Gedichte

 

Brautkleid

Blau steht der Himmel, unbeweglich
und doch von tiefem Beben klar,
und alles, was ich oft und täglich
geseh'n, wird neu und wunderbar.

Ich steht' wie traumgebannt inmitten
all dieser fremden Herrlichkeit,
mein Herz formt unbekannte Bitten,
wird sehnsuchtsschwer und groß und weit.

Ich steht' wie träumend, ohne Willen,
was so gescheh'n muß, mag gescheh'n.
Du sollst mich bis zum Rande füllen
und niemals wieder von mir gehn.
 

1928/29
 
 
 
 

Früher Spaziergang

Als ich durch den Morgen ging,
lag das Lang gesegnet,
taubeträufelt, sattgeregnet,
Rosenkelch voll Tropfen hing.

Regentropfen, Tropfen Tau
schimmerten und sprühten
in den eingerollten Tüten
grüner Blätter. Rot in Blau

breitete der Himmel hin
seine hellen Tinten,
amethysten, hyazinthen,
Rosenquarz und Turmalin.

Gruß des Engels und die Spur
der Verheißung: Landgebreite,
Himmelsnähe, Erdenweite
eines Morgens um fünf Uhr -
 

Finnland
 
 
 
 
 
 
 
 
 


 

Abgesehen von den Dingen, die trösten:
Von Blumen, Spinnweg und Liebe,
bleibt uns wenig zur Freude,
nichts zum Ausruh'n, zum Schlafe nur der Tod
und die kleine Spanne davor
an Zeit,
ihn kennen -,
vielleicht auch liebenzulernen.

Aber daran hindern uns
die tröstlichen Dinge ...
 

Söhre
 
 
 
 
 
 

Flüsterlied
 

Nie singt einer für jeden,
singe doch einer für mich,
vor den großen Reden
lieb' ich die kleine Musik,

lieb' ich die schwingende Stille,
die in den Gräsern webt,
Duft von Klee und Kamille,
der mir entgegenschlägt -

ach, wie unendlich vergänglich
ist, was ich je geliebt!
Welches Herz lauscht empfänglich
meinem Flüsterlied?
 
 
 
 

Ernte

Ernte, die ich eingebracht,
hielt ich für gewichtig -
in der Scheuer, überdacht,
scheint sie klein und nichtig,
ist durchsetzt von dürrer Spreu,
fehlt ihr Saft und Süße; nun,
so schütt' ich sie als Streu
andern vor die Füße!
               
Dieses Gedicht erinnert an die Natur und spiegelt gleichzeitig einen früheren Arbeitsgang wider, der anfangs erst wichtig erschien aber dann an Bedeutung verliert. Es erschien 1988 im Hildesheimer Heimatkalender.
 
 
 

Abendliche Heimkehr

 
Graue Elefantenrücken, fern und nah zu beiden Seiten,
wölben sich zu Hügelketten, die uns stundenlang begleiten.

Ganz geruhsam rollt der Wagen, wiegen sich die Riesenleiber
stallwärts, heimwärts wie wir selber, späte, abendmüde Treiber.

Zwielicht gießt sein blasses Silber über diese ganze Herde
grauer Elefantenrücken und die schlafbereite Erde.

                         
Dieses Gedicht strahlt durch das Einbeziehen von Elefanten in Verbindung mit der Natur Ruhe und Gelassenheit wider. Es wirkt moderner und ist somit zugänglicher. Es erschien 1989 im Hildesheimer Heimatkalender.
           
                   
      Wenn was du geliebt hast
      dem tode ähnlich wird
      setzt dein herz aus
      einen schlag oder zwei
      die angst die namenlose
      spreizt ihre kralle und fordert
      und treibt ein
      was du nie geben wolltest
      mehr als üblich
      anerkenung und recht
      da stehst du an der grenze
      wähnst dich noch diesseits
      während dein fuß dich
      und bereits unwiderruflich
      hinüberträgt.
                         
Dieses Gedicht wirkt melancholisch und wurde im fortgeschrittenen Alter der Dichterin verfasst.--Es lassen sich Auseinandersetzungen - Gedanken - mit dem Tod erkennen. Es erschien 1991 im Hildesheimer Heimatkalender.
 
 
 
 

           Apokalypse


Wir sind das verfluchte Geschlecht der Trecker,
Der hungernden, frierenden, siechen Verrecker;
Wir sind die Sippe der Heimatlosen,
Von Haus und Hof ins Nichts gestoßen;
Wir fahren und fahren über Land,
Nirgends willkommen, nirgends gekannt,
Hinter uns Chaos und Angst und Tod,
Vor uns Verwirrung und grausame Not.

Wir fahren an tausend Toden vorbei,
An aufgedunsenen Pferdeleibern,
An toten Kindern, an Männern, an Weibern,
Und hie und da steigt noch ein Schrei -
Wir halten nicht, wir dürfen nicht weilen,
Uns selbst wird das Schicksal demnächst ereilen,
Da - Tiefflieger! Also hinein in den Graben,
Bevor sie uns alle vernichtet haben,
Und wenn sich das höllische Kreischen verlor,
Kriechen wir dreckig wieder hervor.

