Geschichtliche Entwicklung und Verfassung

Bis zum 1. Weltkrieg

Vom 1. Weltkrieg bis zum Ende des 2. Weltkrieges

Verfassung


Von der ersten urkundlichen Erwähnung bis zum 1. Weltkrieg

Urkunden über das Saterland sind aus dem frühen Mittelalter nicht erhalten. Die in den Archiven liegenden Urkunden stammen aus späterer Zeit und handeln in der Regel von den saterländischen Privilegien und vom Kampf der Einwohner um ihr saterländisches Recht.

Zur Zeit Karls des Großen (768 - 814) lebten in Nordwestdeutschland die einzelnen Sippen fast völlig unabhängig voneinander. Die Friesen und Sachsen waren Heiden. Das in Gaue eingeteilte Land zwischen Hunte und Ems gehörte zu Westfalen. Karl der Große führte von 772 bis 803 gegen die Sachsen und Friesen erbitterte Kriege, bis diese sich schließlich unterwarfen. Sachsen und Friesland wurden Teile des karolingischen Reiches.

Es ist möglich, daß das Saterland zum Emsgau gehörte, der sich über die Ems nach Ostfriesland hinein erstreckte und in den friesischen und sächsischen Emsgau untergliedert wurde.

Um die Sachsen zum Gehorsam zu zwingen, erließ Karl der Große ein Kapitular (Gesetz), in dem die Bekehrung zum Christentum zur Pflicht gemacht wurde. Bei Pflichtverletzung drohte die Todesstrafe. Die Zwangstaufe verdeutlicht, daß Karl das Reich nicht anders als durch Gewalt lenken konnte.

Um das kirchliche Leben zu ordnen, begünstigte er Kirchen und Abteien, die auch zahlreiche Privilegien bekamen, wie z. B. Befreiung von Abgaben und Gebühren.

Die Kapitularien (= Anordnungen aufgrund von Entschließungen oder Beschlüssen der Reichstage oder Synoden) beschränkten sich nicht nur darauf, fromme Ermahnungen und Grundsätze zu verkünden, sondern regelten den Betrieb und die Verwaltung der königlichen Güter und behandelten Fragen, die das tägliche Leben der Bevölkerung betrafen: das Gerichtswesen, die Staatsverwaltung, die Finanzen, den Unterricht, die Wohlfahrtspflege, Straf- und Zivilrecht, Land- und Forstwirtschaft, Siedlungsprobleme, sittliches Verhalten der Untertanen.

782 führte Karl der Große die fränkische Grafschaftsverfassung ein und ernannte auf dem Reichstag in Lippspringe sächsische Adelige zu Grafen.

Zur Sicherung seiner Herrschaft im Frankenreich setzte Karl Grafen ein. Die Grenzen einer Grafschaft orientierten sich oft, aber nicht immer an den alten Gaugrenzen. Als Vertreter des Herrschers übte der Graf alle hoheitliche Gewalt aus, denn man unterschied noch nicht zwischen rechtsprechender und verwaltender Instanz. Er hatte somit die Verantwortung für die Rechtspflege, war militärischer Befehlshaber und wachte über die Leistungen öffentlicher Dienste und Abgaben.

Die Pflichten und die Rechte eines Grafen und seines Vertreters, des Schulzen, waren sehr vielseitig. Sie hatten Gesetz und Vermögen des Herrschers zu sichern,

die königlichen Güter in der Grafschaft von jeder Minderung und Schädigung zu schützen, die öffentliche Ordnung aufrecht zu erhalten und Steuern und Abgaben zu erheben. Das Gehalt des Grafen bestand in den Erträgen aus ausgedehnten Liegenschaften. In der Zeit des Verfalls der kaiserlichen Zentralgewalt "verselbständigten" sich die Grafschaften immer mehr. Grafen waren daran interessiert, eigene Territorien aufzubauen.

Die gräflichen Rechte dürften durch das Lehnrecht begründet sein. Schon zur Zeit der karolingischen Grafen überließ der Staat ihnen und den Beamten die Forderungen an Steuern, Abgaben und Ansprüchen, die er gegen die Bewohner hatte. Die Grafen bekamen ein Lehen, ihre Versorgung war gesichert. Das Lehngebiet wurde von der staatlichen Gewalt befreit, die der Belehnte erhielt. Dem Lehnsrecht waren ferner die Wehrverfassung, die Gerichtsverfassung und die Ämterverfassung unterstellt. Durch das Lehen wurde eine dingliche Beziehung zwischen Lehnsherren und Belehntem hergestellt, die den ersteren zu Schutz und Schirm und den letzteren zu Rat und Tat verpflichtete. Die Lehen wurden später erblich und verkäuflich.

