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Literarische Spurensuche in Ihlow/Ostfriesland: Anne Galle
Interview mit Anne Galle
Aus dem Interview mit Anne Galle vom 24.5.2000
 Warum sind Sie damals nach Ostfriesland gekommen?

Ich war damals ganz normale Lehrerin und hatte schon sieben Jahre Berufserfahrung.an einer ganz normalen Schule. Doch ich wollte gerne mal an einer Gesamtschule arbeiten. Da bot sich Niedersachsen an, weil Niedersachsen zu dem Zeitpunkt bereits sehr viele Gesamtschulen hatte, immerhin 15. Das Bundesland, aus dem ich kam, hatte eine einzige, und da hatte ich eigentlich keine Chance hinzukommen. Da wollten viele hin, und da war die Warteliste, ehe ich selbst die Idee bekam, bereits bei 200 Kollegen: Also das könnt ihr euch ausrechnen, da hätte es mindestens 10 Jahre gedauert, bis ich eine Stelle bekommen hätte. Ich hätte natürlich auch an der Normalschule bleiben können, wo ich war, aber ich wollte auch gerne mal Gesamtschulerfahrung sammeln, und das hat mich nach Ostfriesland gebracht. Ich lebe also seit 1974 in Aurich. Das war der Zeitpunkt, wo ich zur Gesamtschule gegangen bin. Ich war damals in meinem 35. Lebensjahr.

 

Anne Galle im Gespräch mit Schülern
Warum haben Sie Ihre Arbeit als Lehrerin aufgegeben?

Ich hatte schon eine ganze Weile sowohl als Lehrerin als auch als Schriftstellerin gearbeitet, ungefähr seit 1981. Bis 1994, also fast 14 Jahre lang habe ich diese Doppeltätigkeit gehabt, Lehrerin und schriftstellerische Tätigkeit. Ich habe dann auch als Lehrerin reduziert, das konnte man glücklicherweise damals schon. Ich hab also weniger Stunden gegeben, damit ich Zeit hatte zum Schreiben. 1992/93 habe ich ein Urlaubsjahr gemacht, um einfach mal zu sehen, wie das ist, wenn ich nur Zeit zum Schreiben habe, und das war eine ganz interessante Erfahrung. Ich habe sehr viel lernen können in dem Jahr, weil ich Zeit hatte, Fortbildungsseminare zu besuchen. Dann kam 1994 bei mir eine Erkrankung, die so langwierig war, dass ich von mir aus gesagt habe, ich sehe noch kein Ende, wann ich je wieder ganz gesund bin. Mein Hausarzt wusste auch nichts Besseres, und der hat dann für meine Pensionierung gesorgt. Dann ging’s mir auch einige Jahre gesundheitlich überhaupt nicht gut, aber jetzt hab ich mich mittlerweile so weit berappelt, dass ich immerhin schriftstellerisch arbeiten kann. Ich denke, Schule kommt nicht mehr in Frage, denn ich bin ja jetzt auch schon in meinem 61. Lebensjahr, dann muss Schule nicht unbedingt sein. Das heißt nicht, dass ich nicht gerne Lehrerin gewesen bin!

Macht Ihnen die Arbeit als Schriftstellerin mehr Spaß als die der Lehrerin?

Das hält sich ungefähr die Waage. Aber bei der Arbeit als Lehrerin war immer das Problem, dass man eigentlich zu wenig Zeit hat, dass man oft das Gefühl hat, du hast zu wenig Zeit für die Schüler, du hast zu wenig Zeit für die Elterngespräche, du hast zu wenig Zeit, deinen Unterricht gut vorzubereiten. Das Problem habe ich jetzt nicht mehr, ich schreibe jetzt das an Texten, was ich möchte, oder ich beschäftige mich mit den Themen, mit denen ich mich beschäftigen möchte. Und das ist natürlich eine gewisse Erleichterung.

Wie lange waren Sie an dieser Schule?

Recht lange, 12 Jahre. Die Hermann-Tempel-Schule ist die Schule, an der ich am längsten in meinem Leben unterrichtet habe.

