Auszüge aus einem Interview mit Paul Brägelmann

Warum haben Sie diesen Titel gewählt?

Man stellt sich erst einige Arbeitstitel zurecht, fragt sich, was empfindet der Kunde, wenn er diesen Titel liest, Als die Kreuze Haken hatten? Was denkt er? Ich meine, dass der Titel den Inhalt dieses Buches ganz gut trifft. Mit dem Wort Kreuze verbinden wir ein christliches Symbol - steht hinter diesem Titel nicht eine Absicht? Ich wollte den Hinweis auf das Hakenkreuz geben. Der Verlag hat darum auf dem Umschlag auch etwas verdeckt das Hakenkreuz gedruckt.

Wie würden Sie Ihre Jugendzeit im Nationalsozialismus heute mit eigenen Worten zusammenfassen?

Das Ganze war damals sehr stark bestimmt durch den Faschismus, den Nationalsozialismus. Ich bin 1933 zur Schule gekommen. Da ging das los mit Hitler, bin dann noch Soldat geworden bis 1945 - der Krieg war verloren - und kam 1946 aus der amerikanischen Gefangenschaft wieder. Ich habe vom 6. bis zum 18. Lebensjahr die Nazizeit tragen müssen. Es gab vor allem die Sehnsucht: Wann ist das zu Ende? Wie kommt man da heraus? Wenn man Soldat wurde, war das ja ein großes Problem: Wie überlebe ich? Wie läuft das eigentlich ab? Und da haben wir uns gedacht, - meine Geschwister mit meinen Eltern zusammen - das Einfachste ist wohl, in Gefangenschaft zu gehen. Darum habe ich intensiv daran gearbeitet, an die Westfront zu kommen, um in die amerikanische Gefangenschaft zu kommen. Ich habe zu der Zeit ganz wenig über Berufliches nachgedacht. Über diese Dinge habe ich überhaupt nicht nachgedacht. Ich habe nur gedacht: Wie kommst du da durch? 

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B

 

Uns wundert diese Aussage, denn es sind doch sehr existentielle Fragen: Wie überlebe ich? Es stellt sich aber doch auch die Frage: Was kommt dann? Dachte man, dann kommt die Stunde Null? 

Es war nicht die Stunde Null. Ihr müsst euch das so vorstellen: Wenn man die OV ( Anm. d. Redaktion: Heimatzeitung) aufschlug, dann sah man auf einer ganzen Seite nur Todesanzeigen. Aus Brockdorf stand fast jeden Tag ein Mitbürger in der Zeitung. Geht mal zum Ehrenmal am katholischen Friedhof und schaut, wie vielen jungen Männern der letzte Krieg das Leben gekostet hat. Das man also Bedenken hatte zu überleben, zumal mein Bruder 1943 gefallen war, Freunde, Verwandte gefallen sind, ist ja wohl selbstverständlich.

Wie war das in der Gefangenschaft?

( Dieser Teil des Interviews ist leicht gekürzt. Wir verweisen auf die Literaturliste)

Es war eine schlimme Zeit, eine sehr schlimme Zeit. Wir haben gehungert. So schlimm, dass einige Gefangene in Mülleimer nach Nahrungsresten suchten. Diese Erniedrigung konnte und mochte ich mir nicht zumuten. Als ich nach Hause kam, wog ich 90 Pfund, später einmal 90 Kilo. In dem Lager traf ich auch Lohner - von ihnen ist im Lager keiner an Hunger gestorben, aber nach dem Krieg sind einige an den Folgen verstorben. Dessen bin ich mir sicher.

 

