"Die Sache mit den Weihnachtsmännern" 

von Wolfram Hänel

Erzähle weiter!           (ab S. 89)

Abdruck mit freundlicher Genehmigung vom Verlag
...
,Komisch’, dachte ich, ,was haben denn drei Weihnachtsmann-Kostüme in der Mülltonne zu suchen?’
In dem Moment kam Snake-Paul die Einfahrt raufgelatscht. ,Nicht der schon wieder’, dachte ich.
„Hi, Prinzessin!", rief er. „Was suchst du denn schon wieder in den Mülltonnen?"
,Soll ich es ihm erzählen?’, fragte ich mich. „Guck mal, hier in der Tonne sind drei Weihnachtsmann-Kostüme", sagte ich zu ihm. Er guckte in die Tonne und dann verschlug es ihm für einen Moment die Sprache.
„Mann, Prinzessin", stieß er hervor, „was hast du denn für einen tollen Fund gemacht?"
Ich schwieg. „Weißt du, was das bedeutet?"
„Nee", sagte ich. „Vielleicht wollten sich ein paar Leute als Weihnachtsmänner verkleiden?", schlug ich vor.
„Quatsch", sagte Snake, „du, ich glaub’, wir haben da etwas ganz Großartiges gefunden." „Ich!", fügte ich hinzu.
„Ja, ja", knurrte er, „treffen wir uns nun heute Abend?"
„Was, heute Abend? Aber heute ist doch Weihnachten!", sagte ich verwundert.
„Oh Mann!", er rollte mit den Augen. „Du weißt doch: 24.12., Gehaplatz 11 Uhr!"
„Ach so", mir ging ein Licht auf, „o.k., aber ich muss erst meine Eltern fragen, ob sie mich so spät noch rauslassen."
„Bist du verrückt?", zischte er. „Mach das bloß nicht. Schleich dich heimlich um, sagen wir, halb 11 aus dem Haus, wir treffen uns dann um viertel vor 11 am Gehaplatz."
„Abgemacht", sagte ich, aber dabei kam ich mir ziemlich blöd vor.

Wenn das die Kinder aus meiner Klasse wüssten!

Zu Hause kriegte ich kaum einen Bissen von dem leckeren Weihnachtsessen hinunter. Ich war zu aufgeregt! Als wir endlich fertig waren mit dem Essen, sagte meine Mutter: „So, Charlotte, jetzt darfst du deine Geschenke auspacken."
Ich lief ins Wohnzimmer, um gleich anzufangen. Ich bekam: 

Tausende von Büchern (bäh, wie soll ich die jemals durchkriegen?),
einen Kalender für’s neue Jahr,
eine CD von den Scorpions (würg),
einen neuen Füller,
ein ganz tolles Portmonee,
ein Video und und und...
Als ich alle meine Geschenke genau angesehen hatte, sagte ich zu meinem Vater: „Ich gehe jetzt ins Bett."
„Was, schon? Es ist doch erst viertel vor 10!"
„Ja, aber ich bin heute so müde." Ich gähnte.
„Na gut, ich will dich ja nicht aufhalten."
Ich sagte meiner Mutter ,Gute Nacht’ und ging in mein Zimmer.