Was haben Sie unterrichtet?

Überwiegend Deutsch und Biologie, das waren meine Hauptfächer, und dann habe ich, weil ich immer Klassenlehrerin war, auch das unterrichtet, was in meiner Klasse fehlte, also z.B. Kunst, Religion, Geschichte, Erdkunde, was gerade so anfiel. Da musste ich mich natürlich einarbeiten. Aber meine Ausbildungsfächer sind Deutsch und Biologie.

Hat es Ihnen Spaß gemacht an unserer Schule?

Überwiegend ja, bis auf die kleinen Probleme, die es immer gibt.

Sie haben einige Geschichten geschrieben, die von Vätern handeln. Hatten Sie ein gutes Verhältnis zu Ihren Eltern?

Das ist schon eine ganz wichtige Frage, die auch zum Inhaltlichen der Texte führt. Das kommt jetzt sehr darauf an, aus welcher Perspektive man das betrachtet. Erstens ist es so, dass ich mich nicht nur mit diesem Thema beschäftige, aber es ist natürlich eines meiner Themengebiete, würde ich sagen. Und ihr habt euch jetzt ausgerechnet mit drei Texten beschäftigt, die das zum Thema haben.

Früher hatten die Eltern andere Erziehungsprinzipien als die Eltern heute. Was eure Eltern betrifft, nehme ich an, dass die ungefähr eine Generation jünger sind als ich, aber die Generation eurer Großeltern, die dürfte ungefähr so erzogen worden sein wie ich auch, das heißt also relativ streng gehalten. Es gab sehr viele Verbote, es gab wenig Verständnis für die Kinder. Die Kinder mussten bestimmte Vorstellungen erfüllen, die die Eltern hatten. Die Eltern haben sehr viel mehr bestimmt, sehr viel mehr in das Leben der Kinder reingeredet. Heute sagen Eltern oft, wenn es um eine Entscheidung geht, das musst du schon selber wissen oder mach das so, wie du das am besten findest, und erziehen ihre Kinder mehr zur Eigenständigkeit. In der Zeit, in der ich erzogen worden bin, war das doch generell so, dass die Eltern überzeugt waren, sie müssen den Willen des Kindes brechen. Sie dürfen den Kindern nicht zu viel Eigenwillen, nicht zu viel Eigeninitiative zugestehen. Es gab Erziehungsbücher in der damaligen Zeit, wo das sehr gut nachzulesen ist. Es war damals allgemein so, dass ein großer Teil der Eltern das Gefühl hatte, sie müssten ihre Kinder zum absoluten Gehorsam erziehen. Das war das A und O der Erziehung, und dazu haben sie auch natürlich alle möglichen drastischen Mittel eingesetzt. Wenn Schimpfen allein nicht half, dann haben sie auch geschlagen. Ich denke, das waren in meiner Generation schätzungsweise 90% der Eltern, die sich so verhalten haben, während es heute eher umgekehrt ist. Ich denke, heute sind es vielleicht noch 10% der Eltern, die sich so verhalten. Ich hab das natürlich auch im Laufe meiner Arbeit als Lehrerin bestätigt gefunden, es gibt immer noch Eltern, die ihre Kinder so erziehen, wie die Generation meiner Eltern das vor 60 Jahren getan hat. Und da ich diesem Problem immer wieder begegnet bin, auch bei heutigen Eltern, war das für mich schon ein wichtiger Anlass, solche Texte zu schreiben.

Wie kamen Sie überhaupt auf die Idee zu schreiben oder als Schriftstellerin tätig zu werden?

