Unser Interview mit Georg Oswald Cott

Frage: Wie sind zum Schreiben gekommen?

Antwort: Ja, diese Frage kann man nicht definitiv beantworten. Ich kann nur etwas sagen zu meiner Entwicklung: Rumort hat es schon zu Kindesbeinen in mir und  vor allem Dingen in der Zeit der Pubertät habe ich sehr viel Liebesgedichte geschrieben, also diese Pennälergedichte. Das macht wohl jeder durch und dann hat es eine Phase gegeben in der ich relativ wenig geschrieben habe, weil ich mich einfach erst mal existentiell durchsetzen musste. Das heißt ich musste eine Wirtschaftliche Basis für meine Familie schaffen. Ich musste in meinem Brotberuf vieles leisten und dann kam,  da war ich etwa Mitte der 30iger Jahre, eine Lebenskrise durch eine schwere Krankheit und auch durch einige andere Katastrophen, die sich in meinem Leben einstellten und das hat wohl diese Blase zum platzen gebracht.  Der Druck zum Schreiben war immer da, aber die äußeren Umstände haben ihn unterdrückt. Durch diese Schicksalsschläge, oder wie immer man es nennen will, ist dann dieser Schreibdrang so stark geworden, dass ich mich ihm nicht mehr widersetzt habe und auch nicht widersetzen wollte. Zu Anfang habe ich  es  als Therapie  für mich selbst eingesetzt.

Frage: Haben Sie ein literarisches Vorbild? 

Antwort: Ja, literarische Vorbilder habe ich schon,  nicht nur eins, wenn ich mich aber auf die Lyrik beschränke und hier auf tote Dichter, dann sind es vor allem zwei, für mich sehr wichtige herausragende Persönlichkeiten. Das ist einmal der Dichter Paul Celan und der Dichter Ernst Meister. Beide schreiben eine sehr hermetische Lyrik und ich meine dass gerade bei Celan, aber ebenso bei Meister, eine Fähigkeit vorhanden ist, Dinge mit Sprache auszudrücken, die nach dem normalen Verständnis von Sprachen gar nicht mehr ausgedrückt werden können. Sie dringen vor in eine imaginäre, spirituelle Welt und füllen sie mit ihrer Sprachkraft, die mich bis zum heutigen Tage immer wieder fasziniert.

Frage: Sind Sie hauptberuflich als Schriftsteller tätig?

Antwort: Inzwischen ja. Die Literatur füllt mein Leben  völlig aus. Ich habe früher einen Brotberuf gehabt und stand somit immer in diesem Spannungsverhältnis den Brotberuf ausüben zu müssen, den ich übrigens sehr gerne ausgeübt habe, und schreiben zu müssen. Aber inzwischen habe ich, Gott lob, ich bin ja nun im kanonischen Alter, ich bin 69 Jahre alt, die Zeit mich ganz der Schriftstellerei zu widmen.

Frage: Gibt es mehrere Literaten in ihrer Familie?

Antwort: Ja, die Frage finde ich ein bisschen witzig, weil hier gleich im Plural gefragt wird: "mehrere Literaten". Es wäre schon bedeutend, wenn es überhaupt einen in der Familie gegeben hätte. Soweit ich weiß nicht, aber es hat eine Reihe von Pastoren gegeben in meiner Familie und vielleicht sind da irgendwelche Zusammenhänge, denn ein Pastor ist schließlich auch des Wortes mächtig. Da ist schon eine gewisse Verwandtschaft. 

Frage: Was sagen Ihre Verwandten oder Bekannten zu Ihrem Talent?

Antwort: Die Verwandten halten sich zurück und ich glaube, das ist auch ganz gut, wenn ich meine Familie nicht mit meiner Schriftstellerei zu sehr traktiere. Die Bekannten, so fern es sich um Schriftstellerkollegen handelt, sind für mich sehr wichtig: als Gesprächspartner, weil es unbedingt wichtig ist, dass man sich austauscht. Der eine weiß dies, der andere weiß jenes. Wir kritisieren uns gegenseitig. Wir tauschen uns aus. Aber  die Verwandten, die lasse ich, um das mal so salopp zu sagen, außen vor.

