aus: Vera v. Sass (Hrsg.):
Der Springbrunnen, Lyrik und Prosa aus baltischem Schrifttum der Gegenwart; 1953
 

           Apokalypse


Wir sind das verfluchte Geschlecht der Trecker,
Der hungernden, frierenden, siechen Verrecker;
Wir sind die Sippe der Heimatlosen,
Von Haus und Hof ins Nichts gestoßen;
Wir fahren und fahren über Land,
Nirgends willkommen, nirgends gekannt,
Hinter uns Chaos und Angst und Tod,
Vor uns Verwirrung und grausame Not.

Wir fahren an tausend Toden vorbei,
An aufgedunsenen Pferdeleibern,
An toten Kindern, an Männern, an Weibern,
Und hie und da steigt noch ein Schrei -
Wir halten nicht, wir dürfen nicht weilen,
Uns selbst wird das Schicksal demnächst ereilen,
Da - Tiefflieger! Also hinein in den Graben,
Bevor sie uns alle vernichtet haben,
Und wenn sich das höllische Kreischen verlor,
Kriechen wir dreckig wieder hervor.

Wir sitzen zu viert auf unserem Wagen,
Ein Mann, an dem ist nur Haut und Bein,
Eine Frau und ein blasses Jungfräulein
Und ein Kind mit geschwollenem Hungermagen.
Wir waren vom Anfang an wohl mehr,
Je nun, es hat sich manches begeben,
Wer kümmert sich denn um das bißchen Leben?
Wer nimmt noch den Tod seines Nächsten schwer?
Ein Alter starb an seinem Gebrest,
Einer kreißenden Frau gab das den Rest;
Wir konnten sie freilich nicht bestatten,
Weil wir dazu die Zeit nicht hatten.
Sie liegen irgendwie, irgendwo,
Ganz ruhig - das Totsein geht auch so.

Die Straßen lang, in Gräben und Gossen
Werden zuweilen die Leichen beschossen -
Des lachen sie nur, die Kleinen und Großen,
Die vielen friedlichen, namenlosen.
Wir können nicht lachen, wir sind noch am Leben,
Der Feind kann uns jeglicher Qual übergeben,
Der Angst und dem Jammer, dem Haß und der Not;
Noch hassen wir selber, noch sehen wir rot,
Noch pocht das verzweifelnde Blut in den Adern,
Noch müssen wir weiterkämpfen und -hadern,
Noch - aber stille, der Abend naht
Auf samtenen Füßen dem steinigen Pfad.

Und wie ist's möglich, was ist geschehn,
Was zwingt die Fliehenden, stillzustehn,
Was zwingt uns, leiser und leiser zu sein?
Oh, endliche Welt mit endlicher Pein!
Du kreisest nur um ein kleines mehr,
Dann stehst auch Du, und der Kelch ist leer.
Wir tranken ihn aus, das Herz wird weit
Und ergibt sich dem Raum und entrückt sich der Zeit,
Das Ohr verschließt sich jedem Laut,
Das Auge senkt sich, die Seele schaut -
Die Seele! Ist sie denn noch da
Nach allem, was uns am Leibe geschah,
Nach allem, was sie mit angesehn,
Hat sie noch Kraft, aufzuerstehn?
Macht das des Mondes milder Schein?
Den müden Händen entfällt der Zügel,
Die Pferde schlafen, noch gehend, ein,
Und sie entfaltet die bebenden Flügel,
Und unser Leib hört auf zu sein.

 

 

 

   Trauminsel


Ich möchte einen Rock aus Bast
Und Blumen in mein Haar,
Möcht wohnen in dem Sonnenglast
Der Insel Wunderbar.

Möcht liegen in dem heißen Sand
Am blauen, blauen Meer,
Die Wogen rollen weißen Brand
Zu meinen Füßen her.

Mein Liebster tauchte in die Flut,
Korallen bracht er mir,
Wie schaukelt auf der Brust mir gut
Des Meeres rote Zier!

Mein brauner Liebster hat den Schild
Der Krieger abgelegt,
Er liebt mich, ungestüm und wild,
Nun liegt er unbewegt,

Nun schläft er nach dem süßen Spiel
So köstlich und entspannt,
Mein Auge wandert ohne Ziel
Bis an den fernsten Rand,

Wo blaues Meer und blauer Raum
In eins verschmolzen sind,
Wo jeder Wunsch wie Traum und Schaum
Verweht, zergeht, zerrinnt.

Der Kokospalme schlanker Mast
Strebt immer himmelwärts,
Ich - möchte einen Rock aus Bast
Und möcht ein Südseeherz,

Ich möcht vergessen, wer und wo
Ich bin und jemals war,
Ein Kind der Insel Immerfroh
Mit Blumenschmuck im Haar!
 
 
 
 


Diese beiden Gedichte wurden in dem oben genannten Buch veröffentlicht.
Es enthält Gedichte sowohl von bekannten als auch von unbekannten Künstlern.
Ebba-Margareta von Freymann verwirklichte sich in diesem Buch mit zwei außergewöhnlichen Gedichten.

Die Familie befand sich im Februar 1945 in Mecklenburg, als sie "Apokalypse" zu Papier brachte. Sie schrieb dieses Gedicht aufgrund von Erzählungen,  die ihr Flüchtlinge mitgeteilt hatten.

Mir erscheint "Apokalypse" dennoch so, als wäre sie selber dabei gewesen.
Ein fesselndes Gedicht, bei dem mir die Tränen kamen, als ihre Tochter es uns vorlas.

Sie sah die Ereignisse des Krieges auf sich zukommen und sie versuchte ihre Ängste in ihren Gedichten zu verarbeiten.

Betrachtet man nun ihr Gedicht "Trauminsel", so erscheint es dem Leser, dass dieses Gedicht nicht von ein und der selben Person stammt.

Das Beeindruckende ist, dass sie es schrieb, als die Familie treckte und es ihnen zu dem Zeitpunkt wirklich schlecht ging. Die Familie hungerte und lebte im Elend.
Doch Ebba-Margareta verlor die Hoffnung nicht und stand ihrer Familie treu zur Seite. Ihre Tochter erzählte uns, dass sie während dieser ganzen Zeit, immer optimistisch und nie mutlos erschien.

Bei beiden Gedichten sieht man die Spannweite ihrer Kreativität.
 



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