Im 12. Jahrhundert kämpften daher die Grafengeschlechter Ravensberg, Tecklenburg und Oldenburg und die Bischöfe von Osnabrück und Münster um den Ausbau der Territorialherrschaft. Zwischen ihnen herrschte ein sehr gespanntes Verhältnis.

Die Tecklenburger Grafen waren ursprünglich kaiserliche Sendgrafen, Vögte des Bistums Osnabrück, des Klosters Corvey und Gografen und erhielten vom Kaiser und dem Bischof verschiedene Lehnsgüter. Während die RavensbergerCalvelage aus Westfalen stammten, konnte die Abkunft der Tecklenburger von den Grafen von Saarbrücken nachgewiesen werden.

Der erste Graf von Tecklenburg war Graf Heinrich, der wahrscheinlich die Stammburg erbauen ließ. Seine Frau hieß Eilika und war die Tochter des Grafen Egilmar II. von Oldenburg, die als Mitgift Güter in Essen und Altenoythe erhielt. Es ist zu vermuten, daß die Grafen von Oldenburg in älterer Zeit das Amt des Vogtes der corveyischen Güter im Nordland bekleideten und ursprünglich vom Kloster Corvey mit Güterbesitz im Oldenburger Münsterland belehnt worden sind. Seinem Vater Heinrich folgte im Jahre 1170 Graf Simon, der in einer Schlacht mit den Ravensbergern fiel. Dieser Graf hatte zwei Söhne, Otto und Heinrich, die die Ravensberger besiegten. Erst 1231 söhnten sich die Grafen von Tecklenburg und Ravensberg aus.

Schließlich bahnte sich ein freundschaftliches Verhältnis zwischen den Grafengeschlechtern an. Aus dem Jahre 1238 stammt die Verlobungsurkunde des Grafen Heinrich von Tecklenburg mit Jutta von Ravensberg. Darin werden auch die Güter im Raum um Friesoythe erwähnt.

Im 13. Jahrhundert besaßen die Grafen von Tecklenburg die "comitia (= Frei-grafschaft) Sygeltra", die im Jahre 1238 zu der tecklenburgischen Morgengabe für Gräfin Jutta gehörte. Die Morgengabe bestand aus dem Haupthof Oyte (Altenoythe), mit den zugehörigen Dienstmannschaften und der Comitia Sygeltra am

Hümmling (Oldenburger Urkundenbuch, Band 5, Nr.98). In Artikel 3 der Verlobungsurkunde heißt es: Otto von Tecklenburg bestimmt seinem Sohn den Oberhof Oite und die Freigrafschaft Sygeltra. Bei der Hochzeit übergibt Heinrich dies an Jutta als Morgengabe. Stirbt Heinrich ohne Erben, so behält es Jutta so lange sie lebt. Danach geht alles an Tecklenburg zurück. Im Jahre 1245 fand die Heirat statt, Jutta war damals 13 Jahre alt. Die Ehe der beiden blieb kinderlos. Das Geschenk, die Morgengabe Heinrichs von Tecklenburg an seine Gattin Gräfin Jutta von Ravensberg, war zum Zweck der Witwenversorgung gedacht. Das Recht der Morgengabe endete durch Wiederverheiratung. Dann mußte sie wieder in den ursprünglichen Besitz der Tecklenburger gelangen.

Zum Schutz der Besitzungen legte Otto IV. von Tecklenburg 1296 die Kloppenburg an. Von hier aus wollte er das tecklenburgische Nordland beherrschen. Graf Nikolaus (1329 - 1360) eroberte wahrscheinlich das Saterland und legte den Saterländern eine Butterabgabe auf. Urkundliche Zeugnisse darüber sind nicht bekannt, literarische (hier besonders Holsche) dagegen wohl.

Bischof Otto IV (1392 - 1424) von Münster und Bischof Dietrich von Osnabrück, einige zugehörige Städte und kleinere Gebietsherren verbündeten sich am 18.6.1393 zur Bekämpfung von Graf Nikolaus von Tecklenburg. Sie unterwarfen den Tecklenburger.

Im Jahre 1397 verzichtete der Osnabrücker Bischof im Austausch gegen andere Gebiete auf seine Rechte, die er durch die Kriegsführung erworben hatte. So wurde der Bischof von Münster unabhängiger Landesherr. Am 25.10.1400 leistete Graf Nikolaus II. von Tecklenburg vor Arend Bisping, Richter zu Münster, zugunsten des Stiftes Münster feierlich Verzicht "auf die Herrschaft, das Amt und die Burg Kloppenburg, die Burg und Stadt to Oite, die Burg Schnappe mit aller Herrlichkeit, mit Gerichten, Dienstmannschaften, Bürgern, Lehngütern, freien und eigenen Gütern und Leuten usw. in den Kirchspielen Oite, Crapendorf, Lastrup, Essen, Löningen, Lindern, Molbergen, an dem Waterstrom, im Sagelterland" (Oldenburgisches Urkundenbuch, Band 5, Nr.548). Nachdem bereits im 13. Jahrhundert der Ravensburger Besitz in die Hand des Bischofs von Münster gelangte, war jetzt ein geschlossenes Territorium entstanden, das Niederstift Münster, welches politisch in die Ämter Meppen, Vechta und Cloppenburg unterteilt war.

