Prosa-Miniaturen - Inhalt An den Türpfosten gelehnt

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Literarische Spurensuche in Ihlow/Ostfriesland: Anne Galle

Prosa-Miniaturen

Mein weißes land

Ich besitze ein kleines land an der küste. Eigentlich mehr eine felsklippe. Im winter ist es manchmal vom meer überspült. Im sommer kommen die gäste. Dann sagt der liebenswerte oberkellner: es ist weiß vor menschen. Und ich kann nicht hinauf.

Wenn die gäste abgereist sind, ist das land wieder grau. Dann darf ich es betreten. Vorausgesetzt ich war den sommer lieb und brav. Bin nicht unangenehm aufgefallen, habe keinen belästigt, keinen angelogen. Die milch nicht verschüttet. Alle fenster gezählt. Kein klopapier verschwendet. Keinem mann in die augen geschaut oder durch die hosen. Danke vielmals gesagt für jedes bonbon. Jeden samstag meine schubladen aufgeräumt. Den vater nach der züchtigüng umarmt, denn wer sein kind liebt, der züchtigt es.

Wenn das land grau ist, suche ich meine höhle. Sie ist heimelig warm. Aber davor steht der vaterdrache und spielt mit seinem drachenkind das drama von schuld und versöhnung. Wenn sie mich entdecken, fressen sie mich. Ich warte und verstecke mich, bis ich unbemerkt hineinschlüpfen kann. Ich bin geübt im warten und verstecken.

Copyright: Anne Galle, Aurich

Interview Interview

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