Die Idee kam eher zu mir als ich zu der Idee. Ich hab gar nicht groß nachgedacht über das Schreiben. Ich hab‘, soweit ich mich zurückerinnern kann, mein ganzes Leben lang geschrieben. Ich hab also schon im zweiten Schuljahr, nehm ich mal an, etwas aufgeschrieben, wenn ich dachte, das ist etwas, was ich nicht vergessen will. Und zwar hab‘ ich damals gerne Liedstrophen gemacht. Ich habe sehr gerne gesungen, und wenn ein Lied mir gefallen hat und es hatte nicht genug Strophen, dann hab ich mir einfach noch ein paar Strophen dazugedichtet, und damit ich die nicht vergesse, habe ich die aufgeschrieben. So fing das an. Und weil bei uns zu Hause fast alles verboten war, hab ich gedacht, Schreiben ist auch verboten, und hab‘ dann die Zettel mit den Strophen in die Strumpfschublade gesteckt, damit keiner sie findet. Und das hat auch funktioniert. Es hat keiner gemerkt, dass ich geschrieben habe. Für mich war das so etwas Selbstverständliches wie das Atmen, Essen und Trinken.

Irgendwann mit 40 hab‘ ich gedacht, also wenn du jetzt noch mal mit dem Schreiben auch Erfolg haben willst, dann solltest du versuchen, etwas zu veröffentlichen. Dann hab ich Autorenkreise aufgesucht, in denen man regelmäßig Texte mitgebracht hat, Texte besprochen hat mit anderen Autoren. Das war eine ganz wichtige Erfahrung, einmal zu sehen, die anderen können was anfangen mit den eigenen Texten, die verstehen die Texte, die sagen aber auch etwas Kritisches, womit man Texte noch verbessern kann. Gerade in dem Beruf muss man ganz viel von anderen lernen, also von Schriftstellern, die veröffentlicht haben, von welchen, die Zeitgenossen sind und selber schreiben und selber auch ihre eigenen Texte kritisch betrachten. Dieser Austausch, der ist dann ganz wichtig. Es gibt keine vorgeschriebene Ausbildung für den Beruf, aber wenn man Texte veröffentlichen will, dann müssen die schon eine gewisse Qualität haben, sonst werden sie nicht veröffentlicht. Man muss da einfach sehen, von wem man was lernen kann.

Irgendwann war dann meine Entscheidung, dass ich gedacht habe, meine Texte sind genauso gut wie andere und jetzt versuche ich es mit dem Veröffentlichen, und dann hat sich so dies und jenes ergeben. Ich hab‘ dann mal was an den Rundfunk geschickt, und es sind vom WDR in Köln einige Kurzgeschichten gesendet worden. Und ich hab mich an Ausschreibungen beteiligt. Dann ist was in Anthologien reingekommen. Anthologien, das sind solche Sammelbände, die meistens einen Themenbezug haben. Ja, und so kam dann allmählich eins zum andern.

Uns ist aufgefallen, dass Sie in vielen Ihrer Texte alles klein schreiben, nur die Satzanfänge groß. Warum machen Sie das?

Das hat mit meiner Liebe zu den Wörtern zu tun. Ich finde Kleinschreibung einfach unheimlich spannend. Das hat mich schon immer fasziniert. Man muss einfach mehr raten an dem Text. Der Text ist offener für mein Empfinden, wenn alles klein geschrieben ist. Dann muss ich überlegen, ob ein Wort die oder die Bedeutung hat. Zum Beispiel wenn man Substantive klein schreibt, dann wirken sie erst mal wie Adjektive oder Verben, schon von der Schreibweise her, und dann muss man einfach mehr darüber nachdenken, was nun gerade in dem Zusammenhang die Bedeutung ist. Das fand ich schon immer spannend, find es auch heute noch spannend. Aber ich hab dann trotzdem einen großen Teil meiner Texte an die heutige Schreibweise angeglichen, weil man sie sonst nicht gedruckt bekommt. Aber ich schreibe immer noch gerne alles mit kleinen Buchstaben. Die Satzanfänge, das ist klar, dass man die groß schreibt.

Als wir ihre Texte gelesen haben, hatten wir verschiedene Ausführungen und wir waren etwas verwirrt. Warum haben Sie Ihre Texte überarbeitet?

