Der Braunschweiger Georg Oswald Cott nimmt heute im Osnabrücker Rathaus um 17 Uhr den Preis „Das neue Buch in Niedersachsen und Bremen 1998“ entgegen. Diese Auszeichnung des vom Verband deutscher Schriftsteller in Niedersachsen und Bremen in der IG Medien (VS) zum sechsten Mal initiierten Wettbewerbs erhält der 67jährige für seinen Lyrikband „Über zwölf Körperlängen“ (Pfaffenweiler Presse). Cotts Erzählung „Lessings Grab“ (Verlag Michael Kröger) steht zudem auf der diesjährigen niedersächsischen Bestenliste des VS. Literarische Lese- und Begegnungsreisen führten den in Salzgitter Geborenen u. a. nach Russland, China, Polen, Israel, Spanien und Italien. Seine Gedichte wurden in mehrere Sprachen übersetzt. Über seine Arbeit sprachen wir mit dem Preisträger.

Frage: Wie haben Sie auf den Gewinn des Wettbewerbs „Das neue Buch in Niedersachsen und Bremen“ reagiert?

Antwort: Mit Freude. Zum einen wegen der Öffentlichkeitswirkung für meine Gedichte, die überwiegend als Handpressendrucke in kleiner Auflage erschienen sind. Zum anderen, weil die Preisstifter, der Schriftstellerverband und die Stadt Osnabrück, in einer Zeit, in der die Kulturförderung eher brandgerodet wird, einen Ort schaffen, wo die Literatur ein Netz findet.

Frage: Auf dem Buchmarkt führt die Lyrik eine Art Nischendasein. Hat das Gedicht im Wettbewerb mit populäreren literarischen Gattungen auch im neuen Jahrtausend eine Chance?

Antwort: Ich bin überzeugt, dass die Lyrik eine Zukunft hat. Lyrik ist der Archetypus der Literatur. Sie ist mit dem Lied verwandt, und das Lied werden wir nie totsagen. Sie ist ein Mittel des Menschen, Existenzielles darzustellen. Gerade in einer Zeit, in der soviel an Ruhe, an Verinnerlichung wegbricht, gewinnt sie als Rettungsring an Bedeutung. Die Popularität der Lyrik hat auch etwas mit der Volksseele zu tun. In Russland, beispielsweise, füllen Dichter ganze Fußballstadien.

Frage: Und warum in Deutschland nicht?

Antwort: Ich glaube, weil es hier unheimlich viele Ablenkungen gibt. Die Möglichkeit, sich Zeit zu lassen, geht immer mehr verloren. In einer solchen Umwelt kann die Lyrik nicht wohnen.

Frage: Sie haben bereits zwölf Lyrikbände veröffentlicht, Erzählungen, Essays und Hörspiele verfasst. Hat Sie ein Roman nie gereizt?

Antwort: Ich bezeichne mich bewusst als Dichter und nicht als Schriftsteller. Mein Begabung ist die Lyrik.

Frage: Welche Eigenschaften müssen bei einem Dichter ausgeprägt sein?

Antwort: Ein seismographisches Gespür für kommende „Beben“, den Blick für die Banalität des Bösen und für kleine, tägliche Wunder.

Frage: Die Bandbreite Ihrer Gedichte reicht von humorvoll bis nachdenklich-kritisch. Welchen Ton schlagen Sie am liebsten an?

Antwort: Ich bin eher ein Optimist. Ich besitze ein Urvertrauen, das mich hochhält. Die „Bösen“ in meinen Texten tauchen auf, um etwas sichtbar zu machen, um etwas zu ändern. Das Sichtbarmachen ist jedoch nicht gleichzusetzen mit Moral.

 

Osnabrücker Zeitung, Feuilleton, 27. 11. 1998

von Elke Schröder