lanka, Nepal, ...überall geschaut, draußen geschlafen, nicht im Hotel, viel mit den Menschen gesprochen, in Indien z.B. von einem Polizisten eingeladen worden in die Familie, ....wir haben mit Händen und Füßen gesprochen. Weil ich allein dort war, habe ich mich allein gefühlt, und dann habe ich geschrieben, geschrieben, um das zu behalten, was ich erfahren hatte. Tagebuch schreibe ich immer noch. Das Tagebuch kann ein guter Freund werden, der zwar stumm ist, aber der trotzdem die Gedanken klären kann. Im Laufe der Zeit ist aus dem Tagebuch eine feinere literarische Form geworden: Kurzgeschichten, Romane, Satiren, Novellen usw, wo ich gefeilt habe, die künstlerische Form zu finden.

   
Warum und über was schreiben Sie?  
Nicht nur aus Spaß! Ich möchte auch etwas verändern. Ihr kennt doch bestimmt auch das Gefühl: Ihr habt ein Buch gelesen und denkt: Genau, das kenne ich auch. Ich denke, es kommt oft vor, dass Menschen etwas fühlen, was nicht so laut im Raum steht... wenn man dann etwas liest, was ähnlich ist,
dann ist man gestärkt....Insofern schreibe ich auch, um etwas zu verändern....damit der Umgang der Menschen besser wird......auf Reisen schreibe ich in erster Linie, um mich zu erinnern........in meine Lesungen kommen oft Menschen mit muffeligen Gesichtern und wenn sie gehen, freuen sie sich, das ist ein bisschen Veränderung.
 
Wann/Wie schreiben Sie?
Unterschiedlich. Manchmal erst nachts um 10. Dann geht der Mond herum, dann fahren die ersten Busse... manchmal bis 7......bis Mittag.....es ist eine große Zeit........10-16 Stunden sind keine Seltenheit....das ist wie eine Sekunde, so wie wenn man mit guten Freunden zusammen ist.....alles klein, wie eine Melodie mit Worten, Regeln sind erstmal egal. Ich werde nicht müde, trinke Wasser, Tee.....aber nicht müde. Danach muss man ordnen: Absätze, Kommas, Rechtschreibung usw., das ist viel Arbeit, aber nur mechanisch ohne Fantasie...das kann ich nur eine Stunde lang. Wir Schriftsteller holen die Sterne vom Himmel und packen sie in unsere Bücher. Dann kommen die "lauten" Menschen mit ihren Steuererklärungen und den Rechnungen und irgend etwas anderem, und die machen nichts anderes, als Licht anzuknipsen, der ganze Sternenhimmel ist weg. Jeder hat so einen Sternenhimmel über sich, aber die Schriftsteller holen sie mit Phantasie herunter. Vielleicht haben eure leise Welt und unsere Welt ja auch eine Ähnlichkeit .
   
Haben sie schon einmal mehr als 5000 Bücher verkauft?
Das ist eine kluge Frage, das habe ich leider noch nicht geschafft, aber ich arbeite daran.
   
Ist der weiße Rabe eine Geschichte über Sie?
Jeder der schreibt, jeder(!), hat autobiographische Elemente in seinem Schreiben, jeder schreibt auch immer ein bisschen über sich. Die Katharina aus dem weißen Raben hat Anteile an dem , was ich erlebt habe.
   
Wofür steht das "K" in Ihrem Namen?
Es steht für Kraft, Kunst und Kreativität----- und Klara.
   
Wann kommt das neue Buch auf den Markt?
"Verena" wird bis zur nächsten Lesung fertig sein, und das kann man dann kaufen.
   
Wie lange brauchen Sie, bis ein Buch fertig ist?
Sehr, sehr lange. Man sagt: von der Idee bis zur Fertigstellung 2 Jahre. Man muss ja ständig korrigieren, neu schreiben, umschreiben usw. Das ist nur die Hälfte, dann muss man Verlage suchen. Das sind Wirtschaftsleute, mit denen man redet. Dafür braucht man ganz andere Fähigkeiten als zum Schreiben. Mit bestimmten Themen kommt man bei bestimmte Verlagen gut an, mit anderen nicht.
   
 
Wenn man ein gutes Buch schreibt, kann man den Nobelpreis bekommen?
Da muss man aber schon sehr weise sein, das dauert noch sehr, sehr lange....Das ist eine sehr hohe Auszeichnung für das eigene Werk.
   
Können Sie von dem Geld leben, das Sie für Ihre Werke bekommen?
Nein. Es gibt wenige, die es können. Ich selber kenne zwei Autoren, die davon leben können. Beide Autoren schreiben schöne Geschichten, aber so schreibe ich nicht. Ich schreibe anders, vielleicht auch schwerer, so dass man etwas "zu beißen" hat beim Lesen, und dann wird es eben nicht so viel...
   
