Kurzgeschichten - Inhalt Mein Erbe

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Literarische Spurensuche in Ihlow/Ostfriesland: Anne Galle
Kurzgeschichten

Meine Generation


 Wir sind die, die im Zweiten Weltkrieg noch Kinder waren, vier, fünf, sechs oder sieben Jahre alt. Da waren viele Flugzeuge am Himmel, mehr als Autos in unserem Dorf. Wir unterschieden an den Geräuschen der Flugzeuge und an den Umrissen, sie eine Bombe im Bauch hatten oder Aufklärer oder nur Postflugzeuge waren. Oft guckten wir zum Himmel. Mein Bruder, zwei Jahre älter als ich, hatte am meisten Respekt vor den Aufklärern. Die Postflugzeuge könnten die Feldpost bringen, da wäre Mutter wieder einmal froh. Vor den Bombern und den Tieffliegern hatten wir Angst.

Einmal hatten Tiefflieger einen Bauern beim Pflügen zerfetzt. Mutter übte mit den Schulkindern die Beerdigungslieder. Das ganze Dorf hatte Angst, daß bei der Beerdigung wieder ein Angriff erfolgen könnte.

Oft saßen wir Tage und Nächte im Keller, die Luken mit schweren Decken verhängt. Die Erwachsenen auf Stühlen, auch in der Nacht, sie redeten nur leise. Das halbe Dorf in unserem Keller. Wir Kinder schliefen auf Holzpritschen, drei Etagen übereinander.

Eine kleine Puppe aus Stoffresten liegt neben mir, die ist weich. Klein und weich, die Pritsche schmal und hart. Manche Mütter halten ihre Kinder auf dem Schoß. Weil ich über vier Jahre alt bin, bin ich schon zu groß für Mutters Schoß. Sie hat gerade mal Platz für die beiden jüngsten.

Einmal schreit eine Frau und trommelt mit ihren Fäusten gegen die Wand. Mutter sagt, sie soll sich vor den Kindern nicht so gehenlassen. Darin hören wir lautes Krachen. Lauter als Donnerschlag. Fensterscheiben klirren oben im Haus. "Das sind die Bomben!" sagen die Erwachsenen. Großmutter sieht nach, was geschehen ist. Wir haben Glück gehabt, und das Haus steht noch. Nur die Küchenfenster sind zerbrochen.

Ungefähr ein Jahr später kommt Vater aus der Kriegsgefangenschaft zurück, mit durchschossenem Bein und zwei Krücken. Er will sich nichts erzählen lassen. Will nicht wissen, was seine Kinder in seiner Abwesenheit erlebt haben. Die wirklich erzählenswerten Ereignisse passierten ja an der Front. Die gibt er zum besten, wenn Gäste da sind, selten.

Jetzt weht wieder ein anderer Wind. Wer nicht hören will, muß fühlen. Ich kriege eine Tracht Prügel oder werde in den Keller gesperrt, bis ich lieb bin. Wir haben gelernt zu schweigen. Und uns zu ducken. Für lange Zeit.

Copyright: Anne Galle

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