Die Konstituierung des Saterlandes als friesisches "Land" ist in den friesischen Freiheitsbestrebungen begründet und deshalb im 13. Jahrhundert abgeschlossen. Als in das ursprünglich sächsische Saterland im 12. Jahrhundert Friesen einwanderten, beanspruchten sie für sich die "Friesische Freiheit" als Privileg Karls des Großen. Die Saterländer nannten sich später stolz "Charle freye Fresen". Dieses Privileg ist später als Fälschung erkannt worden. Eine durch Karl den Großen oder einen anderen Kaiser verfassungsmäßig begründete Freiheit hat es nicht gegeben. Die friesische Freiheit hat sich anders entwickelt, auch bei den Saterländem. Sie wuchs aus der Schwäche der Reichsgewalt, der entlegenen Lage und den Auseinandersetzungen benachbarter Mächte. Erst im 13. Jahrhundert entwickelte sich die Freiheit allmählich, als das Ansehen der fremden Grafen sank und die Grafengewalt verfiel. Im Reich besaßen die Friesen eine Sonderstellung.

Die Schulzen, sie stammen aus der Klasse der freien Grundbesitzer und waren Vertreter der staatlichen Grafengewalt, stellten sich den Grafen entgegen.

Damit entfiel die Abgabenfreiheit (Villikation) und die Hörigkeit der Bauern wurde gänzlich beseitigt. Saterländische Bauern waren wie die Barßeler frei. Das Feudalwesen blieb fremd.

Aus der friesischen Freiheit der Saterländer haben sich schließlich die Privilegien entwickelt. In späteren Zeiten mußten die Saterländer oft urkundliche Beweise dafür erbringen. In erster Linie bestanden diese aus den Bestätigungen durch die Fürstbischöfe. So gelobte am 17.11.1457 der Fürstbischof von Münster, alle Stiftsuntertanen bei ihren herkömmlichen und früher bestätigten Rechten, Privilegien und Gewohnheiten zu belassen.

Folgende Gerechtigkeiten, d. h. Privilegien, nahmen die Saterländer für sich in Anspruch:

- Teilbarkeit der Grundstücke, freie Verfügung derselben und eigene Mark
- freie Jagd und Fischerei
- Freiheit von jeglichen Diensten, es sei denn zum Schutz der Burg Friesoythe
- eigene Landes- und Gerichtsverfassung
- Abgabenfreiheit bis auf die Butterabgabe
- Beischatzungen gleich der Stadt Friesoythe
- Stellung von Bevollmächtigten zu etwa einberufenen fürstlichen münsterschen Landesversammlungen
- freies Kollationsrecht der Pfarrer
- eigene Mühlengerechtigkeit
- eigenes Wrogengericht
- Freiheit im Handel und Gewerbe, Brauerei und Brennerei.

Im Laufe der Jahrhunderte wurden einzelne Privilegien immer wieder eingeschränkt, andere durch den Landesherren bestätigt.

Als der Hof- und Herrendienst eingeführt wurde, war das Saterland davon ausgenommen. Erst 1898 beeinträchtigte ein Fischereigesetz das Fischereiprivileg. Zur Zeit der Markenteilung (1820) führte man die Unteilbarkeit der Grundstücke ein.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts gab es die letzten Eingaben und Aktionen um die Bestätigung der Privilegien.

Als 1400 der Bischof von Münster formal Landesherr wurde, hat er wahrscheinlich nicht sofort und überall die Herrschaft durchsetzen können. Das Saterland wandte sich für einige Zeit Ostfriesland zu.

Unter den ostfriesischen Häuptlingsgeschlechtern trat im 14. Jahrhundert vor allem das der tom Broks hervor, welches das Brokmerland und den Hafen Marienhafe beherrschte. 1396 nahm Widzel tom Brok die Vitalienbrüder unter Störtebeker in Ostfriesland auf. Sie unternahmen von ihren Stützpunkten aus Kaperfahrten in die Nordsee. Marienhafe war der Schlupfwinkel der Vitalier. Die Häuptlinge gewährten den Vitalienbrüdern Unterschlupf und wurden in ihren zahlreichen Fehden von den Räubern unterstützt. Die Duldung des Seeraubes entlastete die Häuptlinge von ihren Unterhaltskosten. Am 25.4.1399 wurde Widzel tom Brok mit seinen Leuten bei Detern von den Saterländern geschlagen.