So, jetzt musste ich sehen, wie ich die Zeit rumkriegte! Erst mal spielte ich ein bisschen Game Boy, aber bald hatte ich dazu keine Lust mehr.
Dann malte ich ein bisschen. Plötzlich sah ich den Zettel auf meinem Schreibtisch, den mit der geheimen Nachricht. Ich schrieb aus Langeweile die Auflösung darunter.
,Oh schitt’, dachte ich, als ich auf die Uhr guckte, ,gleich ist es halb 11!!’
Ich war so in Eile, dass ich vergaß, den Zettel zu verstecken. Schnell stopfte ich mir ein paar Gummibärchen und meinen Schlüssel in die Hosentasche und öffnete das Fenster. ,Gut, dass wir im Erdgeschoss wohnen’, dachte ich und kletterte hinaus. Ich kaute nervös an einem Gummibärchen herum. ,So, noch ein paar Minuten, dann bin ich da’, dachte ich und sah auf meine Uhr; zwanzig vor 11 war es schon!
,Endlich’, dachte ich, als ich mich in einem Gebüsch dicht neben der Bank verkroch.
Jemand tickte mich von hinten an - ich zuckte zusammen und drehte mich um. Es war Snake!!
„Da bist du ja endlich! Ich sitze hier schon seit einer Ewigkeit rum", flüsterte er.
„Ich kann ja nichts dafür, wenn du so früh kommst", flüsterte ich zurück.
Am liebsten wäre ich aufgestanden und nach Hause gegangen, aber dafür war es jetzt zu spät. Es war kurz vor 11!
Jetzt......11 - nichts geschah......
Kurz nach.... - Stille....
Ich gehe jetzt!", verkündete ich genervt.
„Nein, Prinzessin, noch 10 Minuten." „O.K.", sagte ich.

3 Weihnachtsmännermützen

Und da sah ich es plötzlich: Etwas Rot-Weißes kam um die Ecke gebogen!!!
Nein - gleich drei rot-weiße Gestalten! Ich schnappte nach Luft, als sie näherkamen. Es waren drei Weihnachtsmänner!
„Snake, Snake", flüsterte ich aufgeregt, „schau mal da drüben!"
„Unglaublich", rief er leise, „ich glaube, das sind die Bankräuber!"
Wir hielten den Atem an, als sie sich der Bank näherten und versuchten, das Schloss aufzuknacken. Snake wollte gerade aus dem Gebüsch springen, da hörten wir plötzlich ein Auto näherkommen, das genau vor unserem Strauch anhielt. Die Autotür Taschenlampe    ging auf und ein Polizist kam heraus. Er leuchtete die drei Weihnachtsmänner mit einer Taschenlampe an.
„Hände hoch", rief er mit hervorgestreckter Pistole, als er das aufgeknackte Schloss sah.
„Gute Tarnung", spottete der Polizist.

Erst da bemerkte ich meine Eltern, die sich suchend umblickten.
„Hi, Mama", sagte ich und kam aus dem Gebüsch hervor.
„Charlotte", riefen meine Mutter und mein Vater wie aus einem Munde, „was hast du dir dabei gedacht, mitten in der Nacht wegzulaufen?" „Es tut mir leid", sagte ich.
Da kam Paul aus dem Gebüsch: „Entschuldigung, aber ich habe Charlotte hierher geschleppt, weil wir einen Zettel in der Mülltonne gefunden haben, auf dem stand: „..."
„Ja ja: 24.12.Gehaplatz 11 Uhr."
„Woher wussten Sie das?", fragte Snake meine Mutter.
„Darf ich kurz unterbrechen?", meinte der Polizist. „Ich muss die drei „Weihnachtsmänner" jetzt aufs Revier bringen."
„Klar", sagte meine Mutter und wir stiegen alle mit ins Polizeiauto. Auf der Fahrt erzählte meine Mutter, dass sie noch einmal nach mir sehen wollte und das Zimmer leer vorgefunden habe. Dann habe sie den Zettel gesehen, auf dem die Auflösung für den Zahlen-Code stand.
Schnell hätten sie die Polizei geholt und wären mit hierher gefahren. Der Wagen hielt.
„So, alles aussteigen", sagte der Polizist. Wir stiegen einer nach dem anderen aus dem Auto.
„Tschüss", rief der Polizist, „und danke für eure Hilfe!" Dann fuhr der Wagen weg.

„Tschau", sagte Snake, „ich muss gehen!" Ich winkte ihm nach.

,Eigentlich ist er ja gar nicht so übel’, dachte ich.

Brille
Anna