Unser Interview mit Jürgen Borchers

Frage: Wie sind Sie zum Schreiben gekommen?

Antwort: Alles menschliche tun, ob vernünftig oder nicht, findet in der Biographie des Betreffenden seine Begründung. Und weil das so ist sei es mir erlaubt mit einem Schlüsselerlebnis zu beginnen. Während meines Studiums in den 50er Jahren, das mich auf den Beruf des Lehrers vorbereiten sollte, war eine zweisemestrige Übung zur Stimmbildung und Sprecherziehung obligatorisch. Nach einer Reihe sprechtechnischer Etüden, wurden abschließend Gedichte zur Kontrolle des Erlernten auf Tonband gesprochen, das damals als es im Begriff war den Markt zu erobern, noch einen ganz ursprünglichen Reiz auf uns ausübte. Gedichte von Rilke und Ben waren es, die bei den Rezitationen das Feld beherrschten. Jene hochartifiziellen duftigen Sprachgebilden, die mit Anspruch Bens an das Gedicht "Reiner Ausdruck" Miene und Hauch zu sein, in vollendeter Weise gerecht wurden. Je weiter die Rezitationen voranschritten, desto irritierter wurde ich. Zwei Dinge waren es, die mich beunruhigten: Das eine war die abgehobene, ja exthatische Vortragsweise, der Verklärte Blick, die den Verdacht in mir aufkeimen ließen, das Gedicht habe hier für die Vortragenden die Funktion einer Ersatzdroge übernommen. Ich wünschte mir dringlich, Hölderlins heilige Nüchternheit möchte sich auf die Vortragenden herabsenken, damit sie Klarheit gewönnen und sich ihrer historischen Situation bewusst würden. Zum anderen stellte sich mir die bohrende Frage, ob denn die vorgetragenen Gedichte überhaupt noch unsere Gedichte sein konnten. Waren wir nicht eben durch eine beispiellose Katastrophe hindurchgegangen? Hatten wir nicht die Bombennächte, die Feuerstürme, die Elendszüge der Geknechteten aus den Lagern, die  Massengräber, die Trecks der Flüchtigen und Vertriebenen noch vor Augen? Sollte alle diese Bilder spurlos am Gedicht vorüber gegangen sein? Sollte die Flucht in eine verklärte literarische Vergangenheit unsere Gegenwart und Zukunft bestimmen? Während mich die Fragen bedrängten, trat mir das neue, das so ganz andersartige Gedicht vor Augen. Schemenhaft noch in den Einzelheiten, doch deutlich in seinen Konturen. Zeitgenossenschaft müsste es bekunden, dieses neue Gedicht. Die große Verwirrung, der wir täglich ausgesetzt sind müsste sein Gegenstand sein. Respublika, öffentliche Sache, müsste es werden. Seine Dichter müssten die Elfenbeintürme verlassen. Es dürfte nicht länger verbotene Wörter für das Gedicht geben. Zum Teufel mit der sogenannten Dichtersprache! Das Gedicht müsste die ursprüngliche Funktion des Benennens zurückgewinnen. Es müsste die Realität, die gesellschaftliche Wirklichkeit, mithin auch den Alltag für sich neu entdecken. Als die Reihe an mich kam, geriet ich in nicht geringe Verlegenheit. Ich blätterte eine Gedichtanthologie aus meiner Gymnasialzeit, "Der Strom" hieß sie, mehrfach durch. Doch es fand sich kein Gedicht, dass meinen Vorstellungen entsprochen hätte. Was sich da als das Neueste präsentierte, waren die Gedichte der Naturlyriker. Wilhelm Lehmann und seine Jünger beschworen das Alte Ware, auch sie auf der Flucht, aus der bedrängenden Gegenwart hin ins Zeitlose zu Baum und Wolke, Fluss und Fels. Gerieten das Grauen und das Entsetzen einmal ins Gedicht, so wurden sie, esthetisiert und mystifiziert und damit der Realität entzogen. Aber auch dies waren nicht meine Gedichte. So griff ich zu den satirischen Versen eines Morgenstern oder eines Ringelnatsm mit deren schnöden Ton ich in die Weihestimmung der Rilke und Ben Rezitationen lustvoll, zerstörerisch einbrach. Nach derlei lyrischen vervorsritten hatte ich das Gefühl wieder Atembahre Luft gewonnen zu haben. Es sollten noch einige Jahre vergehen, bis ich vor den Hintergrund meines Studienerlebnisses auf Günther Eichs, inzwischen berühmt gewordenen Verszeilen, aus dem Hörspiel "Träume" stieß: Tut das Unnütze. Singt Lieder, die man aus eurem Mund nicht erwartet. Seit unbequem. Seit Sand, nicht das Öl im Getriebe der Welt. Ich las diese Zeilen, wie eine an mich persönlich gerichtete Aufforderung und begann jene unnütze, närrische Tätigkeit, als die ich das Gedichteschreiben verstehen muss. Nach einigen tastenden Versuchen, schrieb ich da Gedicht "Menschenmaterial", das nun ganz meine Vorstellungen eines Gedichtes entsprach. Diesen Text hätte ich gern bei unseren Rezitationsversuchen vorgetragen, wenn er damals nur schon Gestalt angenommen hätte.

Menschenmaterial:

Sache bist Du/ deine Sprache bezeugt es/ sie verwalten dich/ sie bearbeiten dich/ sie schleifen dich / sie verheizen dich/ Als Sache stehst du im Akkusativ/ du bist ihr Objekt/ sie haben es leicht/ weil du Sache bist/ du bist einsetzbar/ du bist versetzbar/ du bist absetzbar/ du bist ersetzbar./ Als Sache überraschst du nicht mehr/ du bist registriert./ Sie sehen dich an mit kalten Augen./ Du funktionierst/ du spurst/ du baust ab/ du fällst aus./ Als Sache berührst du sie kaum./ Du schonst ihr Gefühl./ Doch siehe ihre Angst./Besinn dich./ Sag ihnen WER Du bist!

