"Am Anfang waren es nur Zettel - heute ist es eine Reihe von Büchern"

  Der Autor Erich Heinemann im Gespräch mit der Hildesheimer Zeitung "HUCKUP"

Am Anfang gab es nur Zettel oder die Rückseite von Kalenderblättern. Sie mussten reichen, um die schriftlich fixierten Gedanken eines Zehnjährigen aufzunehmen. Heute ist er 66 und erinnert sich noch genau daran, dass er zu einer Kriegsweihnacht ein dickes, in rotes Leinen gebundenes Buch mit lauter wundervoll leeren Seiten bekam. Gerade richtig also für einen Jungen, dem Schreiben ein Bedürfnis war, seit er die ersten Buchstaben malen konnte.

 

Es ist dabei geblieben: Erich Heinemann, inzwischen Autor zahlreicher erfolgreicher Bücher, sagt dazu: „Man muß das tun, wozu das Schicksal einen treibt.“

Begonnen hat er in simpler Form. Tagebuchnotizen in kindlicher Sprache, die die Ereignisse des Krieges aus der Sicht eines Heranwachsenden schilderten, waren die Basis für eines der bekanntesten Bücher des 1929 geborenen Hildesheimers.

Es träft den Titel „...da kam ein stolzer Reiter“ und erschien erstmals vor 15 Jahren. Vor kurzem ist eine völlige Neubearbeitung des Werkes unter dem selben Titel herausgekommen. Dieser zweite Band beschreibt einen längeren Zeitraum, dokumentiert die tatsächlichen Geschehnisse jener Jahre, richtet den Blick aber auch auf den Jungen im Zentrum der Ereignisse und skizziert damit neben den Fakten die menschliche Seite.

Es war, so sagt Erich Heinemann, eine harte Zeit, die man erleben und erleiden musste: Leben in einem inhumanen, rücksichtslosen, sich seiner Härte rühmenden allgegenwärtigen System. An keinem sei diese Zeit spurlos vorübergegangen, ganz gleich, wie alt man damals gewesen sei. Terror, nächtliche Bombengeschwader, unsägliche Härte der politischen Führung.

All dies erlebte der Halbwüchsige vor der Kulisse seiner geliebten Vaterstadt: Schulalltag unter dem Kriegshimmel, Jungvolkfahrten, Lager, vormilitärische Erziehung, die Haltung gegenüber Juden. Eine naive Gläubigkeit der Jugend an all das.

Erich Heinemann beschreibt jene Jahre aus heutiger Sicht, aber er lässt auch die Originaltexte aus seiner kindlichen Feder mit in sein Werk einfließen. Die Brücke zwischen zwei Generationen schlägt er dadurch, dass der Band mit Linolschnitten von Schülern des Gymnasiums Himmelsthür bebildert ist, die im Kunstunterricht von Oberstudienrat Wolfgang Heckler 50 Jahre nach dem Krieg entstanden.

Die Freude an heimatlicher Geschichte und das Fabulieren, so meint Erich Heinemann, seien wohl von seinem Großvater geprägt worden. Er war fasziniert davon, die Schauplätze aufsuchen zu können, die mit der Geschichte verbunden waren, die aber auch in Sagen und Märchen eine Rolle spielten.

Er erinnert sich, „mit was für Wonnen ich im Rathaus an den großen Wandfresken entlangegangen bin, um sie zu studieren“. Wenn Erich Heinemann in seinen Dachstübchen in alten Aufzeichnungen blättert, dann wird auch manches wieder lebendig, was er vor vielen Jahren nicht notiert hat. So entsteht der romanhafte Versatz in seinen Büchern.

Ganz früh morgens arbeitet er daran. Er schätzt die ersten Stunden des Tages, wenn ringsum noch alles ruhig ist. 5 Uhr morgens, manchmals 6 Uhr – das ist seine Zeit. Da kann er auf seiner betagten Schreibmaschine tippen. Sie hakt schon ein wenig; aber das neue Computermodell lent ihn zu sehr von seinen Gedanken ab.

Vor der schriftstellerischen Arbeit in der stillen Dachkammer stehen natürlich stets zeitaufwendige Recherchen. Erich Heinemann weiß nicht genau, wie viele Jahre seines Lebens er im Stadtarchiv oder an anderen geschichtlichen Quellen zugebracht hat. Aber das akribische Sammeln des Stoffes gehört nun einmal zu einem Buch mit dokumentarischem Charakter.

Der Laie mag nun meinen, dass der so arbeitende Autor einen schönen Ausgleich in seinem Engagement in der Karl-May-Gesellschaft findet, deren Mitbegründer auf internationaler Ebene er ist. Aber weit gefehlt : In diesem Zirkel wird literarisch-wissenschaftlich gearbeitet; mit den Indianerspielen von Bad Segeberg oder der Old-Surehand-Romantik der Kinofilme hat diese Gesellschaft nichts im Sinn.

Erich Heinemann, vor acht Jahren pensionierter Verwaltungsdirektor der AOK Hildesheim-Marienburg, zeiht es vor, mit Frau Anni an andere Stätten zu reisen, die der Hauch der Geschichte umweht. In jüngster Zeit folgt das Ehepaar den Spuren von Wilhelm Raabe. Auch die Wanderungen des Theodor Fontane üben den Reiz des Nacherlebens aus. Bei solchen Spaziergängen lässt sich trefflich Kraft schöpfen für neue schriftstellerische Einfälle und deren Umsetzung.

 

HUCKUP, 29. Juni 1995, Seite 13