Reise und Erholung

Auf Schatzsuche im Moor

Dienstag, 1. Juni 1999

Im Saterland, einer Gemeinde friesischen Ursprungs im Oldenburger Land, verbergen sich Europas kleinste Sprachinsel und eine versenkte Kirchturmglocke

Das Ausland beginnt für Saterländer gleich hinter dem Moor. Die Saterländer und ihre Nachbarn verstehen sich nicht. Und daran wird sich vermutlich auch in Zukunft nichts ändern. Nicht, dass die Saterländer mit den Dörfern in ihrer Umgebung in ständigem Streit lebten. Räumlich beträgt die Distanz meist kaum mehr als fünf Kilometer, sprachlich trennen die Gemeinden dagegen Welten. Diese Tatsache brachte die Saterländer 1990 als "kleinste Sprachinsel Europas" ins Guinness Buch der Rekorde. "In ganz Europa gibt es kein Gebiet, in dem so wenige Menschen eine eigene gemeinsame Sprache sprechen, dass man diese Gegend wie mit dem Lineal abgrenzen kann", sagen Heinrich Pörschke und Theodor Griep vom "Seelter Buund", der sich für den Erhalt saterländischer Tradition und Sprache einsetzt. Das Saterland, im äußeren Nordwesten des Landkreises Cloppenburg, an der Grenze zu Ostfriesland gelegen, umfasst ein Gebiet von etwa 124 Quadratkilometer. Zur Gemeinde gehören die Ortschaften Strücklingen, Ramsloh, Scharrel und Sedelsberg. Von den 12400 Einwohnern sprechen nach einer Untersuchung der Universität Göttingen noch etwa 2250 Saterfriesisch. Für Seeltersk, wie das Saterfriesische hier heißt, gilt der Minderheitenschutz. Seit Anfang dieses Jahres sind in Deutschland die Sprachen der Friesen, Dänen, Sorben sowie Sinti und Roma durch die "Europäische Charta zum Schutz der Minderheiten- und Regionalsprachen" geschützt. Dass sich dieses Sprachphänomen gerade auf so kleinen Raum erhalten hat, liegt vor allem daran, dass das Saterland lange Zeit von weiten, unpassierbaren Mooren umgeben war. Noch bis Mitte des 19. Jahrhunderts hatten die Saterländer so gut wie keinen Kontakt zur Außenwelt. Nur mit kleinen Booten war die Insel im Moor über die Saagter Ems zu erreichen. Sie durchfließt noch heute die auf einem Sandrücken gelegenen Ortschaften und war einst der einzig sichere Verkehrsweg. "Übers Land gab es früher nur an vereinzelten Stellen einen Weg, wenn das Moor im Winter gefroren war oder im Sommer trockene Stellen bot, die Halt gaben", sagt Griep.

Heute ist von der inselgleichen Abgeschiedenheit nicht mehr viel zu spüren. Die Moorflächen prägen zwar noch immer das Landschaftsbild, doch sind sie nur noch in wenigen Teilen vorhanden. Flurbereinigung und Torfabbau haben dazu geführt, dass die Insel im Moor nur mehr aus der Vogelperspektive Inselcharakter hat.

Das merkwürdige Ländchen hat von jeher Neugierige ins Land gelockt, die Sprache und Bräuche studieren wollten. Die Saterländer gefielen sich jedoch wenig in der Rolle von Studienobjekten und hatten deshalb mit der Zeit Gefallen daran gefunden, leichtgläubigen Fremden einen Bären aufzubinden. "Hinter den Bergen bei den sieben Zwergen", spottete mancher Fremde über saterländische Eigentümlichkeiten. Doch von wegen Berge. Die Landschaft ist inzwischen so flach, dass der Blick bis weit in die Ferne reicht. Die Hochmoore, die das Saterland früher umgaben, sind längst abgetragen. Von insgesamt 5000 Hektar Moorfläche darf auf 4600 Hektar Torf abgebaut werden. "In meiner Jugend gab es noch Torfmächtigkeiten von 12 bis 18 Meter", erinnert sich Griep. Heute sind es oft nur mehr drei bis vier Meter.