Also, das mit den Überarbeitungen ist so, das macht man natürlich selber, die macht kein anderer für einen. Es gibt verschiedene Gründe, warum ich den einen oder anderen Text überarbeitet habe. Das heißt, ich überarbeite eigentlich alle meine Texte mehrfach, und bei mir liegt ein Text auch meistens sehr lange, ehe er veröffentlicht wird. Also das können Jahre sein. Ich ändere ihn gelegentlich, wenn ich mit anderen darüber gesprochen habe, und jemand sagt mir, das ist an der Stelle etwas missverständlich, könntest du das vielleicht anders ausdrücken, die Stelle ist zu direkt oder zu deutlich, da muss der Leser nicht mehr nachdenken, lass die lieber weg. Das macht man in diesen Werkstattgesprächen, wo Autoren sich treffen.

Das ist das eine, aber dann gibt es auch noch andere Gründe, Texte zu ändern. Wenn eine Ausschreibung für eine Veröffentlichung eines Textes gerade so ist, dass jemand zu einem bestimmten Thema Texte haben will, und ich denke, der Text könnte vielleicht passen, aber er würde noch besser passen, wenn ich noch ein anderes Bild reinbringe, dann passt er noch deutlicher zum Thema. Das war bei diesem Text Mein weißes Land so, das haben einige von euch gelesen. Da war mal eine Ausschreibung, da ging es um das Thema Feuer, und eigentlich hatte der Text in seiner ursprünglichen Veröffentlichung mit Feuer nicht so viel zu tun, es kam auch nicht darin vor. Und da habe ich, damit es passt, diesen feuerspeienden Drachen reingesetzt. Dann passte es zum Thema und dann wurde es veröffentlicht. Also das sind auch Gründe! - Und dann hat er mir auch besser gefallen, das Bild passte in das Gesamte rein. Also der Drache war vorher schon drin, nur er hat vorher kein Feuer gespuckt.

Woher nehmen Sie eigentlich Ihre Geschichten? Sind das Geschichten aus Ihrem eigenen Leben oder wurden Sie Ihnen von anderen erzählt?

Alles kommt vor. Ein Teil der Texte hat viel mit meinem eigenen Leben zu tun, aber nicht ausschließlich. Das gibt’s eigentlich nie, dass ein Text ausschließlich mit dem eigenen Leben zu tun hat, aber es muss im eigenen Leben einen Anlass geben, dass man sich mit dem Thema beschäftigt. Das gibt es natürlich auch, dass mir jemand etwas erzählt, und ich hab das Gefühl, das find ich ganz spannend und irgendwo hat es auch mit meinem Leben zu tun, und dann schreib ich die Geschichte so, dass sie beides enthält, sowohl das, was mir erzählt worden ist, als auch das, was gefühlsmäßig mit meinem Leben zu tun hat. Zum Beispiel das Gedicht Amputiert, das hatte ursprünglich mit meinem Leben nicht so viel zu tun. Da ist mir eine Lebensgeschichte erzählt worden, und hinterher hab ich gedacht, irgendwo stimmt‘s auch mit meinen Grunderfahrungen überein. Aber ich hab’s erst mal für jemand anderen geschrieben. Es kommt alles vor dabei, man muss einen Anlass haben zum Schreiben, irgendwas, was einen so bewegt, dass man länger darüber nachdenkt. Und manchmal liegen die Themen auch auf der Straße.

Wir haben uns mit dem Text Mein weißes Land beschäftigt, und die erste Frage, die wir uns gestellt haben, war, ob das weiße Land ein Ort ist, den es wirklich gibt. Wir haben uns gefragt, ob das vielleicht eine der ostfriesischen Inseln sein könnte.

Ja, könnte durchaus. Ich kenne eigentlich alle ostfriesischen Inseln, und ich finde Inseln eigentlich immer faszinierend. Diese Abgeschlossenheit, diese Situation der Abtrennung vom Festland und auch dieses Umspültsein vom Meer, das hat mich schon sehr fasziniert. Ich habe mich jetzt aber nicht festgelegt auf eine der ostfriesischen Inseln, es kann auch irgendwo eine andere Insel sein, die im Meer liegt oder vom Meer umspült ist. Es kam mir auf die Inselsituation an. Es muss keine bestimmte Insel sein. Die Insel ist hier auch eine Art Bild für das eigene Ich. Für das, was sich im Inneren des Ich abspielt. Es gibt im eigenen Inneren manches, was bewusst ist und manches was nicht bewusst ist.Und aus all dem setzt sich das Ich zusammen.