Zwischen den Häuptlingen Focko Ukena und Ocko tom Brok wurde am 10.11.1424 in einem Vertrag besonders hervorgehoben, daß die Freundschaft zum Saterland erhalten bleiben sollte.

Die Stadt Groningen und deren Umland sicherte sich in einem Vertrag vom 5.5.1457 mit den Häuptlingen von Greetsiel und Esens den ungehinderten Handelsverkehr nach Westfalen und dem Saterland.

Verwaltung und Gerichtsbarkeit waren an friesische Verhältnisse angelehnt, auch wenn es politisch zum Fürstbistum Münster gehörte. Das Saterland blieb jahrhundertelang ein mehr oder weniger geschlossenes politisches Gebiet mit eigener Verwaltung.

Unter der Herrschaft der Bischöfe von Münster ist das Saterland in einem Zeitraum von 400 Jahren dreimal von Feinden heimgesucht worden. Zuerst geschah dies in einer Fehde zwischen dem Bischof von Münster und dem Grafen Edzard von Ostfriesland im Jahre 1493. Ubbo Emmius beschreibt dies: "Unverzüglich fielen die Friesen, um nichts ungeächtet zu lassen, in das Gebiet der Sagterländer ein, die auf sumpfigem Boden an der Leda wohnten. Sie waren zwar von friesischer Herkunft, aber gehorchten schon seit sehr vielen Jahren, nachdem sie sich von ihren Landesleuten getrennt hatten, dem Bischof von Münster. In ihr Gebiet fielen die Friesen feindselig ein, und verwüsteten, da sie niemand daran zu hindern wagte, ihr ganzes Land mit Brennen und Rauben so sehr sie nur konnten". Infolge längerer Reibereien hatte der Fürstbischof Heinrich 1492 einen Zug ins Rheiderland und 1493 ins Oberledingerland gemacht und die Gegend verwüstet. Die zur Rache entflammten Ostfriesen überfielen im Sommer 1493, als "das Moor trocken war, das Saterland und verwüsteten es".

Zu Beginn des 30jährigen Krieges leisteten viele Bewohner Kriegsdienste unter den Fahnen ausländischer Fürsten. Aus den Verzeichnissen von 1622 über die in ausländischen Kriegsdiensten befindlichen Bewohner geht hervor: Hermann Schweitzer und Albert Vischer aus Scharrel dienen den Holländern in Coevorden; Berndt Friedrichs aus Strücklingen hat vor 20 Jahren einen Totschlag begangen und sich deshalb in holländische Dienste begeben. Er war mit in Böhmen.

Die Mansfelder wüteten besonders im Saterland und plünderten unbarmherzig die Einwohner aus. Das Mansfelder Heer bestand aus fast 20.000 Mann, welches große Ansprüche stellte, so daß in Ostfriesland bald eine große Knappheit an Lebens- und Futtermitteln herrschte. In unerträglicher Weise drangsalierten sie die Bevölkerung. Sie beraubten die Kirchen, verjagten die Geistlichen, schleppten Männer als Geiseln fort, die die Angehörigen wieder loskaufen mußten. Der ostfriesische Winter brachte auch für die Mansfelder Truppen erschwerende Bedingungen, denn viele Ortschaften waren durch Überschwemmungen voneinander getrennt und damit ging auch eine Trennung der Truppen einher. Viele Soldaten desertierten, Krankheit und Seuchen breiteten sich aus.

Aufgrund der drohenden Gefahr zogen sich die Saterländer in die schwer zugänglichen Moorgebiete zurück. Die Mansfelder wurden schließlich in der Schlacht bei Altenoythe besiegt und zogen fort. Es gehörte zum Erscheinungsbild der Epoche, daß die Söldner, die ja nicht beim Friedensschluß in ihre vorher ausgeübten Berufe zurückkehren konnten, auf eigene Faust vagabundierten, um ihr Leben zu fristen.

Der anschließende Wiederaufbau erforderte große Geldmittel, die nur durch Anleihen zu bekommen waren. Staatliche Hilfe für Kriegsschäden waren noch nicht bekannt.

Während des Siebenjährigen Krieges (1756 - 1763) "belästigten" die Franzosen das Saterland, um ihren Bedarf an Naturalien zu decken. Nordwestdeutschland befand sich zwischen französischen, englischen und preußischen Truppen. Die Einwohner hatten die Truppen zu versorgen, Kriegssteuern zu zahlen und den Militärbehörden Pferde und Wagen zur Verfügung zu stellen.

