Neues Interesse für eine alte Sprache: In Schulen und im Rathaus wird Saterfriesisch gesprochen

Die Kinder tun sich noch schwer mit " Seeltersk"

Saterland. Eigentlich gibt es in der Gemeinde Saterland alles vierfach: den Kindergarten, die Grundschule und natürlich die Kirche. Eine Sache aber eint die Dörfer der kleinen Kommune im Kreis Cloppenburg - und unterscheidet sie von den Nachbarn: die Sprache. Rund 2250 "baalden" (sprechen) in Ramsloh, Scharrel, Strücklingen und Sedelsberg noch auf saterfriesisch, einer mittelalterlichen Form des Friesischen. Die linguistische Besonderheit brachte dem Saterland 1991 einen Eintrag in Guinness-Buch der Rekorde. "Kleinste Sprachinsel Europas" darf sich die Gemeinde seitdem nennen. Eine Urkunde verbrieft den Titel.

Erhalten hat sich die mittelalterliche Mundart , weil die Saterländer jahrhundertelang unter sich geblieben sind. Wie ein Schutzwall lag das Moor um die auf einem Sandrücken erbauten Dörfer. Bis ins 19. Jahrhundert waren die Bewohner nur per Boot über das Flüsschen Sagter Ems zu erreichen.

Seit vor knapp einem Jahr auch in Deutschland die Europäische Charta der Regional- und Minderheitssprachen in Kraft getreten ist, genießt das Saterfriesische besonderen Schutz und Recht auf Förderung. Das neu erwachte Interesse tut den Saterländern und ihrer Sprache gut. War es noch vor wenigen Jahren geradezu verpönt, Saterfriesisch zu sprechen, sind die Eltern mittlerweile stolz, wenn ihre Kinder auf Seelteresk plappern können, wie es in der alten Sprache heißt. Seit zwei Jahren wird Saterfriesisch auch in den Schulen und Kindergärten gelehrt, die Teilnahme ist freiwillig.

In Scharrel drücken 13 Kinder der Klasse 3a am späten Vormittag noch die Schulbank "Wann iek kweede Straße?"(Wenn ich "Straße" frage?), sagt Adelheid Pörschke. "Streete" schallt es im Chor zurück. Die Zahlen gehen weniger leicht von der Zunge. Die Übung fehlt. Nur die wenigsten sprechen zu Hause Saterfriesisch. Und die Elterngeneration hat die alte Sprache oft gar nicht gelernt. Dazu kommt das Problem, nicht plötzlich auf Plattdeutsch zu "snacken", wenn Seeltersk gefragt ist.

In der Klasse 3a ist Veronika Pörschke die einzige, die munter drauflos "baald". Ihr Vater ist der Vorsitzende des Heimatvereins "Seelter Bund", der es sich zur Aufgabe gemacht hat, das Saterfriesische zu fördern und zu erhalten. Und Veronikas Großmutter ist eine von zwanzig Ehrenamtlichen, die mit den Kindern Vokabeln pauken, Lieder einüben und im Rollenspiel die Sprechfertigkeit trainieren. "nur nichts schreiben", sagt Adelheid Pörschke, "es darf nicht stressig werden."

Was fehlt, ist das Geld für Unterrichtsmaterial. Eine Posten in Höhe von 2000 Mark hat die Gemeindeverwaltung im Haushalt vorgesehen. Doch Bücher zu beschaffen, ist schwierig. Meistens arbeiten die Lehrkräfte mit selbstgeschriebenen Texten oder zusammengesuchten Bildergeschichten. Jetzt, gut zwei Jahre nach Beginn des Sprachunterrichts an der Schule, haben sie einige Ordner mit Material zusammengestellt. Aber auch das war nicht leicht. "Als Kind habe ich nur Sprechen gelernt", erzählt Adelheid Pörschke, "geschrieben habe ich das nie, kein Wort."

Wenn die 61-Jährige jetzt Texte verfasst, muss sie in dem Wörterbuch nachschlagen, das der amerikanische Sprachforscher Marron C.Ford zusammengestellt hat. Ausgerechnet der dunkelhäutige Wissenschaftler, der an der Universität Oldenburg lehrt, war es, der das Interesse am Saterfriesischen in den siebziger Jahren angeschoben hat. Heute wird die Minderheitensprache nicht nur an der Uni Oldenburg, sondern auch an der Kieler Hochschule erforscht.

Die alte Sprache hat mittlerweile auch im Saterländischen Rathaus Einzug gehalten. Das Schild "Hier wät uk Seeltersk baald" (hier wird auch Saterfriesisch gesprochen) zeigt den Weg zu denjenigen Mitarbeiten, die die alte Sprache sprechen. An den Zimmern des Bürgermeisters und seiner Stellvertreterin fehlt der Hinweis noch. Aber das soll sich ändern. Falls er genug Interessenten findet, will Bürgermeister Hubert Freye einen Schnellkurs für die Verwaltung organisieren.

Auch die Schilder am Ortseingang sollen bald zweisprachig sein. "Ramsloh/Roomelse" steht dann Schwarz auf Gelb am Eingang zum größten der vier Dörfer. Tipps und Formulare für den Antrag bei der Bezirksregierung haben die Saterländer von den Nordfriesen bekommen. "Das sind unsere Zieheltern", scherzt der Heimatverein-Vorsitzende Heinrich Pörschke und spielt auf die Hilfeleistung an, die die Friesen aus dem Oldenburger Land schon in Sachen Sprachförderung bekommen haben. Denn die Saterländer kämpfen nicht allein um die Förderung ihrer Sprache. Gemeinsam mit anderen Sprachminderheiten aus ganz Europa setzen sie sich in Brüssel dafür ein, dass für den erhalt ihrer Mundarten mehr getan wird.

Dass in einigen Jahren noch Saterfriesisch gesprochen wird, ist keineswegs sicher. Die Gemeinde Saterland wächst, während der Anteil derjenigen, die die Sprache noch beherrschen, immer geringer wird. Heinrich Pörschke und seine Mitstreiter sind dennoch optimistisch: "Es hieß schon vor hundert Jahren, dass Saterfriesisch aussterben würde. Damals gab es auch nur 2500 Menschen, die das sprachen", sagt der Vorsitzende des Seelter Buund.