Sind Sie selbst die Ich-Erzählerin des Textes?

Da muss ich erst einmal etwas Grundsätzliches sagen. Wenn ein Erzähler oder eine Erzählerin einen Text in der Ich-Form schreibt, dann heißt das nicht, dass sie das alles erlebt haben muss. Dann ist das ein literarisches Stilmittel, und das wendet man oft an, wenn man eine Unmittelbarkeit, eine Direktheit erreichen will. Diese Ich-Form hat ja oft auf den Leser die Wirkung, dass er selber auch Ich sagen kann, also dass er sich leicht in diese Situation versetzen kann. Es gibt Erzähler, die sehr gern in der Er- oder Sie-Form schreiben, in der dritten Person. Ich mach’s eben gern in der Ich-Form, aber auch nicht bei allen Texten.

Warum verbietet der Vater der Ich-Erzählerin, zu den Touristen zu gehen? Schämt er sich für sein Kind oder fürchtet er, dass sie sexuellen Kontakt zu den Leuten aufnimmt?

Ich denke beides. Das Sich-für-sein-Kind-Schämen hat auch ganz viel mit den Erziehungsprinzipien meiner Elterngeneration zu tun. Die hatten immer die Sorge, dass ihr Kind sich daneben benimmt, dass es sich in der Öffentlichkeit falsch verhält und dass das dann als Blamage auf die Familie zurückfällt. Diese Schämen, das ist dabei, ja. Und das mit der Furcht um den zu frühen sexuellen Kontakt des Kindes, das spielt auch ganz eindeutig eine Rolle.

Warum heißt der Text Mein weißes Land, wenn sie das Land gar nicht betreten darf?

Das hat mit den weißen Flecken auf der geografischen Landkarte zu tun. Wir hatten im Erdkundeunterricht in der Grundschule - da kann ich mich ganz deutlich erinnern -geografische Karten, da waren weiße Flecken drauf. Und das stand für unerforschtes Land, da war noch keine Expedition hingekommen, das war noch nicht vermessen das Land. Man wusste nicht, wie es da aussieht, und dieses Bild von dem weißen Fleck auf der Landkarte, das benutze ich hier für das Ich. Also das Ich des Kindes kennt sich selber noch nicht. Da ist diese übertragene Bedeutung drin.

Für wen stehen der Vaterdrache und das Drachenkind?

Dieses kleine Ich, also dieses Ich des Kindes, das ja sich selber noch nicht so richtig kennt, aber nach Wärme und Geborgenheit sucht, das kann so ohne Weiteres diese Geborgenheit nicht erreichen, denn da ist noch eine Vaterfigur – auch der Vaterdrache ist ja eine Vaterfigur. Das Drachenkind - ich denke, das steckt ja auch in dem Wort drin, das ist wie eine Miniatur-Ausgabe des Vaters. Also das ist auf der Seite des Vaters. Das verstärkt diese Verbotsmacht, die der Vater hat. Der Text zeigt die Schwierigkeit des Kindes, zu sich selbst zu finden. Und das ist die Schwierigkeit, die Kinder meiner Generation hatten.

Wir haben uns mit dem Text An den Türpfosten gelehnt beschäftigt. Dabei haben wir uns gefragt, warum sie in den Text das negative Zwischenstück "Dreh dich um ..." eingeschoben haben.