Bald darauf trieb eine Räuberbande unter dem Räuberhauptmann Michael Huge ihr Unwesen im Saterland. Fürstbischof Maximilian Franz von Münster ordnete an, daß in den beiden Nächten vom 15./16. und 19./20.2.1787 an acht verkehrsreichen Stellen des Saterlandes (Heetberg; die Brücken vor Scharrel, Ramsloh, Hollen, Bokelesch; Wege nach Esterwegen, Lorup und Börger) des Saterlandes Wachen aufgestellt werden sollten, etwa 16 Mann stark und mit Säbel und Flinten bewaffnet. Jeder Fremde ohne Paß mußte unbedingt angehalten und überprüft werden. Es ist leider nicht berichtet, ob diese Maßnahmen von Erfolg gekrönt waren.

1667 übertrug das Osnabrücker Domkapitel die kirchliche Hoheit über das Niederstift mit den Amtern Meppen, Cloppenburg und Vechta gegen Zahlung von 10.000 Talern, die zur Tilgung der Stiftsschulden dienen sollten, dem Münsteraner Fürstbischof von Galen. Ein Vertrag wurde am 19.9.1667 geschlossen, den der Papst erst am 8.6.1668 bestätigte, da der Vertrag auch eine Änderung der Diözesangrenzen beinhaltete und daher nur von ihm bestätigt werden konnte, um endgültig rechtskräftig zu werden.

Die Tage der geistlichen Fürstentümer waren mit der expansiven Politik des nachrevolutionären Frankreich gezählt. Die Aufteilung des ehemaligen Fürstentums Münster durch den Reichsdeputationshauptschluß war von Preußen schon lange vorgesehen. Schon im August 1796 hatte sich Preußen in einem Geheimvertrag das Bistum Münster von Frankreich zusichern lassen. Das Fürstentum wurde willkürlich in mehrere Teile zergliedert. Hoche berichtet: "Die Saterländer zeigten mir nicht das Mißtrauen, das ich im Münsterland fand, wo man mich für einen Kundschafter hält, der mit einer Karte in der Hand ihr Land bereiste und an den preußischen König berichtete, von welchem sie glaubten, daß er ihr Land einnehmen wolle". Vom Regensburger Reichstag wurde am 25.2.1803 der Reichsdeputationshauptschluß verabschiedet und von Kaiser Franz II. in Wien am 27.4. des Jahres zum Reichsgesetz erklärt. Die Ämter Cloppenburg und Vechta fielen an das Herzogtum Oldenburg.

Am 6.4.1803 wurde die Konvention zwischen Frankreich, Rußland, Preußen und Oldenburg über die beiden Ämter Vechta und Cloppenburg besiegelt. Am 20.7.1803 hielten die Kommissare unter Kanonendonner Einzug in ihr Amt. Durch das französische Senatskonsult vom 13.12.1810 sollten das Königreich Holland, die Hansestädte und alle Länder (auch das Saterland) zwischen der Nordsee und einer am Rhein beginnenden Linie, die bei Travemünde endete, dem französischen Kaiserreich angeschlossen werden. Die Ämter Vechta, Cloppenburg und Wildeshausen wurden dem Arrondissement Quakenbrück im Departement Oberems, mit Sitz in Osnabrück zugeteilt. Am 28.2.1811 wurde Oldenburg französisch.

Napoleon startete im Sommer 1812 seinen großen Feldzug nach Rußland. Er beabsichtigte, durch Rußland nach Indien vorzudringen, um diese wichtige englische Kolonie zu besetzen. Napoleons Plan mußte scheitern. Er kam nur bis Moskau und mußte dann den Rückzug antreten. Der größte Teil des Heeres wurde vernichtet. Es ist berichtet, daß auch im Saterland Tote zu beklagen waren: Johann Hüntelmann und Werner Thoben aus Scharrel, Johannes Nagel und Johann Hinrich Wulf aus Ramsloh. Im Herbst 1813 ging die französische Herrschaft zu Ende.

Aus dem Kriege 1870/71 kamen aus Scharrel und Ramsloh nicht mehr zurück:

Müller, Bueter, Heinrich Brand Lüchtenborg aus Scharrel; Gruben und Caspar Dannabohm aus Ramsloh.


Vom 1. Weltkrieg bis zum Ende des 2. Weltkrieges

1914 begann der 1.Weltkrieg. Zuerst hatte weithin die Euphorie der Jugend geherrscht, die stolz war, für das Vaterland zu kämpfen. Je länger allerdings der Krieg dauerte, desto schneller verblaßte die anfängliche Begeisterung. Stattdessen breiteten sich Sorgen, Leid und materielle Not immer weiter aus.

