Mein weißes Land  

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Aus dem Interview mit Anne Galle

Wir haben uns mit dem Text Mein weißes Land beschäftigt, und die erste Frage, die wir uns gestellt haben, war, ob das weiße Land ein Ort ist, den es wirklich gibt. Wir haben uns gefragt, ob das vielleicht eine der ostfriesischen Inseln sein könnte.

Ja, könnte durchaus. Ich kenne eigentlich alle ostfriesischen Inseln, und ich finde Inseln eigentlich immer faszinierend. Diese Abgeschlossenheit, diese Situation der Abtrennung vom Festland und auch dieses Umspültsein vom Meer, das hat mich schon sehr fasziniert. Ich habe mich jetzt aber nicht festgelegt auf eine der ostfriesischen Inseln, es kann auch irgendwo eine andere Insel sein, die im Meer liegt oder vom Meer umspült ist. Es kam mir auf die Inselsituation an. Es muss keine bestimmte Insel sein. Die Insel ist hier auch eine Art Bild für das eigene Ich. Für das, was sich im Inneren des Ich abspielt. Es gibt im eigenen Inneren manches, was bewusst ist und manches was nicht bewusst ist.Und aus all dem setzt sich das Ich zusammen.

Sind Sie selbst die Ich-Erzählerin des Textes?

Da muss ich erst einmal etwas Grundsätzliches sagen. Wenn ein Erzähler oder eine Erzählerin einen Text in der Ich-Form schreibt, dann heißt das nicht, dass sie das alles erlebt haben muss. Dann ist das ein literarisches Stilmittel, und das wendet man oft an, wenn man eine Unmittelbarkeit, eine Direktheit erreichen will. Diese Ich-Form hat ja oft auf den Leser die Wirkung, dass er selber auch Ich sagen kann, also dass er sich leicht in diese Situation versetzen kann. Es gibt Erzähler, die sehr gern in der Er- oder Sie-Form schreiben, in der dritten Person. Ich mach’s eben gern in der Ich-Form, aber auch nicht bei allen Texten.

Warum verbietet der Vater der Ich-Erzählerin, zu den Touristen zu gehen? Schämt er sich für sein Kind oder fürchtet er, dass sie sexuellen Kontakt zu den Leuten aufnimmt?

Ich denke beides. Das Sich-für-sein-Kind-Schämen hat auch ganz viel mit den Erziehungsprinzipien meiner Elterngeneration zu tun. Die hatten immer die Sorge, dass ihr Kind sich daneben benimmt, dass es sich in der Öffentlichkeit falsch verhält und dass das dann als Blamage auf die Familie zurückfällt. Diese Schämen, das ist dabei, ja. Und das mit der Furcht um den zu frühen sexuellen Kontakt des Kindes, das spielt auch ganz eindeutig eine Rolle.

Warum heißt der Text Mein weißes Land, wenn sie das Land gar nicht betreten darf?

Das hat mit den weißen Flecken auf der geografischen Landkarte zu tun. Wir hatten im Erdkundeunterricht in der Grundschule - da kann ich mich ganz deutlich erinnern -geografische Karten, da waren weiße Flecken drauf. Und das stand für unerforschtes Land, da war noch keine Expedition hingekommen, das war noch nicht vermessen das Land. Man wusste nicht, wie es da aussieht, und dieses Bild von dem weißen Fleck auf der Landkarte, das benutze ich hier für das Ich. Also das Ich des Kindes kennt sich selber noch nicht. Da ist diese übertragene Bedeutung drin.

Für wen stehen der Vaterdrache und das Drachenkind?

Dieses kleine Ich, also dieses Ich des Kindes, das ja sich selber noch nicht so richtig kennt, aber nach Wärme und Geborgenheit sucht, das kann so ohne Weiteres diese Geborgenheit nicht erreichen, denn da ist noch eine Vaterfigur – auch der Vaterdrache ist ja eine Vaterfigur. Das Drachenkind - ich denke, das steckt ja auch in dem Wort drin, das ist wie eine Miniatur-Ausgabe des Vaters. Also das ist auf der Seite des Vaters. Das verstärkt diese Verbotsmacht, die der Vater hat. Der Text zeigt die Schwierigkeit des Kindes, zu sich selbst zu finden. Und das ist die Schwierigkeit, die Kinder meiner Generation hatten.

Uns ist aufgefallen, dass Sie in vielen Ihrer Texte alles klein schreiben, nur die Satzanfänge groß. Warum machen Sie das?

Das hat mit meiner Liebe zu den Wörtern zu tun. Ich finde Kleinschreibung einfach unheimlich spannend. Das hat mich schon immer fasziniert. Man muss einfach mehr raten an dem Text. Der Text ist offener für mein Empfinden, wenn alles klein geschrieben ist. Dann muss ich überlegen, ob ein Wort die oder die Bedeutung hat. Zum Beispiel wenn man Substantive klein schreibt, dann wirken sie erst mal wie Adjektive oder Verben, schon von der Schreibweise her, und dann muss man einfach mehr darüber nachdenken, was nun gerade in dem Zusammenhang die Bedeutung ist. Das fand ich schon immer spannend, find es auch heute noch spannend. Aber ich hab dann trotzdem einen großen Teil meiner Texte an die heutige Schreibweise angeglichen, weil man sie sonst nicht gedruckt bekommt. Aber ich schreibe immer noch gerne alles mit kleinen Buchstaben. Die Satzanfänge, das ist klar, dass man die groß schreibt.

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