Aber vielleicht haben die Spötter auch eine ganz andere Geschichte gemeint, rankt sich doch um den Ort Scharrel eine groteske Schatz-Geschichte. Aus Angst beraubt zu werden, versteckten die Scharreler 1623 während des 30jährigen Krieges ihre Wertsachen in der Kirchturmglocke und versenkten diese in einem Moortümpel. Mit den Jahren war die Glocke so tief im weichen Grund versunken, dass es den Scharrelern bis heute nicht gelungen ist, ihren Schatz zu bergen. Flurbereinigung und der Bau einer Bundesstraße haben in jüngster Zeit ihr übriges getan, so dass der Moortümpel längst verschwunden ist. Doch die Scharreler gaben so schnell nicht klein bei und probierten es mit modernster Technik. "Die Suche mit einem Metalldetektor schien zunächst sehr erfolgversprechend, schlug der Zeiger des Gerätes doch heftig aus", berichtet Griep. Nur reagierte das Suchgerät überall, bis sich zum Leidwesen des Glockenbergungskommandos herausstellte, dass die Böden im Saterland besonders eisenhaltig sind. Den Bergleich mit den Schildbürgern, die ebenfalls ihre Glocke sicherheitshalber im See versenkten und zur Markierung ein Kreuz in den Bootsrand kerbten, den will im Saterland niemand gelten lassen. "Nein, Schildbürger sind wir deshalb noch lange nicht", wiegelt Pörschke ab. "Wir sind doch nicht blöd."

Nein, blöd sind die Saterländer wirklich nicht. Ihr Saterfriesisch hüten sie Fremden gegenüber wie einen kostbaren Schatz, oder wie Pörschke es formuliert: "Wir sind schließlich höfliche Menschen und antworten Fremden nicht auf Saterfriesisch, wenn die das sowieso nicht ohne Dolmetscher verstehen." Da mag es für manch selbsternannten Sprachforscher zunächst eine herbe Enttäuschung sein, wenn leichter verständliches Platt das erste ist, was ihm Einheimische entgegnen. Den Saterländern allerdings gewährt ihre Sprache auch heute noch den Vorteil, dass kein Fremder sie versteht, wenn sie das so wollen.

In jedem Dorf ein anderer Dialekt

Doch damit nicht genug. Das Saterfiesische wird in jedem Dorf noch dazu in einer anderen Dialektform gesprochen. Und weil Saterfriesisch anerkannte Amtssprache ist, ist der Dialektunterschied auch auf mancher Amtstüre dokumentiert: "Hier wät uk Seeltersk boald" (Hier wird Saterfriesisch gesprochen), steht auf einem gelben Hinweisschild im Ramsloher Rathaus. "Hier wät uk Seeltersk baald", heißt es dagegen in Scharrel. Ein Sprachforscher aus Amerika und der Eintrag ins Buch der Rekorde haben mit den Jahren auch bei den Jungen Interesse an der alten Sprache geweckt. Zur Zeit lernen in Kindergärten und Schulen mehr als 300 Kinder Seeltersk. Während die Lehrer noch händeringend auf der Suche nach kaum vorhandenen Unterrichtsmaterial in Saterfriesisch sind, denken Pörschke und Griep schon wieder in die Zukunft. Für immer mehr neuzeitliche Wörter wie Hubschrauber gibt es nämlich keinen Ausdruck im Saterfriesischen. "Bis 1900 sprach noch ein Großteil der Bevölkerung ausschließlich Saterfriesisch. Doch nach dem Krieg zählte alles Alte nicht mehr viel. Auch die alte Bauernsprache schien da vielen nicht mehr zeitgemäß", sagt Griep. So geriet das Saterfriesische zusehends in Vergessenheit. Bis Marron C. Fort kam. Der Retter des Saterfriesischen ist Sprachwissenschaftler und hielt erstmals die bis dahin hauptsächlich nur mündlich überlieferte Sprache in Schriftform fest. Aber das Saterland wäre nicht das Saterland, hätte es nicht auch mit Marron C. Fort Ungewöhnliches auf sich.

Als gebürtiger Amerikaner kreolischer Abstammung kam Fort ausgerechnet in den abgelegensten Winkel der Bundesrepublik, lernte die dort gebräuchlichen Mundarten und fühlt sich inzwischen in Ostfriesland so zu Hause, dass er seine amerikanische Staatsbürgerschaft abgelegt hat, um Deutscher nationaler Gesinnung zu werden. Freunde beschreiben den akademischen Oberrat der Universität Oldenburg als überaus pünktlich, selbstdiszipliniert und beseelt von preußischem Arbeitsethos. Deutscher als mancher Deutsche eben. Der "Exot der Niederdeutschen Kulturszene", wie Fort sich selbst gerne nennt, ist ein Sprachgenie. "Ich spreche fließend Niederländisch, Friesisch, und mehrere niederdeutsche Mundarten", sagt Fort, der außer der deutschen noch fünf weitere Sprachen beherrsch. Skeptisch seien einige Saterländer anfangs schon gewesen, als "so ein schwarzer Heini" daherkam, um diese "friesische Ursprache" zu erforschen, sagt Fort. Doch als er den Leuten plötzlich in Saterfriesisch antwortete und die bald feststellen mussten, dass Fort diese kleinste europäische Minderheitensprache besser sprach als mancher Einheimische, fand er schnell Aufnahme in die eingeschworene Gemeinde.