Nach der Revolution von 1918 begann die erste deutsche Republik. Unter dem Zwang der Nachkriegszeit, jungen Menschen im landwirtschaftlichen Bereich Arbeitsmöglichkeiten zu schaffen, wurde im August 1919 das Reichssiedlungsgesetz erlassen, Grundlage für große Besiedlungsaktionen. Es gab dem Staat die Möglichkeit, ungenutzte Moorflächen aufzukaufen und sogar zu enteignen.

Etwa ab dem Jahre 1920 normalisierte sich die Lebensmittelversorgung wieder. Anfänge der Inflation deuteten sich jedoch schon 1922 an. Es gab erhebliche Preissteigerungen, und eine Flucht in Sachwerte setzte ein. Als beständiges Zahlungsmittel führte man am 20. November 1923 die Rentenmark ein. Fünf Jahre später spürte die Bevölkerung die ersten Anzeichen einer wirtschaftlichen Depression. Die Lage der Landwirtschaft verschlechterte sich immer mehr. 1930-32 zeigte die Arbeitslosenquote katastrophale Ausmaße. Die Viehpreise sanken, und die Not in der Landwirtschaft nahm bedrohlich zu.

Auch in der öffentlichen Verwaltung vermehrten sich die finanziellen Schwierigkeiten.

Bei den Reichstagswahlen am 14.9.1930 gelang der NSDAP der Durchbruch mit dem Wahlkampfthema: "Wirtschaftsnot" 1933 ergriff die NSDAP die Macht. Adolf Hitler wurde am 30.1.1933 Reichskanzler. Es gab Veränderungen in der öffentlichen Verwaltung, die freie Wirtschaft wurde eingeschränkt. Durch das vorläufige Gesetz zur Gleichschaltung der Länder mit dem Reich konnte die Reichsregierung Gesetze erlassen. Zwei Jahre später verbesserte sich scheinbar die wirtschaftliche Lage. Mit dem Neuaufbaugesetz vom 30.1.1934 wurde die Demokratie endgültig abgeschafft. Die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht deutete 1935 den Beginn der Aufrüstung an. Mit dem Ausbruch des 2. Weltkrieges wurde die Lebensmittelkartenwirtschaft eingeführt. Nach dem Frankreich- und Rußlandfeldzug war die Versorgung stark eingeschränkt. Die Zahl der Gefallenen nahm ständig zu.

Hier soll nur in ganz groben Zügen die Geschichte der letzten Kriegstage in den einzelnen Gemeindeteilen geschildert werden. Eine Niederlage Deutschlands bahnte sich ab 1943 an. 1945 näherten sich britische Streitmächte Friesoythe. Die Kriegsgeschehnisse der letzten Kriegstage wurden von den Geistlichen aus Sedelsberg (Kaplan Breuer), Scharrel (Pfarrer Tepe), Ramsloh (Pfarrer Lübbers) und Strücklingen (Pfarrer Meyerratken) aufgezeichnet.

Pastor Meyerratken wartete im Keller seines Hauses auf die Eroberung Strücklingens. Der Volkssturm errichtete eine Panzersperre. Am Bahnhof baute die Wehrmacht einen Luftschutzbunker und einen Turm zur Verteidigung. Bei ihrem Rückzug verminten die deutschen Soldaten alle Wege und Straßen. Eine Woche vor der Besetzung gab es Artilleriebeschuß, große Sachschäden entstanden an den Häusern. Küstenartilleriesoldaten rückten als Sprengkommandos an. Ernährungsbeauftragte gaben Bezugsscheine für 8 Pfund Brot und zwei Pfund Fleisch aus. "Abgebrannte" bekamen eine Sonderzuteilung. Dem "Feind" sollten die Vorräte nicht in die Hände fallen. Am 28.4. rollten um 6 Uhr morgens Panzer ein. Die Soldaten stürmten die Häuser und durchsuchten sie auf Waffen,

Munition und deutsche Soldaten. Die Alliierten rückten aus Westrhauderfehn an und hatten am Ende des zweiten Tages Bollingen erobert. Viele Wohnungen waren zerstört, die Verpflegung wurde noch knapper.

Am 26. und 27.4. lag die Abwehrlinie in Ramsloh unter Artilleriefeuer. Die Häuser erhielten Granattreffer. Im Moor und in den Häusern außerhalb des Dorfes suchten die Bewohner eine notdürftige Unterkunft. Zu berichten ist auch von einem Bauern aus Hollen, der eine Kiste mit Speck und geräucherter Wurst im Garten eingegraben hatte. Die einzige Granate, die in dem Garten landete, fiel ausgerechnet auf diese Kiste. Es hagelte Würste!