Schreiben Sie auch Gedichte?  
Fast gar nicht. Es ist schwer, ein sehr gutes Gedicht zu schreiben. Ich bin Erzählerin, ich schreibe Prosa.
   
Gehen Sie nebenbei noch arbeiten?
Viele Frauen haben einen Mann.... wer das nicht hat, braucht andere Einnahmequellen. Ich habe viele Jahre im Schuldienst gearbeitet, dann hatte ich einen Unfall und konnte nicht mehr arbeiten in der Schule, was sehr, sehr schade ist, so dass ich zunächst nur schreibe, um später vielleicht wieder beides zu verbinden...Ich habe daraus eine Versorgung,...dann gebe ich noch Autorenseminare.
   
Haben Sie schon als kleines Kind viel mit Büchern zu tun gehabt?
Ja, ich bin mit Büchern groß geworden, habe viel gelesen. Ich habe eine Zwillingsschwester, wir haben zusammen kleine Geschichten geschrieben, haben daraus Theater , Rollenspiele usw, gemacht.
   
Hatten Sie eine glückliche Kindheit? Was war ihr schönstes Erlebnis?
Ja, sehr. Wir hatten sehr liebende Eltern gehabt und zwei ältere Brüder , die uns beschützt haben. Das war wie ein Paradies. Ich glaube, es ist sehr wichtig, dass man einmal im Leben Liebe erfährt, das gibt Kraft für das Leben. Diese Erfahrung bleibt das ganze Leben. Und vielleicht ist das mein Ziel im Schreiben, dass die Menschen so warmherzig miteinander umgehen, wie ich das als Kind erfahren haben.
   
Wie haben Ihre Eltern reagiert, als Sie Schriftstellerin und Lehrerin werden wollten?
Lehrerin war in Ordnung. Das Schreiben war problematischer, aber es gab eine sehr schöne Szene: Meine Eltern sind tot, ich habe sie sehr lange gepflegt. Ein halbes Jahr vor dem Tod meines Vaters hatte ich eine Lesung, und ich habe ihm die "Leila" vorgelesen, und mein Vater hat gesagt: Ach Ullachen, das ist schön, davon kann man leben...Da habe ich gemerkt, er trägt das mit, was ich im Herzen habe...Aber die größte Erzählerin in unserer Familie war unsere Mutter.
   
Gehen Sie ans Telefon, wenn Sie schreiben?
Nein. Schreiben heißt, in einer anderen Welt zu sein. Ich treffe mich dadurch auch weniger mit Freunden. Erst danach gehe ich wieder nach außen und treffe Freunde.
   
Welche Menschen kommen in Ihre Schreibseminare?  
Das sind ganz verschiedene Leute aus allen Berufszweigen. Es sind Männer und Frauen, aber meistens Frauen. Die Männer wollen Lyrik/Gedichte schreiben und die Frauen Geschichten. Es ist für alle ein neues Gebiet: die Technik, Entwicklung von Fantasie, wie ich eine Geschichte aufbaue, wie ich stilistisch arbeite, welche Gewichtung ich im Satzbau nehme,
um etwas herauszuarbeiten, das ist für alle neu, deswegen kann ich mit allen zusammen arbeiten. Mit allen zusammen schreiben wir dann eine lustige "Seifenoper". Das macht sehr viel Spaß, und alle trauen sich dann mehr, etwas vorzulesen.
   
Haben Sie auch Freizeit?
Wenn ich irgendwohin gehe , habe ich immer die Augen einer Autorin, das ist so wie eine zweite Haut, immer fallen mir Geschichten ein. Da kann man nicht sagen: Arbeitszeit - Freizeit, sondern es ist im Grunde nur Zeit. Das ist ein ganz anderer Arbeitsbegriff. Manchmal habe ich ein Diktiergerät dabei. Man ist davon sehr vereinnahmt. Manchmal muss man sagen : Schluss, ich schreibe nicht mehr. Dann mache ich meine Steuererklärung o.ä..Aber es ist wirklich ein Problem, abzuschalten. Und manchmal suche ich mir bewusst Leute aus, die keine Autoren sind, die nicht diese Fantasie haben.
   
Gucken Sie im Internet nach, ob Sie Ideen finden?
Nein, die habe ich selber. Die kommen einfach so.
   
Gibt es Tage, an denen Ihnen nichts mehr einfällt?
Im Grunde nicht. Manchmal ist es zuviel, so dass ich gar nicht weiß, ob ich lange genug lebe, um alles aufzuschreiben
 
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