Frage: Was inspiriert Sie dazu ein Buch zu schreiben?

Antwort: Da ich mich in ersten Linie als Lyriker definiere kann ich die Frage so, wie sie definitiv gestellt ist, nicht beantworten. Ich muss dazu eine Aussage machen: Es geht mir nicht in erster Linie darum ein Buch zu schreiben, sondern als Lyriker schreibe ich ein Gedicht und wenn sich vielleicht genügend Gedichte angesammelt haben, dass ein ganzes Konvolut da ist und sich möglicherweise ein Manuskript ergibt, dann kann daraus ein Buch entstehen. Aber Ihre Frage sagt ja, "was inspiriert Sie dazu?". Das ist ein Phänomen auf das ich auch noch keine genaue Antwort gefunden habe. Ich kann nur Zustände beschreiben, die die Sache ein bisschen fassen: Es sind Stimmungen, die mich inspirieren, das kann Freude sein, das kann Kummer sein, das können auch Beobachtungen sein, die im Alttag mache, Begegnungen mit Menschen, das können Reisen sein. Die Palette ist ungewöhnlich groß und speziell auf meine Person zugeschnitten ist vielleicht noch eins zu sagen: ich bin ein Motoriker. Das heißt meine Gedichte, wenigstens die Urfassungen, entstehen beim Gehen. Ich gehe sehr viel. Immer auf einsamen Wegen. Ich wohne hier am Rande einer Stadt. Der Wald ist nicht weit. Dann gehe ich in den Wald und da kommt das, was Sie inspirieren nennen, also die Inspiration. Ich schreibe mir Stichworte auf und daraus entsteht dann häufig ein Gedicht. Wenn ich statisch bin, d. h. wenn ich am Schreibtisch sitze, fällt mir eigenartiger Weise selten etwas ein. 

Frage: Wie lange arbeiten Sie durchschnittlich an einem Buch?

Antwort: Ja, das ist Knochenarbeit. Also ein Gedichtbuch soll bei mir reifen. Das heißt die Gedichte, die entstehen, die durchlaufen mehrere Phasen. Die erste Phase ist, ich nenne sie die emotionale Phase, d. h. das Gedicht fällt mir vom Dach eben durch die Inspiration, die schon angesprochen wurde. Das ist dann aber eine Rohfassung und aus der Rohfassung entsteht dann eine zweite Fassung. Das heißt es ist die Form die handwerklich bearbeitet ist. Da achte ich auf den Rhythmus, auf die Melodie, möglicherweise auf einen Reim und ähnliches mehr. Also auch auf formale Dinge. Das kostet natürlich Zeit. Zwischen der emotionalen und der handwerklichen Phase liegen manchmal Tage, Wochen sogar. Und wenn man sich nun vorstellt, dass sich in einem Gedichtbuch möglicherweise 50 oder 60 Gedichte versammelt sind, dann ist leicht auszurechnen, dass von Buch bis zum nächsten Buch manchmal Jahre vergehen. Und es gibt auch noch eine dritte Phase, die zur Buchproduktion unbedingt dazu gehört, das ist, die des Lektorats. Das heißt, wenn ich meine Gedichte in die handwerkliche und formale Form gebracht habe, und wenn ich meine, dass sie formal und auch innerlich stimmen, dann kommt der Lektor. Und der Lektor sieht ein solches Gedicht mit anderen Augen als der Autor. Er nimmt gewissermaßen eine Art Metaposition an. Er steht dem Text neutral gegenüber, aber sehr sachlich, sehr kompetent, und auch das kostet Zeit, weil jetzt die Gespräche zwischen dem Autor und dem Lektor entstehen. Das heißt, die Produktion eines Buches, so wie sie bei mir geschieht, kann Jahre dauern bis das nächste entsteht.

Frage: Wurde eines Ihrer Werke schon einmal verfilmt oder vertont? 