Widerstand zu leisten gegen die Verwandlung des Menschen in den Apparat, das ist für mich die zentrale Aufgabe des Lyrikers in unserer Zeit. Unermüdlich muss er seinen Zeitgenossen zurufen, dass sie als freie Individuen eben nicht verwechselbar, nicht austauschbar, nicht benutzbar sind, wie eine tote Sache, sondern lebendig und zum Widerstand fähig. Der Lyriker kann sich nicht länger davonstehlen in den schönen Schein. Er muss sich stellen, sich einmischen, er muss die Leute inkommodieren, wie Schiller gesagt hat, und notfalls auch zum Ärgernis werden.

Frage: Haben Sie ein literarisches Vorbild?

Antwort: Im engeren Sinne nicht. Aber, es gibt eine Reihe von Autoren, die ich besonders schätze: dazu gehören aus der älteren Generation: Günter Eich, Karl Krolo, Marie- Luise Kaschnitz, aus der mittleren Generation: Hans- Mangus Ensensberger von den jüngeren: Peter Maiwald.

Frage: Sind Sie Hauptberuflich als Schriftsteller tätig? 

Antwort: Nein. Ich bin inzwischen pansioniert und war als Realschullehrer tätig. In den Fächern Deutsch und Geschichte. Natürlich gehörte zum Deutschunterricht auch die ständige Auseinandersetzung mit Lyrik, ganz selbstverständlich. Nicht nur mit neueren übrigens, sondern auch durchaus die alten Meister.

Frage: Was sagen Ihre Verwandten bzw. Bekannten zu Ihrem Talent?

Antwort: Meine Familie achtet und respektiert meine Tätigkeit. Es verwundert sie nicht, wenn ich plötzlich für mehrere Stunden  in mein Arbeitszimmer mich zurückziehe und verschwinde, mich aus dem familiären Leben also zurückziehe, um mich dieser Tätigkeit des Gedichteschreibens zu widmen. Im Freundeskreis habe ich wohlwollende kritische Begleitung, viele Anregungen. Freunde schenken mir Bücher, die Lyrik betreffend, Lyrik theoretische Schriften, andere Gedichtbände, sie nehmen lebhaften Anteil an dem was ich tue und begleiten mich auch häufig auf Lesungen.

Frage: Wie lange arbeiten Sie durchschnittlich an einem Buch?

Antwort: Die ersten beiden Gedichtbände sind in einem sehr großen Abstand entstanden, wenn ich recht sehe, fast 15 Jahre. Der vorletzte und der letzte Gedichtband sind relativ schnell aufeinander gefolgt. So dass ich also sagen kann, im Durchschnitt etwa fünf bis sieben Jahre.

Frage: Welches Ihrer Bücher ist Ihr absoluter Favorit?

 Antwort: Das ist jeweils das letzte Buch, das ich geschrieben habe.

Frage: Und weshalb?

Antwort: Wegen der Aktualität. Im jeweilig letzten Buch stehen auch immer, ganz ganz logisch, die Dinge, die aus den Problematiken der Gegenwart entstanden sind.

Frage: Haben Sie eine Vorstellung wie viele Bücher Sie noch veröffentlichen werden?

Antwort: Nein, das hängt im Wesentlichen davon ab, ob ich gesund bleibe oder nicht. Im Augenblick liegt ein fertiger Gedichtband beim Verlag und harrt seiner Veröffentlichung. Darüber hinaus arbeite ich an einem neuen Feld für mich, an Schmonzetten zum Schmonzeln, also lustigen Gedichten, die nicht unbedingt Problembeladen sind, aber doch nicht so seicht, dass man sie nicht in die Form des Gedichtes bringen könnte.

Frage: Würden Sie uns etwas daraus vortragen?

Antwort: Ja gern.

Verregnete Zweisamkeit

Die Welt war grau / und die Welt war nass./Kein Biergarten lud zum Vergnügen./Ich schwärmte von Heine und Pilz vom Fass./Am Weidezaun meckerten Ziegen./Sie meckerten alles Grün aus dem Land./ Sie meckerten Galle und Gift./Und sie, die Heine sexistisch fand,/ sagte bitter:/"Was uns betrifft mein Freund ist der Regen./ Hör wie er tropft./Auf das Schädeldach seine Zeichen klopft./ Nur still jetzt ich buchstabiere./ Eben war es noch O./ Nun ist es, ach,/bevor ich zur Ziege werd/ geh ich und sag adieu./Du bist fad und ich friere.

Nachtgedanken eines Schäferhundes

Man sage nicht,/ ich sei ein armer Hund./ Denn schließlich habe ich einen Stammbaum,/ Rasse./ Und ich beweise täglich meine Klasse an Bäumen,/wo ich Zeichen setzte und wo mich umwittert hündisch geiler Duft./ Ein Tummelplatz für Männerfantasien./ Aus Sexualnot,/ Völleappartien,/ wer Übles dabei denkt,/ der ist ein Schuft./ Auf meiner Nase Weisheit ist Verlass./ Mein Hundestolz will nichts vom Schafspelz hören./ Einst war ich Wolf/ und will beim Wolfe schwören:/ Ein voller Magen, weiß von keinem Hass./ Wir sind solange Hund,/ solang wir satt./ Und werden Wolf, wenn´s nichts zu beißen hat.