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C

Waren sie stolz ein Deutscher zu sein?                                                                                                            Die Frage kann ich eindeutig mit “Nein” beantworten. Auf was sollte ich stolz sein? Worauf ich schon Wert legte, und das gerade in der Gefangenschaft, mich als Deutscher zu bewähren. Ich hatte einen Freund, der Theologie studiert hat und später Pastor in der Nähe von Bremen war, wir haben zusammen im selben Erdloch gelegen, er war schon zu Hause gewesen, wo die Engländer ihn wieder abgeholt haben und dessen Vater hat ihm gesagt: “Richard, jetzt kommt es darauf an, dass du dich als Deutscher bewährst! Ansonsten halte ich nicht viel von dieser Frage: Ist man stolz ein Deutscher oder ein Amerikaner zu sein? Man sollte sich als Deutscher gut benehmen. Um auf das Buch “Als die Kreuze Haken hatten” - es spielt ja im Oldenburger Münsterland - zurückzukommen, neige ich zu der Behauptung, dass sich die Oldenburger Münsterländer sehr wohl bewährt haben. Der Krieg ist jetzt 55 Jahre vorbei. Wenn man zurückblickt, dann ist es den Nazis nicht gelungen, dass die Soziale Kontrolle für sie arbeitete. Ein Beispiel: Jemand hörte etwas, was die Nazis nicht haben konnten, dann konnte man damit rechnen, dass das nicht zur Anzeige kam. Wenn sich aber jemand als Nazi benahm, dann wurde das fleißig weitererzählt. Das hat zur Folge gehabt, dass es hier zu einem sehr großen Widerstand - also passiven Widerstand - gekommen ist. Ich erzähle dazu ein Beispiel: Ein Lohner Drogist hatte über die Straße ein Spruchband mit einem antisemitischen Spruch gehängt. Die Lohner reagierten sehr korrekt und kauften nicht mehr bei ihm, obwohl Heftpflaster ganz, ganz knapp war. Die Lohner haben es geschafft ihn während des Krieges auszuhungern. Der Drogist ist später weggezogen. Das nennt man soziale Kontrolle! Ich rechne dies meiner Heimatstadt wirklich zur Ehre an, und damit komme ich zurück auf die Frage, warum ich dieses Buch geschrieben habe, dieser Zustand, diese Leistung, die Erinnerung daran, schien verloren zu gehen! Das war mir Anlass, dass mal aufzuschreiben, wie ich diese soziale Kontrolle erlebt habe. Das Buch ist also ganz stark autobiografisch. Es ist mein Leben, wie ich es so in den verschiedenen Situationen erlebt habe. Ganz konkret!
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D

Hatten Sie in der Familie früher Angst, bei den Nazis verraten zu werden?

Ja, natürlich hatte man Angst. Es gab auch so etwas wie Taktik. Die Lohner kannte man ja alle. Da wusste man ziemlich genau, wie die Einstellung war. Man hatte ziemlich gut im Gefühl, die Nazis alle zu kennen, weil es wenige waren - und da nahm man sich in Acht. Die Angst bestand vor dem Terror der Nazis. Ohne Terror wäre das alles nicht so gekommen. 

Ein Beispiel: die Nazis sollen 30000 Soldaten hingerichtet haben, um zu verhindern, dass die anderen die Karabiner wegwerfen. Angst vor dem Tode - Leute! Das ist nicht so einfach! Als Soldat hat man eine besondere Angst, aber eine noch viel größere Angst, das ist die Angst vor dem Hinrichten. Und ich habe mich häufig als Soldat so verhalten, das ich hätte hingerichtet werden können. Es genügte ja schon zu sagen: Wir werden den Krieg nicht gewinnen. Es genügte auch schon die Frage: Können wir den Krieg überhaupt noch gewinnen? So vermieden wir Soldaten untereinander auch diese Frage.

Zwischenruf

In der Heimatzeitung OV vom 14. März 1944 vermelden 12 Familien den Heldentod Ihrer Söhne und Väter. In den Todesanzeigen drückt sich der unsagbare Schmerz über den Tod dieser hoffnungsvollen jungen Menschen in sehr betroffener Weise aus. Hoffnungen auf das Wiedersehen nach einem langersehnten Urlaub, nach einer gesunden Rückkehr werden durch den Tod im Felde zunichte gemacht. 20 bis 33 Jahre alt sind die Soldaten aus der Heimat. In vielen Anzeigen bekommt der Kriegstod zusätzlichen Schmerz, wenn von dem ebenfalls im 1. Weltkrieg gefallenen Vater dieser Söhne die Rede ist.
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E