Ihr habt dazu gesagt, dass es die poetische Stimmung der Prosa-Miniatur stört. Und das finde ich sehr schön, dass ihr das erkannt habt. Das soll nämlich auch stören. Das soll ein Bruch sein in dem Text, weil es im Leben auch ein Bruch ist. Also hier ist eine Frau, die liebt einen Mann, aber sie kann ihn nicht so lieben, wie sie gerne möchte, weil da ganz viel mit Verbot belegt ist. Und das steht in dieser Zeile drin. Dieses Verbot auch in Bezug auf die eigene Sexualität, das ist ja was, was einen das ganze Leben beschäftigen kann, wenn man als Kind oder als Jugendlicher das so als Tabu erlebt hat. Tabus werden ja nicht erklärt, sondern die werden gesetzt und dieses Tabu stört. Und deswegen kommt es auch als Störung in den Text rein.

Wir hatten uns mit dem Text Amputiert beschäftigt. Als wir ihn zum ersten Mal gelesen haben, hatten wir Probleme, den Text zu verstehen. Wie genau ist das Gedicht entstanden?

Dieses Gedicht hat eine besondereEntstehungsgeschichte. Und zwar habe ich damals, als ich noch hier an der Schule war, zwischen 1987 und 1989, mit Arbeitslosen zusammengearbeitet. Die Arbeitslosigkeit in Ostfriesland war damals schon sehr hoch, in Leer bei 20%, in Emden auch, in Aurich etwas günstiger. Bundesweit betrachtet war sie schon extrem hoch. Und das bedeutet, dass fast in jeder Familie jemand betroffen war, besonders damals, als die Meyer-Werft in Leer schließen musste und dabei Hunderte von Arbeitsplätzen verlorengegangen sind. Ich hab‘ mir damals von Arbeitslosen erzählen lassen. Ich wollte mit ihnen ihre Erfahrungen und Erlebnisse aufarbeiten. Es hat mich sehr berührt, als eine junge Frau erzählte, die mit 36 oder 37 arbeitslos geworden war, dass sie sich total wertlos fühlt, seitdem sie ihre Arbeitsstelle verloren hat. Das war eine Frau, die eine Fachausbildung hatte und die trotzdem längere Zeit arbeitslos war. Sie sagte, ich fühle mich wie amputiert, als hätte ich keine Füße mehr, oder als hätte ich keine Arme mehr. Sie hatte dieses Gefühl von Wertlosigkeit, sie hatte den Eindruck, die meisten haben Arbeit, nur ich hab keine, irgendwie muss es an mir liegen, ich muss was falsch gemacht haben in meinem Leben. Dieses Gefühl von Scham, das hatten ganz viele Arbeitslose. Ich denke, das ist heute nicht mehr so krass. In dem Zusammenhang spielte auch die Scham eine große Rolle und dieses täuschend Vorspiegeln, als wäre ich nicht amputiert. Das hab ich bei ihr auch erlebt und sie hat das so erklärt, dass sie sagte, ich will nicht, dass jemand weiß, dass ich arbeitslos bin. Ich tu so, als hätte ich Arbeit. Ich geh also nicht am Vormittag in den Supermarkt einkaufen, denn dann könnten die Leute ja denken, die hat Zeit, die kann ja nicht ewig Urlaub machen, die hat vielleicht ihren Job verloren. Solche Vorsichtsmaßnahmen im Alltag, damit nur ja keiner dahinter kommt, dass sie arbeitslos ist. Und gerade diese Scham, die sie da entwickelt hat aufgrund ihrer Arbeitslosigkeit, die hat mich sehr beschäftigt. Und ich hab beim Nachdenken darüber und beim Schreiben das Gefühl bekommen, irgendwie kennst du das ja. Es gibt immer solche Situationen, wo du anderen etwas vormachst oder vormachen möchtest. Das gibt’s eigentlich in jedem Leben, wenn noch nicht mit 16, dann mit 26. Aber das taucht immer mal wieder auf und das gehört irgendwo zum Menschsein dazu. Dass es so Situationen gibt, wo man das Gefühl hat, man muss jemand anderem was vormachen. Und dann hab ich‘s eben geschrieben.

Amputiert meint ja hier eine seelische Amputation, schließt aber natürlich Körperbehinderung nicht aus, denk ich. Dann kann man nur vorspiegeln, es geht einem wunderbar damit, man hat sich damit zurechtgefunden und man lässt nicht reinblicken, was man damit für trübe Stunden hat.