Fort, der aus New Hampshire stammt und in Amerika an der renommierten Princeton Universität Germanistik, Anglistik und Mathematik studierte, kam als Austauschstudent nach Deutschland. In Freiburg wollte er an einer Dissertation über "Geschlechtsschwankungen im Höchstalemannischen" arbeiten. Doch weil das Thema schon vergeben war, promovierte Fort über die niederdeutsche Mundart der niedersächsischen Kreisstadt Vechta. Seit mehr als 35 Jahren beschäftigt sich der Sprachforscher nun mit dem Saterfriesischen. In Pionierarbeit reist er noch immer über die Dörfer, um von den Saterfriesen unbekannte Ausdrücke zu erfragen. Seine Feldforschung hat inzwischen mehr als 35000 Wörter zu Tage gefördert, die er in einem saterfriesischen Wörterbuch herausgegeben hat. So haben es die Saterländer vermutlich ihm zu verdanken, dass ihre Sprache nicht längst ausgestorben ist.

Von stiller Abgeschiedenheit ist im Saterland nicht viel geblieben. Strücklingen, Ramsloh, Scharrel und Sedelsberg sind zwar immer noch fastfoodfreie Zonen - die McDonalds - Dichte liegt bei null Prozent - und das Saterland ist bis heute eine rein katholische Gemeinde im evangelischen Umfeld, doch pflegt fast im verborgenen schon seit 1982 die Bundesmarine im Westermoor den weltweiten Funkkontakt zu ihrer U-Boot-Flotte. Und wieder haben die Saterländer einen Superlativ zu bieten: Die Marinefunkstelle ist das höchste, allerdings nur für Soldaten, begehbare Bauwerke Westeuropas. Die acht 354 Meter hohen rot-weißen Masten sind bis zu einer Entfernung von mehr als 20 Kilometern zu sehen. Die besondere Leitfähigkeit des feuchten Moorbodens spielte bei der Standortwahl eine wichtige Rolle. Die Marinefunkstelle blieb lange Zeit aus militärischen Gründen ein weißer Fleck auf der Karte. Waren die Saterländer noch froh, dass sie 1973 einen an gleicher Stelle geplanten Bombenabwurfplatz verhindert hatten, ängstigt sie nun, dass Bauwerk könne eine nicht ungefährliche Strahlenbelastung haben und in Kriegszeiten ein bevorzugtes Angriffsziel sein.

So fern und doch so nah

"Seelterlound, du läist ousleten, fon de Wareld gans ferjeten. Man din Faan häd uus uk heelden fräi fon Fäinde, Kriech un Nood", heißt es im Saterlied. Was sinngemäß bedeutet, dass man der Abgeschlossenheit durch das Moor auch verdankt, von Feinden, Krieg und Not verschont geblieben zu sein. Doch längst kann den Saterländern die Abgeschiedenheit von einst keinen Schutz vor heutigen Problemen bieten. So machte die Gegend im vergangenen Sommer Schlagzeilen, als wegen des Mordes an einem elfjährigen Mädchen aus Strücklingen, 18000 Männer im größten Gen-Massentest der deutschen Kriminalgeschichte überprüft wurden.

Seit 1990 erlebt die Gemeinde einen starken Bevölkerungsanstieg. Bis heute sind es etwa 2000 Russendeutsche, die aus Kasachstan ins Saterland übersiedelten. Das brachte manchen Saterländer auf die Palme, dem der Prozentanteil bei einer so kleinen Gemeinde einfach viel zu hoch erschien. "Immer wieder stand eine Familie bei uns in der Schule und wollte ihre Kinder einschulen, die kein einziges Wort deutsch sprachen", erinnert sich eine Lehrerin aus Strücklingen. Mit den Jahren haben sich nun die Wogen der Aufregung etwas beruhigt und zuweilen soll es schon mal passieren, dass auch Kinder aus Kasachstan in der Schule jetzt freiwillig Saterfriesisch pauken. Aber das ist wieder eine ganz andere Geschichte.