Gedichte 

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Aus dem Interview mit Anne Galle

 

Wir hatten uns mit dem Text Amputiert beschäftigt. Als wir ihn zum ersten Mal gelesen haben, hatten wir Probleme, den Text zu verstehen. Wie genau ist das Gedicht entstanden?

Dieses Gedicht hat eine besondereEntstehungsgeschichte. Und zwar habe ich damals, als ich noch hier an der Schule war, zwischen 1987 und 1989, mit Arbeitslosen zusammengearbeitet. Die Arbeitslosigkeit in Ostfriesland war damals schon sehr hoch, in Leer bei 20%, in Emden auch, in Aurich etwas günstiger. Bundesweit betrachtet war sie schon extrem hoch. Und das bedeutet, dass fast in jeder Familie jemand betroffen war, besonders damals, als die Meyer-Werft in Leer schließen musste und dabei Hunderte von Arbeitsplätzen verlorengegangen sind. Ich hab‘ mir damals von Arbeitslosen erzählen lassen. Ich wollte mit ihnen ihre Erfahrungen und Erlebnisse aufarbeiten. Es hat mich sehr berührt, als eine junge Frau erzählte, die mit 36 oder 37 arbeitslos geworden war, dass sie sich total wertlos fühlt, seitdem sie ihre Arbeitsstelle verloren hat. Das war eine Frau, die eine Fachausbildung hatte und die trotzdem längere Zeit arbeitslos war. Sie sagte, ich fühle mich wie amputiert, als hätte ich keine Füße mehr, oder als hätte ich keine Arme mehr. Sie hatte dieses Gefühl von Wertlosigkeit, sie hatte den Eindruck, die meisten haben Arbeit, nur ich hab keine, irgendwie muss es an mir liegen, ich muss was falsch gemacht haben in meinem Leben. Dieses Gefühl von Scham, das hatten ganz viele Arbeitslose. Ich denke, das ist heute nicht mehr so krass. In dem Zusammenhang spielte auch die Scham eine große Rolle und dieses täuschend Vorspiegeln, als wäre ich nicht amputiert. Das hab ich bei ihr auch erlebt und sie hat das so erklärt, dass sie sagte, ich will nicht, dass jemand weiß, dass ich arbeitslos bin. Ich tu so, als hätte ich Arbeit. Ich geh also nicht am Vormittag in den Supermarkt einkaufen, denn dann könnten die Leute ja denken, die hat Zeit, die kann ja nicht ewig Urlaub machen, die hat vielleicht ihren Job verloren. Solche Vorsichtsmaßnahmen im Alltag, damit nur ja keiner dahinter kommt, dass sie arbeitslos ist. Und gerade diese Scham, die sie da entwickelt hat aufgrund ihrer Arbeitslosigkeit, die hat mich sehr beschäftigt. Und ich hab beim Nachdenken darüber und beim Schreiben das Gefühl bekommen, irgendwie kennst du das ja. Es gibt immer solche Situationen, wo du anderen etwas vormachst oder vormachen möchtest. Das gibt’s eigentlich in jedem Leben, wenn noch nicht mit 16, dann mit 26. Aber das taucht immer mal wieder auf und das gehört irgendwo zum Menschsein dazu. Dass es so Situationen gibt, wo man das Gefühl hat, man muss jemand anderem was vormachen. Und dann hab ich‘s eben geschrieben.

Amputiert meint ja hier eine seelische Amputation, schließt aber natürlich Körperbehinderung nicht aus, denk ich. Dann kann man nur vorspiegeln, es geht einem wunderbar damit, man hat sich damit zurechtgefunden und man lässt nicht reinblicken, was man damit für trübe Stunden hat.

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