Mein Erbe  

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Literarische Spurensuche in Ihlow/Ostfriesland: Anne Galle

Interpretationen

Interpretation zu dem Text "Mein Erbe"


Anne Galle ist die Verfasserin des Textes "Mein Erbe", der 1999 erschienen ist. "Mein Erbe" handelt von den Erinnerungen einer Frau an ihren Vater, die sie quälen, verängstigen, lähmen und beherrschen.


Die Ich-Erzählerin ist eine Frau, die von ihren Kindheitserinnerungen erzählt, weil sie nicht mit ihnen zurecht kommt.´Anne Galle personifiziert die Erinnerungen als "Es", um ihre Macht auszudrücken. Im Text springt die Erzählerin zwischen Gegenwart und Vergangenheit hin und her. Die Überschrift des Textes ist zweideutig: Der Text beginnt mit der Haushaltsauflösung des Elternhauses, aber auch die Erinnerungen der Erzählerin an ihren Vater können als "Erbe" bezeichnet werden.


Zum Zeitpunkt der Haushaltsauflösung liegt ihr Vater erschöpft im Pflegeheim und die Mutter ist bei ihm. Das Haus soll verkauft werden. Die Erzählerin und ihre Brüder sind im Elternhaus und Erinnerungen holen die Erzählerin ein: "...es [war] lautlos auf [ihren] Arm geschlüpft." Die Erinnerungen werden nach dem Tod des Vaters immer stärker und die Erzählerin zieht sich von allen zurück, sogar von ihrem Liebsten: "Als mein Liebster mich besuchte, fauchte es ihn an, spuckte auf seine Hosen." "Es" nimmt ihr die Luft zum Atmen und besetzt sie manchmal sogar tagsüber, so dass sie nicht aus der Wohnung und zur Arbeit gehen kann.


Anne Galle schreibt aus der Perspektive der erwachsenen Frau, eingeschoben sind jedoch Erinnerungen an die Kindheit. Dass die Erinnerungen das Bewusstsein der erwachsenen Frau noch immer beherrschen, wird dadurch zum Ausdruck gebracht, dass in den betreffenden Passagen das Präsens als Erzähltempus benutzt wird. Wenn sie allein ist und viel Zeit zum Nachdenken hat, holen ihre Erinnerungen sie ein: Als ihr Vater einige Tage nach ihrem sechsten Geburtstag aus der Kriegsgefangenschaft mit Krücken zurückkehrt, wird alles noch schlimmer als zu Kriegszeiten. Ihr Vater ist durch den Krieg innerlich verhärtet, ist rücksichtslos und gibt sich keine Mühe, seine Kinder zu verstehen oder ihre Bemühungen zu schätzen. Als er wieder gehen kann, drillt er seine Kinder mit Liegestützen, damit sie nicht auf "dumme Gedanken" kommen. Er gibt Kommandos und sie müssen spuren, wie bei der Armee. Nachts werden die Kinder aus dem Schlaf aufgeschreckt. Sie müssen mit den Händen auf der Bettdecke schlafen, Sexualität ist tabuisiert. Die Mutter kann nichts anderes unternehmen, als die Kinder zu bedauern. 


An dem Tag vor ihrem Geburtstag gelingt es der Erzählerin, sich zum ersten Mal gegen das "Es" zu behaupten und sich mit den Erinnerungen auseinanderzusetzen, die sie wieder einholen wollen. Obwohl das "Es" mit aller Macht versucht, sie im Bett zu halten, gelingt es ihr aufzuspringen: "Es bekam keinen Krümel von mir." 
Als sie am Geburtstag des Vaters sein Grab mit ihrer Mutter besucht, beginnen ihre Beine zu tanzen. Sie ist durch den Tod ihres Vaters frei geworden, denn "auf Vaters Grab war es eine Lust zu leben".  Der letzte Absatz handelt von ihrem Abschied vom "Es". "Es" hat geweint und sie war nass von seinen Tränen. Es war das letzte Mal, dass sie vom Angstschweiß aufwacht, denn nun ist sie eine gesunde Persönlichkeit, weil sie ihr Unterbewusstsein mit ihrem Ich verbinden konnte.


Der Text "Mein Erbe" zeigt,  wie die seelische Verhärtung durch den Krieg nicht nur die Generation, die an dem Krieg teilgenommen hat, geprägt hat, sondern auch die nächste Generation. Die Erinnerungen können die ehemaligen Kriegskinder so stark beherrschen, dass sie nicht zu sich selbst finden, niemanden an sich heranlassen und an Depressionen leiden.

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