Mit Ausnahme der großen Brücke zwischen Hollen und Hollenermoor über die Sagter Ems, die als letzte den Weg offen hielt für die letzten Soldaten, die den Rückzug deckten, wurden alle Brücken gesprengt. Der "Feind" kam mit Panzern von Idafehn, unterhalb des Moores, durch Hollen-Brand nach Scharrel und von Strücklingen auf der Sagter Ems nach Ramsloh und Hollen und von Bollingen über Ramsloh-Ost nach Hollenermoor. Als der erste Panzer durch Hollen-Brand fuhr, zeigten die Bewohner die weiße Fahne. Die Truppen der 1. polnischen Panzerdivision stellten den Beschuß ein, als sie hörten, daß die deutschen Soldaten abgezogen waren.

Der Zugverkehr war seit dem 17.4. eingestellt Schon am 18.4. griffen mittags Tiefflieger Scharrel von der Ostseite an. Die Bewohner zogen sich ins Wester- und Ostermoor zurück. Am Nordende des Dorfes Scharrel errichtete man eine Panzersperre. Im Volkssturm waren alle männlichen Personen von 16 bis 60 Jahren erfaßt. Auch hier sprengte man alle Brücken Straßen und Wege wurden unpassierbar gemacht. An den Fliegerangriff schloß sich Artilleriebeschuß an. Vom 18.4. bis zum 28.4. fand kein Gottesdienst statt Das letzte deutsche Militär rückte am Abend des 27.4. ab. Am 28.4. nahmen gegnerische Truppen Scharrel von Norden und Süden ein. Dabei wurden 14 Häuser völlig zerstört, 5 Häuser beschädigt. Zur Freude der Bewohner blieben jedoch Schule und Kirche ohne wesentlichen Schaden. So konnte der Schulbetrieb in Scharrel schon im Herbst 1945 wieder beginnen.

Auch Kaplan Breuer aus Sedelsberg hat die Kriegsgeschehnisse schriftlich festgehalten.

In dem Bogen des Küstenkanals um Sedelsberg befanden sich 1945 vier Kanalbrücken für den Straßenverkehr und eine Kanalbrücke für den Eisenbahnverkehr.

Im Januar des Jahres 1945 wurden die Alarme häufiger. Ab dem 4.3. verlegte der Kaplan den Sonntagsgottesdienst. Aus südwestlicher Richtung hörten die Sedelsberger ab dem 22.3. ständig "Schlachtenlärm" Schließlich rückten am Dienstag nach Ostern deutsche Truppen an. Immer mehr Militär drang nach, Sedelsberg vor. Russische Kriegsgefangene wurden in der Schule und in der Kantine untergebracht.

Die Bevölkerung vergrub bei Nacht und Nebel Wertsachen und Lebensmittel und wanderte ins Moor, um dort das weitere Geschehen abzuwarten.

Am 11.4. sprengte die deutsche Wehrmacht die Brücken, die bei Sedelsberg über den Küstenkanal gingen, um den Einzug des Gegners zu verhindern. Post und Zeitung konnten das Dorf nicht mehr erreichen. Infolge der völligen Stromsperre konnten ab dem 24.4. Nachrichten nicht mehr nach Sedelsberg gelangen. Einen Tag später verminte man die Koloniestraße. Durch Beschuß brannte die Torfstreufabrik Moorgut Sedelsberg (im Volksmund "Mullbude" genannt) am 26.4. ab. Am Abend des folgenden Tages zog das deutsche Militär aus Sedelsberg ab, am nächsten Tag setzte Panzerbeschuß ein, Dach und Mauerwerk der Kirche wurden schwer beschädigt. 11 deutsche Soldaten fielen bei den Kämpfen um Sedelsberg. In der Kirche konnte man ab dem 1.5. wieder Gottesdienst abhalten. Hermann Knelangen aus Sedelsberg machte viele Minen unschädlich.

Aus den ersten Nachkriegstagen im Saterland ist ein Bericht vom ersten "Bürgermeister" erhalten.

Nach Beendigung des Krieges bestand die Gemeinde Saterland weiter. Im Sommer 1945 bestimmte die englische Militärregierung den ehemaligen Gemeindevorsteher von Ramsloh (1926 - 1932), Kaufmann Hermann Bitter, zum Bürgermeister der Gemeinde Saterland. Im Februar 1946 erfolgte seine ordnungsgemäße Wahl durch den Kreistag zum Landrat. Die l8jährige Amtszeit von Landrat Bitter war erfüllt mit dem Wiederaufbau. Durch die Verleihung des Großen Bundesverdienstkreuzes würdigte man ihn.

Nach der Kapitulation war Deutschland in vier Besatzungszonen eingeteilt. Organe der Selbstverwaltung waren nicht vorhanden. Die notwendige Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln war nicht mehr gewährleistet, obwohl die Rationen auf den Lebensmittelkarten drastisch verkürzt wurden. Aus den Ballungsgebieten, wie z. B. dem Ruhrgebiet, kamen die Menschen in überfüllten Zügen in die ländlichen Gebiete (Hamsterfahrten), um Grundnahrungsmittel zu erbetteln oder einzutauschen. Tauschhandel und Schwarzmarkt blühten auf, ebenso wie das "Schwarzschlachten, ,-,mahlen", ,-,buttern" und ,-,brennen".