Wir sitzen zu viert auf unserem Wagen,
Ein Mann, an dem ist nur Haut und Bein,
Eine Frau und ein blasses Jungfräulein
Und ein Kind mit geschwollenem Hungermagen.
Wir waren vom Anfang an wohl mehr,
Je nun, es hat sich manches begeben,
Wer kümmert sich denn um das bißchen Leben?
Wer nimmt noch den Tod seines Nächsten schwer?
Ein Alter starb an seinem Gebrest,
Einer kreißenden Frau gab das den Rest;
Wir konnten sie freilich nicht bestatten,
Weil wir dazu die Zeit nicht hatten.
Sie liegen irgendwie, irgendwo,
Ganz ruhig - das Totsein geht auch so.

Die Straßen lang, in Gräben und Gossen
Werden zuweilen die Leichen beschossen -
Des lachen sie nur, die Kleinen und Großen,
Die vielen friedlichen, namenlosen.
Wir können nicht lachen, wir sind noch am Leben,
Der Feind kann uns jeglicher Qual übergeben,
Der Angst und dem Jammer, dem Haß und der Not;
Noch hassen wir selber, noch sehen wir rot,
Noch pocht das verzweifelnde Blut in den Adern,
Noch müssen wir weiterkämpfen und -hadern,
Noch - aber stille, der Abend naht
Auf samtenen Füßen dem steinigen Pfad.

Und wie ist's möglich, was ist geschehn,
Was zwingt die Fliehenden, stillzustehn,
Was zwingt uns, leiser und leiser zu sein?
Oh, endliche Welt mit endlicher Pein!
Du kreisest nur um ein kleines mehr,
Dann stehst auch Du, und der Kelch ist leer.
Wir tranken ihn aus, das Herz wird weit
Und ergibt sich dem Raum und entrückt sich der Zeit,
Das Ohr verschließt sich jedem Laut,
Das Auge senkt sich, die Seele schaut -
Die Seele! Ist sie denn noch da
Nach allem, was uns am Leibe geschah,
Nach allem, was sie mit angesehn,
Hat sie noch Kraft, aufzuerstehn?
Macht das des Mondes milder Schein?
Den müden Händen entfällt der Zügel,
Die Pferde schlafen, noch gehend, ein,
Und sie entfaltet die bebenden Flügel,
Und unser Leib hört auf zu sein.

(aus: Vera v. Sass:
Der Springbrunnen, Lyrik und Prosa aus baltischem Schrifttum der Gegenwart; 1953)

 

    Trauminsel


Ich möchte einen Rock aus Bast
Und Blumen in mein Haar,
Möcht wohnen in dem Sonnenglast
Der Insel Wunderbar.

Möcht liegen in dem heißen Sand
Am blauen, blauen Meer,
Die Wogen rollen weißen Brand
Zu meinen Füßen her.

Mein Liebster tauchte in die Flut,
Korallen bracht er mir,
Wie schaukelt auf der Brust mir gut
Des Meeres rote Zier!

Mein brauner Liebster hat den Schild
Der Krieger abgelegt,
Er liebt mich, ungestüm und wild,
Nun liegt er unbewegt,

Nun schläft er nach dem süßen Spiel
So köstlich und entspannt,
Mein Auge wandert ohne Ziel
Bis an den fernsten Rand,

Wo blaues Meer und blauer Raum
In eins verschmolzen sind,
Wo jeder Wunsch wie Traum und Schaum
Verweht, zergeht, zerrinnt.

Der Kokospalme schlanker Mast
Strebt immer himmelwärts,
Ich - möchte einen Rock aus Bast
Und möcht ein Südseeherz,

Ich möcht vergessen, wer und wo
Ich bin und jemals war,
Ein Kind der Insel Immerfroh
Mit Blumenschmuck im Haar!
 

aus: Vera v. Sass, Hrsg.:
Der Springbrunnen, Lyrik und Prosa aus baltischem Schrifttum der Gegenwart; 1953
 
Diese beiden Gedichte ("Apokalypse" und "Trauminsel") wurden in dem oben genannten Buch veröffentlicht.
Es enthält Gedichte sowohl von bekannten als auch von unbekannten Künstlern.
Ebba-Margareta von Freymann war in diesem Buch mit zwei außergewöhnlichen Gedichten vertreten.

Die Familie befand sich im Februar 1945 in Mecklenburg, als sie "Apokalypse" zu Papier brachte.
Sie schrieb dieses Gedicht aufgrund von Erzählungen,  die ihr Flüchtlinge mitgeteilt hatten.

Mir erscheint "Apokalypse" dennoch so, als wäre sie selber dabei gewesen.
Ein fesselndes Gedicht, bei dem mir die Tränen kamen, als ihre Tochter es uns vorlas.

Sie sah die Ereignisse des Krieges auf sich zukommen und sie versuchte ihre Ängste in ihren Gedichten zu verarbeiten.

Betrachtet man nun ihr Gedicht "Trauminsel", so erscheint es dem Leser, dass dieses Gedicht nicht von ein und der selben Person stammt.

Das Beeindruckende ist, dass sie es schrieb, als sie als Flüchtlinge lebten und es der Familie wirklich schlecht ging. Die Familie hungerte und lebte im Elend.
Doch Ebba-Margareta verlor die Hoffnung nicht und stand ihrer Familie treu zur Seite. Ihre Tochter erzählte uns, dass sie während dieser ganzen Zeit immer optimistisch und nie mutlos erschien.

Bei beiden Gedichten sieht man die Spannweite ihrer Kreativität.

 


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