Diese Erfahrungen, die sie schildern in dem Text Meine Generation, haben sie die selber gemacht? Hatte Ihr Vater sich so negativ verändert, als er aus dem Krieg kam?

Ja, ich glaube dass ganz viele Väter das haben. Ich glaube, der Krieg brutalisiert die Soldaten. Und die Soldaten sind ja irgendwann auch Väter. Ich hab‘ das damals als Kind nicht verstanden, aber ich hab‘ es später wohl als Erwachsener mit mehr Distanz betrachten können, und ich glaube, das geht generell durch die Generationen der Großväter und Urgroßväter, dass der Krieg sie hart gemacht hat und dass sich das in ihrem ganzen Verhalten zeigt. Mir geht es darum aufzuzeigen, dass der Krieg Väter kaputt macht, indem er sie hart macht, Kinder kaputt macht, indem er sie traumatisiert, d.h. ihnen schreckliche Erlebnisse bringt, die sie nicht in der Lage sind zu verarbeiten. Das ist schon eines meiner Themen, aber nicht ausschließlich.

In dem Text Mein Erbe, was ist Es?

Das ist das zentrale Wort in dem Text. Ich kann versuchen, das Wort ein bisschen zu übersetzen. Das ist das, was in einem Menschen unterbewusst wirkt. Die Psychologen sagen dazu das Unterbewusstsein. Das Unterbewusstsein kann einem ganz schöne Streiche spielen, indem man sich z.B. anders verhält, als man möchte. Aber dann ist da irgendwas im Unterbewusstsein, was einen dazu bringt, dass man sich anders verhält. Manchmal hat man dann Mühe, das hinterher mit seinem eigenen Bewusstsein zu verbinden. Aber die Geschichte wäre total langweilig, wenn ich da vom Unterbewusstsein reden würde. Mir kam es darauf an zu zeigen, dass dieses Unterbewusstsein so stark sein kann, dass es sich wie ein eigenes Wesen verhält , wie ein Tier, ein Lebewesen oder ein anderer Mensch.

Es kommt einem so vor, dass die Ich-Erzählerin das Tier überhaupt nicht mag und es eklig findet. Aber wieso lässt sie es dann auf ihr Kopfkissen?

Da ist eine allmähliche Annäherung zwischen den beiden. Dieses Nicht-Mögen, dieses Sich-nicht-mögen, das ist auch etwas, was jeder Mensch erlebt. Es gibt immer solche Situationen oder Verhaltensweisen, die man bei sich selbst nicht so gut akzeptieren kann.

Das mit dem Kopfkissen, das ist eine allmähliche Annäherung.. Diese Ich-Erzählern beginnt damit, dieses Es, dass sie erst als feindlich empfindet, allmählich bei sich aufzunehmen, bei sich zu integrieren und zu akzeptieren, also eins zu werden mit dem Unterbewusstsein. Das ist das, was die Psychologen unter einer heilen Persönlichkeit verstehen, dass das Bewusstsein das Unterbewusstsein auch akzeptiert. Dass man auch die Regungen des Unterbewusstseins kennt und dadurch sich selber auch besser kennt. Sie kann den Vater zum Schluss einerseits ein bisschen verstehen, andererseits ihn viel besser loslassen und drittens viel stärker sie selber sein.

Wer ist der Tiger in der Geschichte Mein ordentliches Haus?

Das ist ein Bild für einen Menschen, für einen männlichen Menschen, entweder den Ehemann oder den Geliebten.

Warum haben Sie später weggelassen: "Sie lässt sich nicht verschwestern."