Nach dem 2. Weltkrieg bekam auch die Gemeinde Saterland viele Flüchtlinge und Heimatvertriebene zugewiesen. In Scharrel und Sedelsberg betrug die Zahl der Flüchtlinge etwa 750. Jedem Einwohner, ob Einheimischer oder Vertriebener, wurde nur eine Wohnfläche von 6 bis 8m2 für den Eigenbedarf zuerkannt. Bei den beschränkten Wohnverhältnissen in den ersten Nachkriegsjahren war die Unterbringung äußerst schwierig. Die Einheimischen hatten in ihre Häuser ein bestimmtes Soll an Flüchtlingen aufzunehmen. Neubauten konnten aufgrund des Materialmangels kaum erstellt werden. Das größte Problem der ersten Nachkriegsjahre bestand in der ausreichenden Versorgung der Bevölkerung mit Nahrungsmitteln, Heizmaterial, Kleidung, Wohnraum etc.

In der Nachkriegszeit wurde die Aufnahme von Flüchtlingen und Vertriebenen zu einem großen Problem für die Gemeinde. Es gab viele Schwierigkeiten bei der Unterbringung. Baracken wurden errichtet, die als Notwohnungen dienten.

Aber nicht nur auf dem Bausektor, sondern auf allen Gebieten mußte man organisieren und vor allem improvisieren.

Eine spürbare Hilfe brachte den Vertriebenen und Kriegsgeschädigten erst das Lastenausgleichsgesetz vom 21.4.1952.


Die Verfassung

Jede Gemeinschaft benötigt gewisse Regeln für das Zusammenleben, wobei jede Zeitepoche ein eigenes Weltverständnis, eigene Rechtsvorstellungen hat. Straf- und Privatrecht regeln das Leben in der Gemeinschaft. Jedes Mitglied besitzt bestimmte Rechte aber auch Pflichten, die, wenn nötig, gerichtlich geregelt werden müssen.

Bis um 800 n. Chr. drückte sich der Volkswille in der Volksversammlung aus, welche auch die Staatsgewalt ausübte. Ursprungszelle dieses germanischen Staates war eine genossenschaftlich organisierte Sippe. In den Gerichtsversammlungen hatte ein Richter den Vorsitz, der auch Recht sprach, welches er von den freien Germanen, die Mitglieder der Gerichtsversammlungen waren, erfragte. So war die Rechtspflege eine Angelegenheit des Volkes.

Im Jahre 772 berief König Karl die Reichsversammlung nach Worms, denn er beabsichtigte, in seinem großen Reich eine einheitliche Verfassung und neue Rechtsverhältnisse zu schaffen. Im Jahre 802 erließ er in Aachen das Sachsen- und Friesengesetz: Lex Saxonum und Lex Frisionum, ein schriftlich fixiertes Volksrecht nach fränkischem Vorbild.

Neben dem Volksgericht entwickelte sich durch die Verfügung des Königs das Grafschaftsgericht und das Sondergericht für die freien Besitzer von eigenem Grundbesitz.

Die Eigentumsübertragung ging im 9. Jahrhundert lediglich in mündlichen Formen, in Anwesenheit von Zeugen, vor sich. Durch die Übergabe von Eigentumssymbolen wurde die Besitzänderung dokumentiert. Ausfertigung von Übertragungsurkunden oder Eintragungen in gerichtliche Grundbücher, wie im späten Mittelalter, kannte man damals nicht. Als einziger rechtsgültiger Beweis galt die Aussage der Zeugen.

Als die karolingische Grafschaftsverfassung verfiel, entwickelten die Friesen ihre Sonderrechte, die am besten mit dem Begriff der "friesischen Freiheit" beschrieben wird. Diese "Freiheit" galt auch für das Saterland, wobei die Ramsloher Kirche in der Verfassungsgeschichte des Saterlandes eine bedeutende Rolle spielte. Auf dem Ramsloher Kirchhof tagte das Saterländer Landgericht als oberste gerichtliche Instanz. In der Ramsloher Kirche befand sich die Lade, in der die Saterländer ihre Normmaße, Gewichte und das Landesarchiv mit dem "Saterländer Gerecht" aufbewahrten. Diese Holzkiste besaß drei Schlösser, wozu jedes Kirchspiel seinen eigenen Schlüssel hatte. So konnte das Archiv nur in Anwesenheit aller drei Schlüsselinhaber geöffnet werden.