WOLFENBÜTTEL (LBS) Einen Korb mit weißen Papierröllchen, von denen jedes sorgfältig mit bunten Wollfäden umwickelt war, hielt der Dichter vor Beginn seiner Lesung im Lessinghaus in die Höhe: handgeschriebene Gedichte, die „umsonst, nur für ein Lächeln“ zum Mitnehmen bestimmt waren. Die von Herzen kommende Freundlichkeit dieser Geste kennzeichnete die Veranstaltung, bei der Georg Oswald Cott, auf Einladung der Lessing Akademie und der HAB, aus seinem Werk las.

 

Die zu Beginn der Lesung vorgetragenen Gedichte waren Stimmungsbilder und nachdenkliche Beobachtungen eines Menschen, der hinter die Dinge sieht, ihrem Sinn nachspürt und ihre kleinen Ungereimtheiten aufdeckt. „Ungereimt“ sind, im wahren Sinne des Wortes, auch die Gedichte, sparsam und treffend im Ausdruck. Cott las sie vor mit dem leisen Lächeln des Wissenden, einem Anflug von Resignation des Alters.

„Normalzeit herrscht heute, und ich rede mir ein, dies kann nicht die Zeit sein, in der es um Leben und Tod geht.“ Ein längeres Gedicht beschrieb liebevoll und rührend die Stationen im einfachen Leben einer Großmutter: hier wurde das hausgemachte Johannisbeergelee zum Symbol einer durch keinen Schicksalsschlag zu erschütternden Fürsorge.

Der Prosateil der Lesung war zwei Episoden aus der Erzählung „Lessings Grab“ gewidmet. Angeregt durch den Besuch der mit furchterregender Pracht ausgestatteten unterirdischen Begräbnisstätte eines Ming-Kaisers nördlich von Peking beschreibt Cott die zeremonielle Reise, die den noch jungen Kaiser zu seinen Lebzeiten zur Besichtigung der selbstbestimmten Stätte führte.

Szenen wie aus dem Märchen beschwört der Dichter herauf, den von Bannerträgern und Lanzenreitern begleiteten Zug, Elefanten und dumpfes Trommelwirbeln, hundert Sänftenträger und die in Festtagskleidern den Weg säumende Volksmenge, der kein Blick auf den gelb verhüllten Despoten gewährt wird. Und nur in der leise geführten Unterhaltung zweier Hofbeamter fällt eine Andeutung auf die tausende von Opfern, die der Bau des Grabmals gekostet hat.

De chinesische Dichter Gong Liu, de seinen deutschen Kollegen zu dem Grabmal begleitet hatte, berichtete seinerseits von einem Besuch an Lessings Grab und dem dabei entstandenen Gedicht: Grund genug für Cott, dem letzten Weg Lessings nachzuspüren, einem Weg, de für die Lessing-Forschung bis dato ein weißer Fleck geblieben ist. So hinderte Cott nichts daran, in dichterischer Freiheit ein „Gegenbild“ zu entwerfen, das ebenfalls reich an Symbolik ist.

Streng an den wissenschaftlich belegten Daten orientiert, lässt Cott den herzoglichen Bibliothekar am 28. Januar 1781 auf dem Ackerwagen eines ehemals „Studierten“, der sich inzwischen als Fuhrmann verdingt, zur letzten Reise nach Braunschweig aufbrechen.

Der mühselige Weg durch den Feldweg im Lechlumer Holz, der Luxus des Sternhauses und das prunkvolle Schloß von Salzdahlum, der Blick  zum Blocksberg und auf die Türme Braunschweigs geht vorbei an der Richtstätte, die verborgen im Holz liegt und noch immer genutzt wird. Als die Fahrt nach langen Stunden am Magnikirchhof endet, wo der Fuhrmann einen Findling abzuliefern hat, ahnt Lessing nicht, dass er an seiner eigenen Ruhestätte angekommen ist. Zu Fuß geht er zum Haus seiner Freunde, wo er 14 Tage später die Augen für immer schließt.

So hätte es gewesen sein können – die Atmosphäre im vollbesetzten Gartensaal des Hauses, in dem Lessing seine letzten Lebensjahre verbrachte, hielt die Zuhörer gefangen. Erst nach einer Pause dankten sie mit stürmischen Beifall und drängten sich um den Korb – mit einem Lächeln.

 

Wolfenbüttler Zeitung und Anzeiger, Wolfenbüttel, 28. 6. 1999