„Für ein Lächeln“ verschenkt er auf der Frankfurter Buchmesse Gedichte, die mit einem Bindfaden umwickelt sind. Georg Oswald Cott – Träumer oder gewiefter Eigenwerber? Seine Erzählung „Lessings Grab“ wurde gerade auf Platz eins der niedersächsischen Liste empfehlenswerter Bücher platziert, für den neuen Lyrikband „Über zwölf Körperlängen“ nahm er vor wenigen Tagen im historischen Tathaus von Osnabrück den Literaturpreis „Das neue Buch in Niedersachsen und Bremen 1998“ entgegen. Sehr verdient, wie sich bei zunehmend fasziniertem Lesen der formvollendeten Verse schnell herausstellt.

„Ich tappe/ im dunkeln“, beginnt der Germanist und ehemalige Berufsschullehrer eins seiner schönsten Gedichte. Genau beobachtet er die Umwelt und reagiert auf sie – kritisch, humorvoll, skeptisch, auch mal melancholisch. Dabei ist er frei von dumpfer, den nahenden Tod der Natur, das Sterben aller Gefühle und den Untergang der Welt prognostizierender Schwere, geriert sich weder als Seher noch als Rufer in der Wüste. Eher sieht er sich in der Rolle eines vorsichtigen aber nicht schönfärbenden Optimisten, dessen behutsame Einwände und Ratschläge hinter die Botschaft zurückzutreten haben. Nur zart appelliert er an unser so gerne verdrängtes Gewissen. Auch wenn er warnend seine Stimme hebt- „als wir / das Hüpfen verlernten/ sind wir/ zugrunde gegangen/ an uns“, behalten Lebensfreude und Humor die Oberhand. Etwa im Gedicht von den Erwachsenen, die im Winter auch gleich alle Wünsche miteinfrieren wollen und ihren Kindern, die  das lachend besser wissen. Oder in der originellen Geschichte vom plumpsenden Galilei und dem „Milchstraßengelächter“, oder in der vom Zusammenhang zwischen Juckreiz, Rascheln im Stroh und Mordlust. Außer von großen und kleinen, alten und jungen Menschen, auch stotternden Clowns, erzählt der Dichter von streunenden Katern, schnäbelnden Spatzen und einem, „der Mut schöpft / vom bloßen Zuschaun“, von Würmern, kirren Bluthunden und ihren Träumen, von Zwiebelhäuten und Honigtöpfen – und vom kleinlauten Frosch, der „über zwölf Körperlängen“ springen kann, was dem Werk den Titel gab.

Cotts unprätentiöse Gedichte sind von sinnlicher Kraft und bleiben diesseitig, auch wenn sich die Protagonisten schon mal in  die Lüfte erheben oder aus dem Jenseits grüßen. Meist sind sie kurz und erlangen nicht zuletzt dadurch ein Höchstmaß an Präzision und Aussagedichte. Mit knapper Lakonie eher hingetupfte Bilder entfalten eine wunderbar in sich geschlossene Eigendynamik, wie sie in zeitgenössischer Lyrik nicht selbstverständlich ist. Auf fast jeder gelingt die Symbiose von Sprache, Inhalt und Form. In Cotts Gedichten fehlen verschraubte Windungen und verrätselte Zusammenhänge, alles ist transparent, auch für Lyrikmuffel beglückend verständlich und miterlebbar. So kann der zudem mit Zinkstichen von Heinz Treiber geschmückte bibliophile Band ohne Einschränkung als edles Weihnachtsgeschenk für Feingeister empfohlen werden.

 

Weser Kurier, Bremer Nachrichten, 03.12.1998