Ulla K. Meyer

"Leider ist nicht möglich Collect-Calls nach Deutschland. Du müssen bezahlen selbst." Die dunklen Hände mit den schwarzumrandeten Fingernägel gehören meinem indischen Beamten. Seit nahezu drei Tagen versucht er mir die undurchsichtigen Geschicke des indischen Telegrafendienstes zu zeigen. Zweifelnd blicke ich auf das schwarze Telephonmodell, das aus der Kolonialzeit zu stammen scheint. Seit Tagen will ich über den Ozean nach Deutschland telefonieren. Tage und Nächte - Stunden der Geduld in dieser Schule des indischen Post-Office. Meine Gelassenheit ist im Eimer.
Phone

"Adscha! Okay, okay!" Wieder ist die Leitung unterbrochen. Ich zwinge mich zur indischen Ruhe. Wußte er das als Beamter nicht schon drei lange Tage des Ausharrens früher? Ruhig bleiben, bloß nicht aufregen. India ist nicht Deutschland.

Geduld, Geduld und Nachsicht sind die Tugenden eines Reisenden. India ist nicht Deutschland. Wieder warten. Die Inder genießen meine maßlose Bewunderung für ihre Fähigkeit, unbegrenzt in das open-end hineinwarten zu können, mit meditativem Blick und ohne mit der Wimper zu zucken.

Und ich warte. Bis in die frühen Morgenstunden hinein. Diesmal ganz nahe am Telefon. Jedesmal bevor ich einschlafe, drücke ich die Muschel des Museumsstückes mit fester Verzweiflung an mein Ohr. Das laute Klicken und das Rauschen, wahrscheinlich schon das Rauschen des Ozeans, wecken mich. Jedesmal sanft, halb seiend, halb nichtseiend. Mein väterlicher Freund steht - wie Buddha - mit halbgeschlossenen Augen in trance-ähnlichem Zustand neben mir, gerührt teilnehmend an meinem Schicksal.

Und plötzlich, in den frühen Morgenstunden - in Deutschland ist es Mitternacht - macht es nüchtern "Klick", und ich höre die Stimme meiner Zwillingsschwester, die als Bodenpersonal daheim geblieben ist, nah und glasklar über zehntausend Kilometer weiter über Länder und Ozeane hier in diesem kleinen, schmuddeligen indischen Telefonoffice.

"Ulla - Du??? Warum rufst du so spät an?" fragt sie mich verschlafen. Noch ganz benommen vom Funktionieren der indischen Technik kann ich kein einziges Wort herausbringen. Zehntausend Kilometer - so fern und doch so nah! Welch eine Erfindung ist das Telefon! Besonders das indische. Ganz nah höre ich die andere Stimme. Nur der kleine dumme Ozean rauscht dazwischen. Ich muß lauter sprechen und brülle in die Muschel. Genauso taten es die anderen Inder zuvor, die nach Kalkutta, Madras oder Bombay telefonierten.

Ich blicke mich um und sehe, daß alle Telefonbeamten aufgehört haben, ihr Chapati zu essen. Sie haben sich im Halbkreis vor mir aufgestellt, lauschen gespannt meinem wilden Schreiben, das so klingt, als müsse ich die Entfernung nur mit meiner Stimme überwinden.

So viele strahlende Inder habe ich noch nie auf einen Haufen gesehen! Die drei Minuten des Telefonierens vergehen nach den vielen Stunden des Wartens so schnell wie drei Zehntelsekunden. Alles ist vorbei.

Die Inder aber strahlen noch immer. Und ich strahle zurück: Wir strahlen. Meine asiatischen Freunde sind plötzlich so lieb und freundlich und leicht und herrlich und verläßlich und nicht mehr so schlampig und schmuddelig, und ich mag sie alle! Mein väterlicher Freund, voller Stolz, daß wir es nach drei Tagen geschafft haben, gibt mir die Hand, und ich gratuliere ihm. Er gratuliert mir. Wir gratulieren uns. Im ganzen Office wird gesungen und getanzt. Die sonne geht auf. Wir haben gewonnen!
Welch ein Erfolg!
Welch eine Nacht!

Fürsorglich hilft mir mein indischer Freund in dieser bedeutungstragenden Morgenstunde auf eine Ritshaw, dessen Fahrer er verständnisvoll und sanft wachrüttelt.

Lächelnd verabschiedet er sich von mir mit dem stolzen Bewußtsein eines gewissenhaften Beamten, der Mem Sahib den perfekten Service des indischen Telegrafendienstes demonstriert zu haben.


(Phone-Call to Germany, aus: Namaste. Ein literarisches Reisetabeguch aus Nepal, Indien und Sri Lanka mit Aquarellen von Gudrun Förster. Hannover 1987. Der Text ist auf dem Telegrafenamt in Srinagar in den drei Tagen des Wartens auf den Phone-Call to Germany 1984 geschrieben und unverändert abgedruckt worden.) Copyright: Ulla K. Meyer

(copyright Aquarell: Gudrun Förster)