Meine Generation Kurzgeschichten - Inhalt 

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Literarische Spurensuche in Ihlow/Ostfriesland: Anne Galle
Kurzgeschichten

Mein Erbe

Es lag hingefläzt am Fußende des Bettes, döste vor sich hin. Ich hütete mich, es zu wecken. Ich ging im Dunkeln ins Bett. Wenn es aufwachte, rollte es sich um meinen Hals, drohte mich zu erwürgen.

Während meine Brüder und ich den Haushalt der Eltern auflösten, war es lautlos auf meinen Arm geschlüpft. Vater lag krank und erschöpft im Pflegeheim. Mutter war bei ihm. Das Haus sollte verkauft werden.

Nach Vaters Tod begann es zu wachsen. Es klammerte sich an mich. Niemand außer mir durfte es berühren. Als mein Liebster mich besuchte, fauchte es ihn an, spuckte auf seine Hosen. Mit seinen scharfen Krallen schlug es ihm blutende Wunden ins Bein. Abends hüpfte es auf meine Schultern, ringelte sich um meinen Hals und verschwand erst morgens wieder. Manchmal besetzte es mich auch am Tage, saugte sich fest mit tausend Saugnäpfen. Ich ekelte mich und schrie vor Schmerz. An solchen Tagen konnte ich meine Wohnung nicht verlassen. Ich mußte im Büro anrufen, mich krank melden. Wenn der Schmerz nachließ, raunte es mir längst vergessene Geschichten ins Ohr.

Ich höre meine Schritte auf der Treppe. Ich klopfe erwartungsvoll an Vaters Zimmertür. Vater sagt: "Stell dich hier in die Ecke und warte, bis ich mit dir rede."

Die Standuhr tickt laut.

"Habe ich jetzt genug gewartet, Vater?" "Sei still!"

"Habe ich etwas falsch gemacht?"

Vaters Gesicht schwillt rot an: "Du bist vielleicht ein freches Biest. Du sollst doch nicht mit Jungen spielen!" "Kurt und Paul spielen auch mit Jungen." Vater greift nach mir: "Du freche Göre! Ich leg dich übers Knie! Du sollst-ge-hor-chen!"

Ich hatte gehofft, wenn Vater da wäre, zurück aus dem Krieg, dann werde alles gut. Keine Bomben mehr, vor denen wir in den Keller flüchten. Keine Angst, kein Hunger, keine Spelzensuppe. Einer, der mit uns spielt. Mutter hatte prophezeit, wenn Vater zurückkommt, dann wird das Leben richtig schön. An meinem vierten Geburtstag zieht sie ein zartblaues besticktes Seidenjäckchen mit Daunenumrandung aus der Schublade. Das hat Vater aus Paris für mich geschickt. Ich darf es anziehen. Ich bin selig. Ich stelle mir vor, wie in Paris alle Kinder in schönen Kleidern an der Hand ihres Vaters spazierengehen.

Einige Tage nach meinem sechsten Geburtstag kommt Vater aus dem Krieg zurück. Ich habe ein dickes Stück Geburtstagskuchen vom Mund abgespart für ihn. Mutters Nußkuchen, das beste, was es gibt. Vater humpelt auf zwei Krücken ins Wohnzimmer herein, setzt sich auf die Couch und streckt ein Bein von sich weg. Wo ist Mutter? fragen bitter seine schmalen Lippen. Großmutter kommt aus der Küche gerannt, erklärt, daß Mutter mit dem Bus losgefahren ist, ihn abzuholen. Er ißt keinen Bissen, bis Mutter kommt, weder Brot noch Kuchen. Iß deinen Kuchen selbst, sagt er grimmig und stellt den Kuchenteller auf den Fußboden.

Sonntagmorgen, ein trüber Herbsttag, der Tag vor meinem Geburtstag. Ich hatte mich darauf gefreut, im Bett zu frühstücken, hatte Fruchtsaft, Schwarzbrot, Ei, Kaffee und Nußkuchen im Picknickkorb neben das Bett gestellt. Da war es schon wieder. Es kroch an mir hoch, legte sich um meinen Hals. Schon spürte ich seine Saugnäpfe. Ich riß an seinem feisten glatten Leib. Mit aller Kraft rettete ich mich aus dem Bett. Das Wesen blieb fauchend zurück und starrte mich feindselig an. Es bekam keinen Krümel von mir.

Vater trug einen schneidigen Ledermantel, wenn er auf Heimaturlaub kam und eine Offiziersmütze. Er erzählt den staunenden Frauen im Haus, Mutter, Großmutter und Kindermädchen, wie mutig er mit den stupiden Vorgesetzten umgeht. Wenn er abreist, steht den Frauen das Wasser in den Augen.

Als er aus Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt ist, flucht er auf seine Krücken und wirft sie unterwegs in den Straßengraben. Mutter holt sie stillschweigend heraus. Als er wieder ohne Krücken gehen kann, drillt er seine Kinder. Vor allem an Ferientagen und sonntags müssen wir morgens früh um sieben in Sportkleidung im Wohnzimmer erscheinen, die Brüder und ich. Damit wir nicht auf dumme Gedanken kommen. Liegestütze, hoch, runter, hoch, runter, und zehnmal das ganze, und Knie beugen, auf, ab. Abends, auch im Winter, barfuß durch den Garten laufen, zack zack. Er gibt die Kommandos, wir spuren.

Eines Nachts werde ich von Schlägen geweckt. Ich reiße die Augen auf. Zu Tode erschrocken schließe ich sie wieder, stelle mich schlafend. Mutter steht am Fußende meines Kinderbettes und blickt bekümmert auf mich nieder. Vater zieht meine Hände weg aus der Wärme zwischen meinen Beinen. Schlägt auf meine Hände. Das Nachthemd, das mir bis zum Hals gerutscht ist, zerrt er über mein Bauch und meine Beine, zieht die Bettdecke darüber. Hände auf die Bettdecke! zischt er. Vater und Mutter setzen ihre Runde fort zum nächsten Bett. Hände auf die Bettdecke! Warum erzählte es mir all diese vergessenen Geschichten? Es kannte die Ereignisse, als sei es dabeigewesen.

Nach dem Bad heute Abend ließ ich es auf mein Kopfkissen. Ich deckte es mit einem Handtuch zu. Es durfte nicht zuschauen, nicht mucksen, nur dabeisein. Meine Hände glitten unter der Daunendecke über meinen Bauch zu der feuchten, zarten Haut zwischen den Beinen. Ich spürte, was mir gut tat. Meine tastenden Fingerkuppen befreiten.

Im Sommer danach wünschte Mutter, daß ich an Vaters Geburtstag sein Grab mit ihr besuchte. Sie drückte mir die Gießkanne in die Hand. Die Tagetes brauchten Wasser. Ich sollte die verwelkten Blüten abzwacken. Mutter konnte sich nicht mehr bücken. Rasch wandte ich mich von einer Blüte zur anderen. Hier noch eine und da noch. Meine Beine begannen zu tanzen. Auf Vaters Grab war es eine Lust zu leben.

Heute Nacht hat es geweint. Ich wachte auf von seinen Tränen. Mein Hals, meine Schultern, Brust und Achseln waren naß von seinen Tränen. Dies war sein Abschied von mir. Mein Abschied von ihm.

Copyright: Anne Galle

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