Antwort: Bei einem Lyriker ist es wohl schon technisch schwierig ein Buch oder Gedicht zu verfilmen. Das ginge bei einem Roman oder einer Erzählung, natürlich durchaus, aber bei Gedichten ist das nicht der Fall. Aber die Gedichte wurden schon vertont und zwar auf sehr unterschiedliche Weise. Vor kurzem hat der Komponist Bernfried Pröve aus meinem jüngsten Gedichtband "Tagwerk" ein Melodram komponiert. Dieses Melodram wurde für mehrere Instrumente geschrieben. Eine Sopranistin hat dafür eine Rolle bekommen und das wurde auch schon aufgeführt. Dann hatte ich vor kurzem eine Lesung in Helmstedt bei der Eröffnung der EXPO Ausstellung "Transit". Dort habe ich meine westostelbischen Gedichte zur Einführung gelesen, wobei mich Werner Lindner, ebenfalls ein Komponist, begleitete, welcher extra zu diesen Gedichten eine eigene Komposition geschrieben hat. Es gibt noch andere Beispiele, aber ich will das hier nicht fortsetzen. 

Frage: Welches Ihrer Bücher ist Ihr absoluter Favorit? 

Antwort: Ich muss zunächst eine Einschränkung machen und zwar zu dieser Apostrophierung "absolut". Ich glaube ein absoluten Favoriten, wie das hier formuliert wird, habe ich nicht und das hat mehrer Gründe: Viele meiner Bücher sind sogenannte Pressendrucke, d. h., diese Bücher sind auf die alte Gutenbergsche Weise noch hergestellt. Mit Bleibuchstaben, handgesetzt, auf edlen Papier gedruckt und daraus sind bibliophile Bücher entstanden. Bücher die auch immer gleich den Charakter eines Kunstwerkes haben und die limitiert sind in ihrer Auflagenzahl. Es sind zum Teil nur einige Hundert, die gedruckt wurden sind. Sammler und Museen kaufen diese Bücher, d. h., ein Bestsellertum, im Sinne, wie wir es sonst kennen, gibt es bei meinen Büchern nicht, weil sie diese Grenze zum Kunstwerk überschreiten und in einem ganz besonderen literarischen und künstlerischen Kontext zu sehen sind. Es gibt allerdings die Erzählung "Lessings Grab". Diese hat sich als "Favorit", um dieses Wort hiermit zu benutzen, oder als Liebling der Leser durchaus erwiesen. Mit diesem Buch bin ich schon durch die ganze Republik gereist und habe daraus gelesen. Inzwischen steht es auch wohl vor der nächsten Auflage.

Frage: Würden Sie uns etwas daraus vorlesen?

Antwort: Ja, ich lese gerne das Gedicht von dem chinesischen Lyriker Gong Liu mit dem Titel "Lessings Grab". Dieses Gedicht habe ich vom chinesischen ins deutsche übertragen.                                                                               

"Lessings Grab: ... Müde geworden/ nach der Durchquerung Chinas/ ich stehe an Lessings Grab/ unten die Gruft/ wird erdvermessen/ aber sein Geist/ wächst darüber hinaus/ oben im Laub der Kastanien/ wieder und wieder/ sein Atem/ bricht Dornen/ ich höre kein Sterbenswort/ und am Grabstein die Nelken bündeln/ drei Ringe als Lebenslinie/ und trösten/ meine gelbe Haut."

Frage: Welche Atmosphäre benötigen Sie um kreativ zu sein?

Antwort: Für mich ist Stille ganz wichtig. Das ist auch einer der Gründe warum ich meine Gedichte beim Gehen schreibe und zwar beim Gehen im Wald. Und im Wald gehe ich wieder über solche Wege oder Pfade, bei denen ich sicher sein kann, keinem Menschen zu begegnen. Das Zwitschern der Vögel stört mich natürlich nicht, oder wenn ein Reh durch die Büsche bricht, oder wenn der Wind durchs Laub geht. Aber ich brauche als Atmosphäre der Inspiration ein Umfeld ohne Menschen.

Frage: Arbeiten Sie gerade an einem neuen Werk?

Antwort: Ich schreibe und schreibe und es schreibt in mir. Und wenn daraus ein neues Buch entsteht, dann ist es eine erfreuliche Sache. Aber ich arbeite nicht gezielt an einem neuen Werk.