„Heldengedenkfeiern“ in allen Orten – organisiert von dem NS – Ortsgruppenleiter – waren sicherlich nicht geeignet, die Trauer um den Tod dieser jungen Männer besser zu bewältigen, zumal befehlsgemäß „ Teilnahme ist Pflicht“ angeordnet wurde.   Wie eine bittere Ironie lesen sich auf der selben Seite die Aufforderungen zum Dienst bei den SS oder - wie im Standort Lohne- die Einladung zum Elternabend der HJ ( Hitlerjugend). Im November 1944 vergrößert sich die Anzahl der Todesvermeldungen um 18 Anzeigen!! Die Zeitungsartikel rufen zum unbeirrten „Weiterkampf“ auf. Gleichzeitig erfährt man in den Werbeanzeigen sozusagen „zwischen den Zeilen“ den wahren Kriegszustand in Deutschland. Dort ist die Rede von „schaffenden Frauen in den Rüstungsbetrieben, die mit Persil, Sil, IMI, ATA trotzdem ihren Haushalt sauber und ordentlich haben“ . Ein weiterer Text: „Es wird überall tüchtig geschafft – für den Sieg! Wer viel arbeitet, soll auch gut essen – Puddingpulver“, Bei Paul Brägelmann lesen wir ja auch an einer Stelle, dass es Vanillepudding für die Strapazen eines Fliegerangriffs gab Weiter heißt es:“ Jedes Gramm Fett ist kriegswichtig! Gehen Sie deshalb mit Sunlichtseife sparsam um!

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F

Eine Frage zu den Nazis hier in Südlohne: Waren es Menschen aus diesem Raum, oder waren es eher Zugewanderte.

Die Nazis der ersten Stunde - es gab da eine Gruppe - waren in Lohne nicht die Arbeiter. Es waren wenige - es waren verschuldete Bauern. Diese Bauern fühlten sich von der damaligen sehr starken Zentrumspartei nicht mehr gut vertreten. Sie wählten die Landvolkpartei. Der Historiker, Pof. Kuropka weist nach, dass besonders diese Bauern später zu den Nationalsozialisten übergeschwenkt sind. Was aber nicht heißt, dass die Bauern eifrige Nazis geworden oder geblieben sind. Die Leute, die mit der Fahne rumrannten - ich könnte die Namen noch nennen - die kamen von auswärst

Ihre Eltern haben Sie ja sehr geprägt mit ihrer Meinung gegenüber den Nazis, dass, wenn ihre Eltern anderer Meinung gewesen wären, dass sie auch anders sich verhalten hätten?

Mit Sicherheit! Ein Sechsjähriger kann sich intellektuell, geistig kein eigenes Urteil bilden. Ich kann mir wohl vorstellen, dass der Sohn eines gläubigen Nazis später im Krieg auch anders dachte, als er in der Erziehung gelernt hat. Ich bin da ganz und gar den Eltern gefolgt.

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G

Haben Ihre Eltern in ihrer Gegenwart von den Nazis gesprochen?

Ja, das ging so weit, dass mein damaliger Grundschullehrer, Lehrer Warnking, meinen Vater einmal darauf aufmerksam machte, vorsichtiger zu sein, weil ich im Unterricht die Parteienwahl meines Vaters verriet.

Wenn Sie so über diese alte Zeit nachdenken, kommen da Gefühle hoch?

Ja! Als ich dieses Buch veröffentlicht habe, schrieb ein Klassenkamerad: “ Paul, deine Tour von Westen nach Hause, nach Vechta ins Lazarett, hätte sehr leicht am Galgen enden können! Diese Tour würde ich heute nie wiederholen! ( Herr Brägelmann beschreibt diese Odyssee sehr ausführlich in seinem Buch)Wie kann so eine große Mehrheit wie die Deutschen einer Minderheit wie die Nazis ihrem Tun nicht Einhalt gebieten? Diese Frage ist eine gute Frage. Viele Leute bedenken einfach nicht, was mit Terror möglich ist, mit dem Tode bedrohen, und nicht nur bedrohen, sondern diese Bedrohung glaubhaft machen. Wenn ihr im Buch nachlest, dann konnte schon die SA Menschen beseitigen oder entmachten - siehe Röhmputsch - und die SS konnte Leute ratzekahl erschießen, die ihnen nicht passten - und die Justiz reagierte überhaupt nicht! Überhaupt nicht! Wenn Goebbels redete: “ Den machen wir kaputt!”, dann war das glaubhaft. Es war eine kleine Minderheit, die mit Terror arbeitete. Darum ist eine funktionierende Justiz außerordentlich wichtig! Ich glaube, dass das in der Geschichtsforschung noch immer unterschätzt wird, zu was man Menschen bringen kann, wenn sie terrorisiert werden.

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