Das war bei der ersten Veröffentlichung dabei. Ich habe den Text in einer Autorengruppe durchgesprochen. Da sagte jemand, das ist ihm eine Spur zu deutlich. Und ich fand, er hatte Recht. Manchmal muss man einfach aufmerksam gemacht werden auf so etwas. Der sagte, da ist ja alles drin in dem Text, dieses Verschwestern, das brauchst du nicht. Das versteht man auch so. Es ist unter Literaten ein Einverständnis darüber, dass man möglichst in einem Text kein überflüssiges Wort drinstehen haben sollte, dass der Text umso besser ist, je weniger überflüssige Wörter drinstehen, dass man deswegen dieses deutliche Draufhinweisen, was man meint, besser sein lässt. Ja, ich hab’s dann entsprechend überarbeitet.

Wir haben uns gefragt, wo der Sprecher sich in dem Text Verweile befindet, über Wasser oder unter Wasser?

Es geht um das, was unter der Oberfläche ist. Am Anfang ist ja auch der Hinweis auf die Spiegelfläche. Die Spiegelfläche sehe ich als die Bewusstseinsebene. Unterhalb spielt sich da was ab. Ganz zentral ist die Zeile "etwas ohne Trauer tun". Es geht um die Darstellung von Traurigkeit und Depression, aber auch um die Bemühung, da herauszukommen. Das ist ein Gedicht, das steht auch in dem Arbeitslosenbuch drin. Das ist in der Zusammenarbeit mit Arbeitslosen entstanden. Weil für mich diese Erfahrung so beeindruckend war, dass fast alle Arbeitslosen, wenn sie längere Zeit arbeitslos sind, irgendwann an den Punkt kommen, wo sie beginnen zu resignieren, wo sich so eine starke Depression und Traurigkeit einstellt, wo es sehr schwer ist, dagegen anzugehen. Viele Arbeitslose haben mir berichtet, dass sie Mühe haben, morgens überhaupt aufzustehen, weil ihnen der Tag so sinnlos vorkommt. Es ist egal, ob man um 8 oder um 10 oder um 11 aufsteht. Man steht eben auf, wenn man Hunger hat. Diese Ziellosigkeit, die das Leben beherrscht und die zur Resignation führt, die hab ich hier versucht darzustellen.

Warum haben Sie hier wieder das Symbol der Drachen gewählt? Das tauchte in dem Text Mein weißes Land bereits auf.

Für mich ist das Bild vom Drachen auch ein Bild für Bedrohlichkeit. Ich meine, Drachen kommen im Märchen vor und haben dort auch die Funktion der Bedrohlichkeit. Wir wissen, dass das Bild vom Drachen in den Märchen auch irgendwo zurückgeht auf Saurier, dass sich da ein unterbewusstes Wissen in der Menschheit fortgesetzt hat, dass also die Saurier in der Form von Drachen auch noch existent sind und da ist auch so etwas von Übermacht drin. Menschen kommen da in ihrer Körpergröße überhaupt nicht heran an Saurier, die haben ja zum Teil die 20fache Größe oder noch mehr eines Menschen gehabt. Die Ohnmacht der Resignation wird für mich in diesem Bild dargestellt. Sie dösen zwar manchmal, dann sind sie in dem Moment nicht so gefährlich, aber man muss schon sehr aufpassen. Das ist ein Bild für die Übermacht der Verzweiflung und Resignation.

Wie lange brauchen Sie um die Texte zu schreiben?

Meistens ist es so, dass erst einmal eine spontane Idee da ist, dann notiere ich sie, dann hab ich aber noch sehr viel Arbeit damit, sie auszubauen, denn die Bilder müssen ja auch zusammenpassen. Gerade diese Prosa-Miniaturen leben ja von diesen Bildern, aber sie müssen zusammen ja auch einen Gesamteindruck ergeben, das habt ihr schon ganz richtig erkannt. Zum Teil arbeite ich Jahre daran. Aber das ist nicht so, dass ich unentwegt an einem Text arbeite. Aber wenn der Einfall da ist und notiert ist, dann arbeite ich dann erst mal ein paar Tage daran und dann lege ich es zur Seite, hol’s dann aber wieder heraus. Das ist bei den einzelnen Texten unterschiedlich. Das kann auch sein, dass ich nach ein, zwei Jahren wieder was ändere an dem Text.

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